Martin Walser "Eine unersättliche Gier nach Vergangenheit"

Vor siebzig Jahren wurde Dresden bombardiert. Dabei verbrannte auch das Zuhause eines Jungen, der später Vorbild wurde für Martin Walsers Nachkriegsroman "Die Verteidigung der Kindheit". Wer war dieser Mann? Der Schriftsteller erzählt. Interview:
ZEITmagazin Nr. 5/2015

Schaut her, da bin ich!, scheint der Mann dem Betrachter zuzurufen. Immer allein, immer etwas unbeholfen. Auf deutschen Marktplätzen, in Italien, im Schwimmbad – immer musste Manfred Ranft dokumentieren lassen, dass er da gewesen ist. Wer ist dieser Fotosüchtige?

Manfred Ranft wurde 1929 in Dresden geboren. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde sein Zuhause vernichtet und mit ihm alle Erinnerungen an seine Kindheit. Auch seine Großeltern sind in dieser Nacht verbrannt. Dieser Verlust lässt Ranft nie wieder los, verzweifelt versucht er, ihn zu kompensieren. Als Erwachsener beginnt er alles zu sammeln, was ihm diese Zeit zurückbringt: Er versucht, alte Fotos von seiner Familie und Erinnerungsstücke zu ergattern, er notiert aus dem Gedächtnis Sätze, die früher gesagt wurden. So verteidigt er die Kindheit gegen die Zukunft – besonders nach dem Tod seiner Mutter, die für ihn das letzte Bindeglied zur Vergangenheit gewesen ist. Sein ganzes Leben richtet er schließlich darauf aus. Das geht so weit, dass er jede Postkarte zweimal kauft und beide mit dem identischen Text versieht, bevor er eine abschickt – er kann auch den kleinsten Verlust nicht mehr verschmerzen. Nachdem er Dresden verlassen, in Berlin studiert und eine Stelle in Wiesbaden angenommen hat, sammelt er auch alles, was mit der nun zum zweiten Mal verlorenen Heimatstadt zu tun hat. Das Sammeln bleibt, bis zu seinem Tod 1987, Ranfts große Leidenschaft.

Der Schriftsteller Martin Walser hat Manfred Ranfts Geschichte in dem biografischen Roman Die Verteidigung der Kindheit erzählt, der 1991 erschien und von dem Marcel Reich-Ranicki sagte, er sei eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun sind die Dokumente, auf die sich Walsers Buch stützt, im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen: Bilder und Aufzeichnungen von Manfred Ranft. Sie sind Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen, die sich anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Bombardierung mit literarischen Zeugnissen der Zerstörung beschäftigt. Das ZEITmagazin zeigt erstmals die Fotografien von Manfred Ranft, der in Walsers Buch Alfred Dorn heißt, und wir sprachen mit Martin Walser darüber, wie er auf diesen ungewöhnlichen Mann aufmerksam wurde und warum er ihn zur Hauptfigur seines Buches machte.

Martin Walser im März 2013 © Ralf Juergens/Getty Images

Wir treffen den Schriftsteller in seinem Haus in Überlingen. Auch er ein Sammler: Die Regale in seinem Arbeitszimmer quellen über von Manuskripten und Büchern. Vor dem Panoramafenster glitzert der Bodensee in der Januarsonne.

ZEITmagazin: Herr Walser, wie kam Manfred Ranfts Geschichte zu Ihnen?

Martin Walser: Eines Tages im Jahr 1988 läuteten zwei alte Damen an meiner Tür. Sie hätten etwas für mich.

ZEITmagazin: Und Sie haben sie hereingelassen?

Walser: Sie hatten ein Bündel Postkarten dabei und sagten: Das hier muss Sie interessieren, das wäre eine Geschichte für Sie. Es waren zwar nur Postkarten, aber darin war ein Reiz. Die eine Dame stammte aus Dresden und hatte Ranfts Mutter gekannt. Sie erzählte mir sehr viel über Manfred Ranft, aber vor allem ging es ihr um Dresden. Sie hing mit allen Fasern ihrer Seele an dieser Stadt – genau wie Ranft. Sie war, wie sich herausstellte, keine große Leserin.

