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Darren Aronofsky "Es wird geredet, argumentiert, gestritten"

ZEITmagazin Nr. 6/2015
Darren Aronofsky begibt sich mit seinen Filmen in die Träume seiner Figuren – und will damit unseren Bewusstseinszustand verändern. Interview:

Das Gespräch mit Darren Aronofsky sollte eigentlich per Telefon von seiner New Yorker Wohnung aus stattfinden. Zum vereinbarten Termin meldet sich sein Agent per Mail: In der Stadt tobe ein Gewittersturm, Aronofsky schaffe es nicht rechtzeitig nach Hause. Schließlich meldet er sich von unterwegs per Handy. Im Hintergrund hört man Feuerwehrsirenen.

Darren Aronofsky: Hi, es ist grauenvoll hier. Ich habe mich gerade untergestellt. Ich hoffe, Sie können mich hören.

ZEITmagazin: Gerade so.

Aronofsky: (seine Worte verschwinden im Sirenengeheul) ... und dieser Sturm hat meinen ganzen Tag vermasselt. Vielleicht sollte ich früher nach Berlin kommen. Da sitze ich wenigstens im Trockenen mit meiner Jury.

ZEITmagazin: Eigentlich sind Sie ein Jury-Präsident, der Jurys ablehnt.

Aronofsky: Wieso? Ich freue mich aufs Filmeschauen! Und auf Berlin, es soll eine tolle Kunstszene geben.

ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt: Wenn zehn Männer in einem Raum sitzen und sich auf ihre Lieblings-Eiscreme einigen müssen, kommt mit Sicherheit Vanille dabei heraus.

Aronofsky: Das bezog sich auf Testvorführungen, mit denen die Studios die Meinung des Publikums herausfinden wollen. Dabei kommt meistens irgendein Durchschnitt heraus.

ZEITmagazin: Wie wollen Sie verhindern, dass der Goldene Bär an einen Vanille-Film geht?

Aronofsky: Filme miteinander konkurrieren zu lassen und über sie zu richten erscheint mir im Grunde albern. Man kann einen Wettbewerb nur rechtfertigen durch die ungeheure mediale Aufmerksamkeit, die ein Film durch die Berlinale bekommt. Das Entscheidende ist: Eine Jury stimmt nicht einfach ab wie bei Testvorführungen. Es wird geredet, argumentiert, gestritten.

ZEITmagazin: Sie selbst lassen sich als Regisseur auf keinen Stil festlegen. Pi über einen paranoiden Mathematiker, The Wrestler über einen abgehalfterten Show-Ringer, der Horrorfilm Black Swan und der Bibelfilm Noah – nie käme man auf die Idee, dass sie von demselben Regisseur stammen.

Aronofsky: Bei mir bestimmt die Geschichte den Stil. Bei anderen Regisseuren, etwa Wes Anderson, legt sich der Stil über die Geschichte. Hauptsache, es kommt ein guter Film dabei heraus.

ZEITmagazin: In Ihrer Jugend haben Sie Graffiti gesprayt. Sind Sie immer Sprayer geblieben?

Aronofsky: Ich bin in den achtziger Jahren in Brooklyn groß geworden, als die Hip-Hop-Kultur gerade dabei war, die Weltherrschaft zu übernehmen. Alles, was mit Hip-Hop zu tun hatte, begeisterte uns, Breakdancing, die Rap-Musik, die Videoclips. Hip-Hop ist immer noch ein Teil von mir. Aber ich war kein talentierter Sprayer.

ZEITmagazin: Arbeiten Sie sich guerilla- oder sprayermäßig in die verschiedensten Filmgenres ein, um sie zu unterwandern?

Aronofsky: Ich sehe einfach keinen Sinn darin, den 500. Sportlerfilm zu drehen, in dem ein Loser am Ende den großen Sieg davonträgt. Ich muss doch darüber nachdenken, was mich selbst an einem Genre überraschen würde. Nichts ist langweiliger, als schon zu ahnen, was hinter der Kurve liegt, die der Film gerade nimmt.

ZEITmagazin: Sie liebten schon als Kind Achterbahnen.

