© Sean Gallup/Getty Images

Das war meine Rettung: "Rettung heißt auch, dass du deinen Frieden machen kannst mit dir"

Als Kind schrammte Margot Käßmann mit dem Fahrrad gegen ein Auto – und lernte etwas über Schuld und Vergebung. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 5/2015

ZEITmagazin: Frau Käßmann, die Christen nennen Jesus den Retter der Welt. Was ist Ihre liebste Rettergestalt außerhalb des Christentums?

Margot Käßmann: Am meisten überzeugen mich Retter, die gewaltfrei bleiben. Der Held meiner Jugend war Martin Luther King.

ZEITmagazin: Und im Alltag: Was ist Ihre früheste Erinnerung an eine unrettbare Situation?

Käßmann: Ich bin neben der Autowerkstatt meines Vaters aufgewachsen. Eines Tages, es muss noch vor der Einschulung gewesen sein, schrammte ich mit dem Fahrradlenker an einem Auto entlang. Ratsch! Von einem Kotflügel zum andern. Da habe ich das Fahrrad hingeworfen und bin heulend in mein Zimmer gerannt.

ZEITmagazin: Aus Kindersicht ein Totalschaden. Und dann?

Käßmann: Kam mein Vater und sagte: Mach dir nicht so einen Kummer, zeig uns die Schramme, und wir lackieren neu. Das fand ich rettend.

ZEITmagazin: Welche Lehre haben Sie daraus gezogen?

Käßmann: Steh zu deiner Schuld, dann gibt es immer einen Ausweg. Theologisch gesprochen: Schuld kann vergeben werden. Wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da hat ein Sohn das elterliche Erbe verplempert, hat alle enttäuscht, doch als er heimkehrt, breitet der Vater die Arme aus: Lass uns feiern! Das Rettende ist für mich keine Macht, die von außen eingreift.

ZEITmagazin: Sondern?

Käßmann: Der Mut, sich einem Problem zu stellen. Dazu gehört auch das Bekennen der eigenen Fehler.

ZEITmagazin: Wie nach Ihrer Alkoholfahrt?

Käßmann: Ich bin überzeugt, jeder Mensch kommt einmal im Leben in die Lage, zu sagen: Das hier hätte mir nicht passieren dürfen, aber es ist passiert. Und dann kommt es darauf an, ob er neu anfangen kann. Deshalb setze ich mich für Resozialisierung ein: Wir dürfen selbst Straftäter nicht nur auf ihre Fehler festnageln, sondern müssen ihnen zutrauen, dass ihr Leben anders weitergeht. Rettend ist, wenn dir dabei jemand hilft.

ZEITmagazin: Nur durch Verzeihen und Trost? Wünschen wir uns nicht manchmal auch einen James Bond, der uns aus allem raushaut?

Käßmann: Eher, dass wir festgehalten werden, wenn wir abrutschen. Ich verstehe das Bild im übertragenen Sinne: Rettung ist Gnade. Ich verachte dich nicht!

ZEITmagazin: Sie waren Pfarrerin und Bischöfin, da wird man schon mal als letzte Rettung angesehen. Fanden Sie das belastend?

Käßmann: Nein, überhaupt nicht. Die große Botschaft des Christentums ist ja, dass wir trotz unserer Fehler geliebt werden. "Christ, der Retter ist da!"

ZEITmagazin: Man sagt ja auch: der Erlöser.

Käßmann: Erlösung vom "ewigen Tod" heißt Befreiung von der Angst, hier und jetzt alles erreichen zu müssen. Der katholische Theologe Manfred Lütz hat mal gesagt, die Lebenszeit der Menschen habe sich wahnsinnig verringert: Früher hatten sie ihr irdisches Leben und danach noch die Ewigkeit. Die fällt nun weg. Meine Erfahrung als Seelsorgerin ist, dass die Menschen sich selbst unter Druck setzen und verurteilen: versagt zu haben, nicht geliebt zu sein, falsch gelebt zu haben. Rettung heißt auch, dass du deinen Frieden machen kannst mit dir.

ZEITmagazin: Fällt Ihnen das schwer?

Käßmann: Nein. Gott hat mir ein sonniges Gemüt mitgegeben. Deshalb halte ich auch die ständige Reduzierung meines Lebenslaufs auf die Trilogie Brustkrebs – Scheidung – Rücktritt für eine ziemlich beschränkte Wahrnehmung.