ZEITmagazin: Warum kam sie dann zu Ihnen?

Walser: Sie hatte im Fernsehen mal eine Sendung gesehen, in der ich sagte, dass ich die deutsche Teilung für nicht akzeptabel halte, das habe ich damals gesagt, so oft es ging. Sie hat mir dann auch von einem Kollegen von Manfred Ranft im hessischen Kultusministerium erzählt. Den habe ich dann ein Jahr lang immer wieder getroffen, und er hat mir alles gesagt, was er über Ranft wusste. Er war Ranfts einziger Freund im Westen.

ZEITmagazin: Sie haben dann den Nachlass von Manfred Ranft gekauft. Haben Sie noch mehr recherchiert?

Walser: Ich bin nach Dresden gefahren und habe alle möglichen Leute, die mit Ranft zu tun hatten, aufgesucht. Das war kurz vor dem Mauerfall. Von der Familie hat niemand mehr gelebt, nur eine Tante, die habe ich dann auch aufgesucht. In Dresden bin ich auch all die Wege von Manfred Ranft abgegangen. Ich habe damals eine Liebesmühe verwendet, die mir heute selbst kaum mehr vorstellbar ist. Ich wollte eben eine vollkommene Vertrautheit mit allem.

ZEITmagazin: Kannten Sie Dresden vorher schon?

Walser: Ich war schon mal dort gewesen. Ich gehörte einem Gremium an, das für den Wiederaufbau der Frauenkirche gestimmt, gearbeitet und gesammelt hat. Aber an Ranfts ganzer Persönlichkeit und daran, wie er an Dresden hing, habe ich erst richtig gemerkt, was das für eine Stadt ist. Dann ist mir auch aufgefallen, dass ich damals im Westen nicht so viele Ostdeutsche kannte, die sich so an eine bestimmte Stadt in der DDR, Rostock oder Leipzig zum Beispiel, gebunden fühlten. Nur Dresdner, und das war ungeheuer beeindruckend, wie diese Leute an Dresden hingen. Da habe ich gedacht, diese Art von Liebe kenne ich gar nicht, die kann ich nur bewundern. Wenn es mich irgendwo anders hin verschlagen hätte, ich hätte im Hintergrund nichts, was mit dem Reichtum der Dresdner Geschichte vergleichbar wäre.

ZEITmagazin: Wie nehmen Sie das wahr, was Pegida im Moment in Dresden veranstaltet?

Walser: Ich nehme das wahr, aber das ist nicht mein Dresden, was da stattfindet, das ist so gefärbt von aktuellen Stimmungen und Situationen. In ein, zwei Jahren kann sich niemand mehr an dieses komische Wort erinnern. Auch nicht mehr an diese Partei, wie heißt sie noch?

ZEITmagazin: AfD.

Walser: Na, das wird vielleicht noch drei Jahre länger gehen. Aber die historischen Bedingungen für diese national gedachten Gruppierungen werden verlöschen.

ZEITmagazin: Im Roman schreiben Sie: "Er mußte sich wehren gegen das Vernichtetwerden. Das hatte nach dem 13. Februar 1945 begonnen, als mit Dresden auch die Dornsche Wohnung in der Bosbergstraße 28d verbrannt war und in ihr die Foto-Alben der Familie und drei Filme: erster Schultag, silberne Hochzeit, Konfirmation [...], und ein paar Straßen weiter, in der Kaulbachstraße, waren die Großeltern mütterlicherseits verbrannt." Und: "Durch keinen Verlust wird Verlust so deutlich wie durch Vergangenheitsverlust." Sie sind zwei Jahre älter als der 1929 geborene Ranft – haben Sie diesen Vergangenheitsverlust durch den Krieg auch so erlebt?