Aronofsky: Eine Achterbahn: The Cyclone auf Coney Island! Das ist eine Achterbahn aus den zwanziger Jahren, eine fantastische Verbindung aus Architektur und Technologie. Sie bringt die Leute immer noch zum Kreischen, jetzt, im 21. Jahrhundert, obwohl sie aus Holz und Eisen besteht. Das ist es doch, was wir auch als Filmemacher versuchen: etwas Bleibendes zu erschaffen, mit der Technologie, die uns zur Verfügung steht.

ZEITmagazin: Kann man von The Cyclone auch dramaturgisch lernen?

Aronofsky: Meine gesamte erzählerische Theorie beruht auf den Kurven, Aufstiegen, Abfahrten und Zwischenstrecken dieser Bahn. Ich fahre jedes Jahr mindestens einmal hin.

ZEITmagazin: Vor zwanzig Jahren schrieben Sie spontan zehn Filmprojekte auf einen Zettel. Einige davon haben Sie verwirklicht. Gibt es ein Projekt, von dem Sie immer noch träumen?

Aronofsky: Oh ja. Ich denke schon seit vielen Jahren darüber nach. Aber die Energie würde entweichen, wenn ich jetzt im Sturm etwas über diesen Film ins Smartphone brüllen würde.

ZEITmagazin: Sie könnten nach dem Gespräch einfach eine E-Mail schreiben.

Aronofsky: (seine Stimme verschwindet im Wind) ... abergläubisch.

ZEITmagazin: Wie bitte?

Aronofsky: (brüllt) Ich habe noch nicht mal das Drehbuch angefangen.

ZEITmagazin: Letztlich sind alle Ihre Filme Traumprojekte. Die Figuren halluzinieren, fantasieren, träumen, unter dem Einfluss von Drogen wie Natalie Portmans Balletttänzerin in Black Swan oder durch den Genuss von halluzinogenem Tee wie Noah.

Aronofsky: Das Großartige am Filmemachen ist doch, dass man sich in die Träume der Figuren hineinbegeben und diese Bewegung für das Publikum völlig unsichtbar und fließend gestalten kann. Das Publikum träumt mit. Man kann mit dem Kino den Bewusstseinszustand des Zuschauers verändern! Das kann kein anderes Medium.

ZEITmagazin:Welche Rolle spielt die digitale Technik?

Aronofsky: Als ich mit dem Filmemachen anfing, gab es nur ein paar Meister, die die Fantasie entfesseln konnten, wie es ihnen beliebte. Heute haben sich die Möglichkeiten multipliziert. Zwischen den Dardenne-Brüdern und James Cameron ist alles möglich. Das begeistert mich.

ZEITmagazin: Und wie sieht es in zwanzig Jahren aus? In den Kinos läuft eine Handvoll Blockbuster und der Rest auf Internetplattformen?

Aronofsky: Das visuelle Erzählen ist so tief in unserer Kultur verankert, dass wir immer Filme brauchen werden, Blockbuster und kleine, persönliche Filme. In Amerika gibt es immer mehr Regisseure, die fürs Fernsehen arbeiten. Ich selbst bereite gerade eine Adaption von Margaret Atwoods Science-Fiction-Trilogie MaddAddam für HBO vor. Die Entwicklung des Kinos ist völlig unvorhersehbar.

ZEITmagazin: Sie sind ein Pionier der Produktion: Sie finanzierten Pi 1998 mit Crowdfunding.

Aronofsky: Ich wünschte, ich hätte ein Crowdfunding-Internetportal gegründet, statt Regisseur zu werden. Als wir Pi drehten, brachten wir das Budget von 60.000 Dollar zusammen, indem wir Anteilsscheine zu 100 Dollar verkauften. Nach dem Erfolg von Pi bekam jeder Anteilseigner ein T-Shirt und sein Geld und einen Gewinn obendrauf. Der Film hat drei Millionen Dollar eingespielt.

ZEITmagazin: Ihr jüngster Film Noah kostete fast 300 Millionen Dollar. Könnten auch Blockbuster durch Crowdfunding entstehen?

Aronofsky: Natürlich. Das Filmemachen hat sich durch die neuen Technologien immer weiter demokratisiert. Es ist nur logisch, dass sich auch das Produzieren von Filmen fundamental verändern wird.