ZEITmagazin: Nach Ihrem Rücktritt vom Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche 2010 sagten Sie: "Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand."

Käßmann: Gemeint war: Wir sind gehalten im Leben und im Sterben. Das Leben ist nicht leidfrei, also lerne, mit Leid und Tod zu leben. Ich habe mich immer gehalten gefühlt durch Familie und Freunde, denen egal war, was über mich in der Zeitung steht. Wenn ich mal ganz viel Zeit habe, schreibe ich eine Theologie der Freundschaft.

ZEITmagazin: Und wenn Sie selber jemandem helfen sollen, aber nicht können?

Käßmann: Ich bekomme viele Briefe von Menschen, die auf Hilfe hoffen, weil sie denken, dass ich über den nötigen Einfluss verfüge. Manchmal gelingt es zu helfen. Aber ich musste lernen, es zuzugeben, wenn ich nicht helfen kann. Es kann auch rettend sein, wenn endlich einer ausspricht, dass nichts mehr zu retten ist. Plötzlich fühlen sich alle befreit.

ZEIT-Redakteurin Evelyn Finger gehört neben ihrem Kollegen Ijoma Mangold, der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Käßmann: ....Eines Tages, es muss noch vor der Einschulung gewesen sein, schrammte ich mit dem Fahrradlenker an einem Auto entlang. Ratsch! Von einem Kotflügel zum andern. Da habe ich das Fahrrad hingeworfen und bin heulend in mein Zimmer gerannt
....
ZEITmagazin: Welche Lehre haben Sie daraus gezogen?
Käßmann: Steh zu deiner Schuld, dann gibt es immer einen Ausweg.

Wie kann man als Erwachsener bei einem Versehen in einem solchen Alter von Schuld reden, selbst wenn man es als Kind so empfunden haben mag.

Das hat doch mit Theologie nichts zu tun. das ist einfach nur dummes Zeug. Bitte verschonen Sie uns doch mit einem solchen Käse.

@R4mbo, SethusC

@R4mbo, SethusC
"Steh zu deiner Schuld" ist keine Formulierung eines Kindes im Vorschulalter. Frau Käßmann ist protestantische Theologin. Ihr Gebrauch des Begriffs "Schuld" kommt nicht von ungefähr. Sie sagt nicht: Steh zu deiner Ungeschicklichkeit, deiner Unachtsamkeit. Sondern sie zieht -
"Welche Lehre haben sie daraus gezogen?" -den Schluss: Steh zu deiner Schuld. Mit Blick auf das von Käßmann angeführtes Beispiel ist der Gebrauch von "Schuld" absoluter Käse, erlaubt aber einen Einblick in die verquaste Theologie.

Kommen Sie auch mal ohne Pöbeleien aus?
absoluter Käse, verquaste Theologie, das sind keine Argumente, das ist Arroganz.

Schuld ist ein völlig geläufiger Begriff. Sie sagen vermutlich auch "Entschuldigung", wenn Sie versehentlich jemanden angerempelt haben.
Sie versuchen da jetzt etwas hineinzuinterpretieren. Und das, was Sie da hineininterpretieren, werfen Sie Frau Käßmann vor. Nicht sehr überzeugend.

@SethusC.

@SethusC.
Nochmal: Schuld ist einer der zentralen Begriffe in der protestantischen Theologie und er steht da nicht von ungefähr.
Natürlich kann ich auf Begriffe wie "absoluter Käse" (trifft jedoch den Punkt) und "verquaste Theologie" (die Anwendung des Schuldbegriffs auf kindliche Handlungen scheint mir genau das zu sein ) verzichten. Nennen wir den Gebrauch dieses Begriffs also sachlich und fachlich falsch, wenn es Ihnen weiterhilft.

Sie müssen mir nicht "weiterhelfen".
Und Begriffe zurückzunehmen und sie in Klammern doch wieder als zutreffend hinzustellen, ist einfach nur kindisch.

Auf den eigentlichen Inhalt der Aussagen von Frau Käßmann, zu seiner Schuld (Verantwortung) stehen, Schuld vegeben etc gehen Sie weiter mit keinem Wort ein, vermutlich da Sie einer ev. Theologin ungern Recht geben.