Walser: Das war natürlich sehr erlebbar durch ihn und durch andere Dresdner. Weil die durch das kaputt gemachte Dresden wirklich Vergangenheit verloren haben. Das war hier am Bodensee nicht so. Ich habe mich ja richtig ins Dresdnerische hineingearbeitet, weil der Ranft so ein historisch interessierter Mensch war. Ich habe in der Sächsischen Landesbibliothek recherchiert, und dort hat mich eine Mitarbeiterin auch auf die Tagebücher von Victor Klemperer aufmerksam gemacht. Ich kannte Klemperers Nachkriegsmemoiren, und da wollte ich natürlich auch diese Tagebücher lesen. Ich habe dann später ein bisschen daran mitgewirkt, dass sie veröffentlicht werden. Ohne diese Lektüre hätte ich das jüdische Thema nicht in den Roman hineinbringen können. In meinen Aufzeichnungen gibt es zum Beispiel auch eine handschriftliche Seite mit allen Verboten, die den Juden damals auferlegt wurden.

ZEITmagazin: Manfred Ranft beginnt nach dem Abitur in Leipzig ein Jurastudium, scheitert aber an einer Prüfung und versucht, das Studium in West-Berlin fortzusetzen. Für den Einserabiturienten und schon als Kind hervorragenden Pianisten ist das eine große Beschämung: "Dieses quälende Gefühl, das Falsche gewählt zu haben, nicht zu genügen, nie." Nur die zärtliche und witzige Korrespondenz mit seiner innig geliebten Mutter in Dresden kann ihn ein bisschen stützen. Er braucht ihren Zuspruch zum Überleben. "Es sieht nicht so aus, als sei die Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn ein Getue gewesen. Sie sind zueinander, das zeigen ihre Briefe, ziemlich offen. Zwischen Miststück und Prinz fehlt keine Figur in ihren Briefen an ihn. Und er läßt nichts aus zwischen Schaf und Königin", heißt es im Buch.

Walser: Es gibt nicht viele so intim-intensive Bindungen und Verbindungen wie die zwischen dieser Mutter und diesem Sohn. Dazu kam, dass ihr Mann sich von ihr hat scheiden lassen und sie alleine war. Mutter und Sohn haben hin und her und her und hin geschrieben – und zwar einfach auf eine beeindruckende Weise. Und da habe ich gewusst, das ist die deutsche Teilung. Ohne die Teilung wäre diese Verbindung zwischen Mutter und Sohn kein Romanmotiv für mich gewesen. Aber so musste der Sohn, wenn er seine Mutter in Dresden besuchen wollte, unendlich lästige und belästigende bürokratische Schwellen überwinden. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht herüberkam. Das war der Stoff für meinen Roman: die Mutter-Sohn-Bindung und die Teilung.

ZEITmagazin: Schließlich gelingt es ihm, die Mutter nach West-Berlin zu holen. Sie ist schwer erkrankt, und er pflegt sie bis zu ihrem Tod. Nach dem Studium geht er nach Westdeutschland und arbeitet im hessischen Kultusministerium in Wiesbaden. Zu seinen Aufgaben zählt das Bewahren von Altertümern. Aber er ist sehr einsam. "Er sei auf eine Weise allein", schreiben Sie, "wie er es noch nie von einem anderen gehört habe; aber vielleicht seien viele so allein und sprächen’s nur nicht aus, weil es fast unanständig sei, so gar keinen und keine zu haben: Leer, angstvoll und gespannt sitze er abends in seinem Zimmer."

Walser: Sein Kollege in Wiesbaden, der mir so viel über ihn erzählte, war wirklich der Einzige hier im Westen, an den er sich wenden konnte.

ZEITmagazin: Sein Vater habe ihm immer mangelnde Männlichkeit vorgeworfen, schreiben Sie, dass er zu weich sei. Seine Vermieterin schickt ihn sogar in die Tanzstunde, damit er eine Frau kennenlernt. Aber Ranft fühlt sich körperlich wohl eher zu Männern hingezogen. Doch seinen Aufzeichnungen nach hatte er das nie gelebt. Alles Körperliche war ein Problem für ihn. Auf den Fotos wirkt er, als würde er sich in seiner Haut nicht wohlfühlen, als wäre sein Körper ein Anhängsel, mit dem er nichts zu tun hat, mit dem er nichts anzufangen weiß.

Walser: Entschuldigen Sie, das sagt mehr über Sie als über ihn. Das setzt voraus, dass man mit seinem Körper etwas anfangen müsse. Da wollen wir ihn in Ruhe lassen. Aber was stimmt, ist, dass er sich dauernd als Solist hat fotografieren lassen. Immer in der gleichen Haltung und das eine Bein so ein bisschen weggestreckt.

