Mišel Matičević: "Für Kubrick wäre ich durch den Ärmelkanal geschwommen"

ZEITmagazin Nr. 6/2015
Der Schauspieler Mišel Matičević schätzt Regisseure, die eine Vision haben und einfühlsam mit ihren Darstellern umgehen. Denn er weiß: Schauspieler sind sensibel.

Es wäre mir eine Ehre gewesen, mit Stanley Kubrick zu drehen. Meinen ersten Kubrick-Film habe ich mit elf Jahren gesehen: Shining. Danach war ich fast traumatisiert. Ich finde es unglaublich, wie er es geschafft hat, den Horror körperlich spürbar zu machen. Er braucht dafür weder Zombies noch Gemetzel, ihm reichen schon die Geräusche, die das Dreirad des kleinen Jungen macht, wenn es durch die Hotelgänge abwechselnd über Teppich oder Parkett fährt. Ich schaue diesen Film ungern abends, weil ich danach nicht mal mehr von der Couch bis zur Toilette laufen möchte.

Kubrick ist für mich ein Visionär. Das ist vor allem in 2001: Odyssee im Weltraum zu erkennen: In dem Film denkt und redet der Supercomputer HAL 9000 – und Kubrick hat 2001 vor fast 50 Jahren gedreht. Er war der Zeit voraus, und mit einem Mann, der so intelligent ist, kann das Arbeiten nur Spaß machen. In dem Bonusmaterial auf der Shining-DVD erzählt Jack Nicholson, wie Kubrick mit Schauspielern umgegangen ist. Er war ruhig und zielstrebig. Das mag ich. Dem Regisseur Dominik Graf zum Beispiel folge ich gerne, weil ich weiß: Er hat seine Vision. Kubrick soll auch gefühlvoll gewesen sein. Schauspieler sind sensibel, und wenn ein Regisseur dafür die Antennen hat, ist das ein Geschenk. Kubrick konnte aber wohl auch unangenehm werden, vielleicht, um von den Darstellern zu bekommen, was er wollte. Wenn Regisseure das klug machen und uns damit überlisten können, ist das legitim, wenn auch nicht angenehm.

Als er 1999 starb, war das für mich ein Schock. Ich hatte immer gedacht: Mit dem Kubrick – irgendwann schaffe ich das. Es gibt auch heute Regisseure, mit denen ich gern arbeiten würde, wie Ridley Scott oder Christopher Nolan. Aber für Kubrick wäre ich durch den Ärmelkanal nach London geschwommen.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Der Schauspieler hat eine falsche Vorstellung davon, wie Kubrick mit seinen Kollegen umgegangen ist. Aus mehreren Quellen weiß ich, dass Kubrick seine Schauspieler vollkommen gleichgültig waren, man frage etwa den Hauptdarsteller aus Clockwork Orange. Die künstlerischen Talente von Kubrick stehen außer Frage, allerdings halte ich seine Vergötterung für etwas übertrieben. Nach dem Film 2001... konnte Kubrick drehen, was er wollte, sogar mit Barry Lyndon einen Barockfilm drehen, den bis heute niemand sehen möchte.