ZEITmagazin: Stellen Sie sich vor, Sie seien Noah und könnten nur Ihre Lieblingsschauspieler mit ins Boot nehmen. Wer käme mit?

Aronofsky: Nur Hugh Jackman! Alle anderen können ruhig ertrinken. Nein, ich habe mit vielen wunderbaren Schauspielern gedreht.

ZEITmagazin: Warum Hugh Jackman?

Aronofsky: Weil er ein Supertyp ist. Sobald wir auf dem Wasser wären, würde er fischen. Er würde die Segel setzen und das Boot reparieren. Und er kennt wunderbare Witze. Er ist der Mann, mit dem man die Apokalypse überleben könnte.

Weitere Themen im neuen Heft: 

Der Illustrator Jean-Philippe Delhomme will in seinem Pariser Tagebuch in die Zukunft blicken.

Wo Bello und Minka die letzte Ruhe finden: die Deutschlandkarte der Tierfriedhöfe

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Im Wochenmarkt wird eine Pasta mit Kichererbsen gekocht.

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"Man kann mit dem Kino den

"Man kann mit dem Kino den Bewusstseinszustand des Zuschauers verändern! Das kann kein anderes Medium. "

Typische blöde Selbstübershätzung von Menschen, die ihre Medium für das einzig wahre halten. Was ist mit Radio, Theater, Oper, Konzert, Bildern, Computerspielen, Konzerten, Büchern usw. usw.?
In meiner Kindheit und Jugend war das Radio viel wichtiger als Fernsehen (gab keinen) oder Kino (regelmäßig erst ab ca 11 Jahren). Natürlich hat das Radio mein Bewusstsein stark geprägt und das tut es jetzt wieder zunehmend. Auch Bücher sind ganz entscheidend. Ich lese gerade ein Buch, das zwar keine 180-Grand-Wendung bewirken wird, aber danach werde ich die Welt und auch mich selbst ein klein wenig besser verstehen... Ist das keine Beusstseinsänderung?
Ein wenig mehr Bescheidenheit wäre manchmal ganz schön.

Teil 1

Teil 1
Ich habe Filme gemacht, weil Filme Leben spiegeln. Fellinis 8 1/2 wird nie mehr von seinem Platz weichen. Nie war ein Film so nahe an Wahrheit. Tod Leben, Liebe und der Weisheit letzter Schluß. Filmemacher verstecken immer noch Wahrheit in Filmen, sind immer noch Außenseiter. Wenn sie ignorieren, was Preise bringt und damit plötzlich Mitten im Schwarm sind, wurde wieder mal ein Treffer platziert. Die Auswahl, die Jury all das sind dabei das Mittel, um den richtigen Film zur richtigen Zeit zu platzieren und sie sind es die Verhinderer. Sie haben Urteile, Vorurteile werden gelenkt von den "Filmemachern" die gerne Filme mit der Feder machen und auch im Lichte stehen wollen, was schrecklich ist und die Kunst vernichtet. Kritiker sollten verboten werden, weil die sitzen dann auch in der Jury. Das Kino selbst ist Bewußtseinsveränderung. Doch das Kino múss Niederlagen hinnehmen, wenn es Herren dient, die nur DAS EINE wollen.

Teil 2

Teil 2
Kino ist Macht und diese Macht zerstört das, was dem Medium innewohnt.
Mozart zum Beispiel, er schrieb die Zauberflöte, In der Zauberflöte gibt es die größte Arie, die je in der Operngeschichte gechrieben wurde. Die Arie der Königin der Nacht. Bis heute kommt diese Arie aus tausend Lautsprechern und niemand versteht sie. So ist es auch mit dem Film. Keiner ist verunsichert von Guido in "81/2", wenn er sich umbringt unter dem Tisch. Der Film bekommt Preise wird hochgelobt aber verstanden?
Die Königin der Nacht brüllt es in die Welt und niemand hört sie.... "Vater du hast meinen Tempel versperrt, und ich darf ihn nur betreten, wenn ich meinem innersten Wesen abschöre und mich nur der Vernunft verschreibe"...