ZEITmagazin: Auf mich wirken die Bilder, als hätte er sich selbst vergewissern müssen, dass er da ist, und doch sieht er auf ihnen aus wie aus der Welt gefallen.

Walser: Er lässt sich fotografieren und glaubt, er sei da, aber er lebt gar nicht auf den Bildern.

ZEITmagazin: Diese Fotos sind Teil seiner "Fotothek" – überall, wo er gewesen ist, hat er Aufnahmen von sich machen lassen, auf historischen Marktplätzen, im Schwimmbad, im Urlaub. Wer die Bilder gemacht hat, weiß man nicht. Die Fotos waren nicht das Einzige, was er gesammelt hat, schreiben Sie in Ihrem Buch. Irgendwann hat er auch angefangen, Sätze, die seine Eltern früher einmal gesagt haben, zu notieren – wortgenau. Und in Kalendern hat er minutiös alles notiert, was ihm widerfahren ist. Unter großem Aufwand hat er sich auch Erinnerungsstücke aus seiner Kindheit in Dresden beschafft. Und er hat Dresdneriana gehortet, Dinge, die mit dem alten Dresden zu tun hatten. "Jeder Mensch verdient ein Museum", lassen Sie ihn in Ihrem Buch sagen. Können Sie diese Sammelleidenschaft nachvollziehen?

Walser: Natürlich, ich verstehe, dass man jedes Detail, jedes Kochgeschirr, alles, was mit der Zeit zu tun hat, die weg ist, dass man das sammelt und verehrt – weil es an die Vergangenheit erinnert. Ich sammle Menschen und bin da genauso eifrig wie er mit der Vergangenheit. Ich kann nichts wegwerfen, was mit meinen Gegenständen und Materialien als Schriftsteller zu tun hat. Ich sammle, als würde ich 200 Jahre alt werden, und ersticke mich selber, verunmögliche mich selber. Aber das ist eben das Zeichen, dass man von etwas abhängig ist, wie er von der Vergangenheit. Und das war bei ihm natürlich rührender, als es bei mir je sein kann.

ZEITmagazin: "Das Einzige, was die Zeit eine Zeitlang übrig läßt, sind die Dinge", schreiben Sie. Glauben Sie, dass ihm diese ganzen Dinge Trost gegeben haben?

Walser: Nein, er hatte ja eine unersättliche Gier nach Vergangenheitsdingen, das kann nie befriedigt werden. Da kann man noch so viel kriegen, es wird immer noch etwas fehlen. Nennen wir das einmal die freundlichste Art von Sucht, die er da hatte. Er ist erfüllt von dem großen Verlust, der Verlust ist Dresden, ist seine Familie, und darauf reagiert er süchtig, gierig, als Sammler. Aber wie man weiß, kann das zu keinem glücklichen Ende führen.

ZEITmagazin: Sie haben auch die sehr intime Korrespondenz mit seiner Mutter gelesen. "Wenn er traurig war, zeichnete er sich als Häschen hin, dann auch schon mal richtig weinend", schreiben Sie. War das manchmal heikel, so in das Leben eines Fremden einzudringen?

Walser: Ich habe geglaubt, was ich sonst niemals getan habe, dass ich mich in ihn hineinversetzen kann. Ich war so voller Dresdneriana und durch die vielen Gespräche mit seinen Bekannten sozusagen in der Familie zu Hause. Und ich habe immer gedacht, das ist wie bei meiner Mutter und mir, in der Nähe, in der Abhängigkeit. Meine Mutter und ich waren auch so aufeinander angewiesen, meinen Vater gab es ja auch nicht mehr. Er ist gestorben, als ich elf Jahre alt war. Von daher fühlte ich mich dann auch, wenn Sie so wollen, legitimiert durch die Nähe, die Erlebnisnähe.

