Die großen Fragen der Liebe Muss er seinem Kind sagen, dass er eine Freundin hat?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 6/2015

Die Frage: Renate und Karl haben sich vor anderthalb Jahren kennengelernt und leben jetzt in einer Fernbeziehung – sie arbeiten zwar einige Hundert Kilometer entfernt voneinander, treffen sich aber jede Woche zweimal. Renate hat sich schon vor längerer Zeit scheiden lassen. Ihr Ehemann hatte sich mit einer Jüngeren zusammengetan. Ihre vier Kinder sind erwachsen und haben ganz selbstverständlich von dem neuen Partner ihrer Mutter erfahren. Karl ist spät Vater geworden und hat sich erst vor drei Jahren getrennt. Jetzt weigert er sich, seinem elfjährigen Sohn etwas von seiner Beziehung zu Renate zu sagen, obwohl diese das Kind gerne kennenlernen würde. Renate kränkt diese Feigheit sehr, und sie überlegt, sich von Karl zu trennen, wenn er nicht zu ihr steht.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Liebe gedeiht am besten, wenn kein Partner dem andern abverlangt, sie zu beweisen. In den Beweisanträgen steckt meist Parteinahme: Ich habe dir meine Liebe bewiesen, jetzt beweise mir deine! Vernachlässigt wird dabei, dass Renate in einer anderen Situation lebt als Karl. Sie hat weniger Schuldgefühle in Bezug auf das Zerbrechen ihrer Ehe. Daher fällt es ihr auch leicht, mit ihren Kindern über ihre neue Liebe zu sprechen. Karl aber fühlt sich noch schuldig. Er ist nicht feige, sondern (über)ängstlich und will dem Kind nicht die Illusion rauben, dass Mama und Papa zwar nicht mehr zusammen sind, aber doch noch ganz für ihn da. Ich sehe keinen Anlass, Druck auszuüben. Solche Geheimnisse halten selten lange; womöglich ahnt der Sohn schon, was der Vater ihm verschweigt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Unbewusste Rituale in der Liebe" ist bei Klett-Cotta erschienen.

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