Harald Martenstein Über Michel Houellebecq und die Benutzung von Romanen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 5/2015

Aus Anlass des Romans Unterwerfung von Michel Houellebecq möchte ich eine Gebrauchsanweisung für die Benutzung von Romanen verfassen. Immer weniger Menschen wissen, wie man sachgerecht mit Romanen umgeht. Es gibt auch immer mehr Ängste. Vor einigen Monaten meldete die New York Times, dass Studenten in den USA Warnhinweise auf Büchern verlangen, falls diese Rassismus oder Sexismus enthalten. Shakespeares Kaufmann von Venedig könne zum Beispiel jüdische Studenten traumatisieren, deshalb müsse das Theaterstück mit dem Hinweis "Achtung, enthält Antisemitismus!" versehen werden. Unterwerfung handelt übrigens davon, wie Frankreich in einen islamischen Staat verwandelt wird.

Ganz wichtig ist es, dass man zwischen dem Schriftsteller und den Figuren seines Romans oder Stückes unterscheidet. Manchmal sind Bücher in der Ich-Form erzählt. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Wenn in einem Roman der Satz steht: "Ich möchte alle Albaner skalpieren, ich will Pferde töten und allen Schmetterlingen die Beine ausreißen", dann ist dies nicht unbedingt ein persönlicher Wunsch des Autors. Der Satz ist auch nicht als Aufforderung zu verstehen, etwas Derartiges zu tun. Wenn in einem Roman schlimme Dinge beschrieben werden, dann versuchen Sie bitte auf keinen Fall, diese Dinge zu Hause nachzumachen. Die meisten Schmetterlingsarten stehen unter Schutz.

Manche Romane handeln von wirklich extrem schlimmen Sachen, sogar von Verbrechen. Der Grund dafür ist, dass Romane meistens von der Welt handeln, wie sie ist, oder aber von Fantasiewelten. Die meisten Romane beschreiben leider nicht die Welt, wie sie im Idealfall sein sollte, dafür sind eher Parteiprogramme oder die heiligen Schriften der Religionen zuständig. Falls Sie Angst vor Romanen haben, lesen Sie einfach Parteiprogramme oder die Zehn Gebote! Sie können natürlich auch Serien im deutschen Fernsehen anschauen.

Die meisten Autoren möchten mithilfe der Geschichte, die sie erzählen, etwas über sich und die Welt herausfinden. Es sind Versuchsanordnungen, man kennt das aus dem Chemieunterricht. Dazu schlüpfen die Autoren zum Beispiel in die Haut von Verbrechern oder erfinden eine Zukunft, die hoffentlich nie eintrifft. Es gibt sogar einen Roman über einen SS-Mann, der intelligent und relativ sympathisch ist. In sehr vielen Romanen kommen tatsächlich sexistische, ausländerfeindliche, gewaltverherrlichende, drogenverharmlosende oder unsensible Passagen vor. Wenn Sie beabsichtigen, einen Roman zu lesen, müssen Sie sich dieser Gefahr bewusst sein. Manche Autoren möchten die Welt verbessern, aber dies ist bei Weitem nicht bei allen Autoren der Fall. Einige von ihnen sind einfach nur neugierig, sie fragen: Was wäre, wenn?

Man muss leider zugeben, dass Bücher von moralisch indifferenten, menschlich schwierigen oder sogar gestörten Autoren manchmal interessanter sind als die Romane von grundanständigen, freundlichen Menschen, mit denen man gerne einen Kaffee trinkt. Es wird in den Romanen auch nicht immer klar, wie die Autoren es meinen. Von einem Leitartikel darf man verlangen, dass man hinterher genau weiß, wie der Autor die Dinge sieht, bei einem Roman ist dies nicht der Fall. Deshalb gibt es die "Romaninterpretation", während das Fach "Leitartikelinterpretation" unbekannt ist.

Falls Sie Politiker sind, sollten Sie sich über Romane und ganz allgemein Bücher nur äußern, wenn Sie wenigstens 100 Seiten gelesen haben, eine Inhaltsangabe genügt auf gar keinen Fall.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio


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