ZEITmagazin: Auch nach dem Tod der Mutter gelingt es ihm nicht, aus dieser engen Mutter-Bindung heraus einen Weg zu finden in eine andere Bindung. Er ist sein Leben lang allein geblieben. Manchmal ist es richtig schmerzhaft, zu lesen, wie er aus Liebe zur Vergangenheit die Gegenwart verpasst: "Gegenwart, das war für ihn der Zwang, die Vergangenheit zurückzulassen, sich dem Leben zuzuwenden. Leben – das war eine Zusammenstellung von Aufgaben, die ihm nicht lagen. Zukunft war für ihn nur eine ins Unerträgliche gesteigerte Fortsetzung der Gegenwart: fortgeschrittener Zerfall, den er an Haaren und Zähnen, Haut und Knochen immer schon erlebte und mit immer größerer Aufmerksamkeit und Angst beobachtete. In jedem Augenblick konnte diese Angst vor dem Verfall ausbrechen, der Schrecken, den das Vergehen weckt." Waren die vielen Fotos, die er von sich anfertigen ließ, ein Versuch, die Vergänglichkeit zu überwinden?

Walser: Mir ist er nirgends so fremd wie auf diesen Bildern. Er hat in seinen Erzählungen von den Schwierigkeiten mit dem Studium oder in den Gegenständen aus Dresden viel mehr gelebt. Was die Vergänglichkeit angeht: In meinem Buch Ein springender Brunnen habe ich geschrieben: Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird, wenn es nicht mehr ist. Solange es eine Kindheit ist, weiß man nicht, dass es eine Kindheit ist. Wenn wir über die Vergangenheit reden, reden wir über etwas, was wir jetzt sagen wollen, und ob das etwas mit der Vergangenheit zu tun hat, ist schon gar nicht mehr so wichtig. Diesen Verlust erlebt jeder Mensch, wenn er älter wird, und jeder versucht, auf seine Weise damit umzugehen. Das Leben als eine Verlustrechnung – das ist jedem bekannt. Und daraus entspringen ja die komischsten Aktivitäten.

ZEITmagazin: Als er in Ihrem Buch einmal Dresden besucht, schreiben Sie über ihn: "Der durchsichtigen Wüstenei der Innenstadt setzte er Eindrücke von früher entgegen." Glauben Sie, dass die Stadt Dresden sich von ihrem großen Vergangenheitsverlust erholt hat?

Walser: Das dürfen Sie mich nicht fragen. Vielleicht klingt das grotesk, aber für mich ist der Wiederaufbau der Frauenkirche und der Semperoper das Symbol, dass man mit einem Verlust fertigwerden kann, dass man die Vergangenheit wiederherstellen kann. Aber allgemein kann ich das überhaupt nicht sagen. Ich habe das nur an Manfred Ranft studiert und gesehen, auf welch absurde Weise er versucht hat, die Verluste zu ersetzen.

ZEITmagazin: "Manchmal", schreiben Sie im Buch, "beherrsche ihn gegen jede Wahrscheinlichkeit das Gefühl, eines Tages werde alles, was er bewahre, veröffentlicht werden." Das ist tatsächlich eingetroffen. Sie haben das für ihn getan.

Walser: Ja, wenn er noch gelebt hätte, hätte ich das nicht tun können. Dann hätte ich ihm zugeraten, es selbst zu tun.

ZEITmagazin: Manfred Ranft hat über Jahre hinweg Schlaftabletten genommen. 1987 ist er im Alter von 58 Jahren an einer Überdosis gestorben. Haben Sie manchmal beim Durchsehen seiner Notizen gedacht, Mensch, wenn du hier anders abgebogen wärst, hättest du das Leben noch erwischen können?

Walser: Nein, man kann das nur teilen.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Walser: Das hieße ja, dass man, wenn man einmal anders reagieren oder, wie Sie sagen, anders abbiegen würde, dass man dann zu retten wäre. Das ist mir fremd. Die Zerstörung Dresdens und die deutsche Teilung waren Verlusterlebnisse, die durch keinen glücklichen Zufall oder Einfall gutgemacht werden konnten. Dafür gab es früher das Wort: Schicksal.

Die Ausstellung "Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen" wurde am 5. Februar im Militärhistorischen Museum in Dresden eröffnet. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Werken von Kurt Vonnegut, Walter Kempowski und Harry Mulisch

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