Bibiana Beglau Alles für diesen Vodoo-Moment

Bibiana Beglau bewundert die Radikalität der Filme und Figuren von John Cassavetes. Von
ZEITmagazin Nr. 6/2015

Ich hätte gerne mit dem Regisseur John Cassavetes gedreht, der leider 1989 verstorben ist. Er war ein wilder, abgründiger Hund, der sich vom sauberen amerikanischen Kino verabschiedet hat. In der Tradition dieses Kinos hat man ja eher abgeschlossene Figuren, und Cassavetes hat da mit der Axt reingeschlagen und die Frucht aufgebrochen. Seinen Figuren sieht man das Aufgerissene an, da erschrickt man richtig. In Eine Frau unter Einfluss zum Beispiel spielen Peter Falk und Gena Rowlands ein Ehepaar. Sie lieben sich und haben drei Kinder, aber die Frau ist schizophren. Da gibt es wunderbare Szenen, wo sie im Bett liegen und die Kinder dazukrabbeln, und plötzlich tickt die Frau aus, und der Mann reagiert hilflos. Einmal geht er vor den Kindern auf einem Parkplatz auf seine Frau los, er zieht unglaublich an ihren Haaren, und das ist echt! Eine Szene, bei der man sich fragt: Wo endet das Spiel, und wo beginnt die eigene, reale Verzweiflung?

Cassavetes’ Filme haben in mir als Schauspielerin Fragen aufgeworfen: Hat das, was ich bis jetzt getan habe, einen Sinn gehabt? Wie weit will ich mir in den Charakter reingucken lassen? Mir ist egal, ob ich peinlich, hässlich oder doof bin. Ich bin eine von Milliarden Menschen, habe 80 Jahre, vielleicht, danach wird sich keiner an mich erinnern. Aber diese drei Sekunden in einem Take, die habe ich. Denn für diesen Voodoo-Moment erzählen wir Geschichten. Der Mensch hat sich irgendwann ausgedacht: Ich zeige dir dein Leben, um eine Verwirrung in dir hervorzurufen. Das ist auch gefährlich, im Mittelalter wurden die Narren, wenn sie nicht gut waren, mit der Zunge ans Hoftor genagelt. Die Kunst zeigt den Menschen als Schlachtfeld, in Extremen, aufgespannt zwischen all den Regeln, die wir uns gegeben haben. Das interessiert mich.

Weitere Themen im neuen Heft: 

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