Ich habe einen Traum: Liv Ullmann

"An meinen Vater habe ich nur eine einzige Erinnerung"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 7/2015

Ich habe schon lange gelebt. Es klingt seltsam, das auszusprechen. Ich habe mich immer jung gefühlt und dachte, vor mir lägen noch so viele Jahre. Nun glaube ich mehr denn je, dass ich jeden Tag, jeden Augenblick ernst nehmen muss. Und nichts wünsche ich mir mehr, als mit anderen Menschen verbunden zu sein. Wir erlangen Klarheit und Ruhe, wenn wir jemandem nahe sind, den wir lieben. Wir sehen uns und den anderen – das ist wahre Schönheit.

Die Sehnsucht nach dieser Schönheit war schon immer in mir. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Japan, mein Vater arbeitete dort für eine amerikanische Firma, er war Luftfahrtingenieur. 1941 gingen wir nach Kanada. Dann wurde mein Vater krank, und wir zogen nach New York. Er starb, als ich sechs Jahre alt war, kurz vor Kriegsende. Fast zur gleichen Zeit starb sein Vater, mein Großvater, in Dachau im Konzentrationslager. Er hatte jüdischen Menschen in Norwegen bei der Flucht vor den Nazis geholfen.

Als Kind träumte ich oft davon, wie es wäre, einen Vater und einen Großvater zu haben. Ich hatte nur eine Schwester, meine Mutter war mir seltsam fremd. Also träumte ich von meinem Vater, diesem wundervollen Mann, an den ich nur eine einzige Erinnerung habe: Wir gingen eine Straße entlang, und er hielt meine Hand. Wir machten kleine Geheimzeichen mit unseren Fingern. Als er gestorben war, saß ich immer am Fenster und stellte mir vor, dass mein Vater mich sehen könnte, weil er draußen ums Haus herumflog. Das war ein sehr klarer Tagtraum, ich kann ihn immer noch fühlen. Mein Vater hatte keine Flügel oder so etwas. Er sah einfach aus wie mein Vater. Er flog am Fenster vorbei und sah mich an. Sein Blick schien zu sagen: Was für ein süßes kleines Mädchen! Dann flog er wieder eine Runde. Er war einfach immer um mich herum. Sein Foto steht bis heute auf meinem Nachttisch. Manchmal, wenn ich traurig bin, lege ich es unter mein Kopfkissen.

Mir wurde alles im Leben gegeben, Geld, Arbeit, Liebe, Erfolg. Mir ist nie etwas wirklich Schlimmes geschehen. Wenn sogar ich diese Sehnsüchte noch immer so stark spüre, wie müssen sich Menschen fühlen, die nichts auf der Welt haben?

Durch meinen Kindheitstraum weiß ich, dass der Wunsch, mich mit anderen zu verbinden, aus meinem tiefsten Inneren kommt. Ich kann ihn nur erfüllen, indem ich anderen Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit gebe. Deshalb bin ich dankbar dafür, Künstlerin zu sein. Wenn wir uns mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk verbinden, kann dieses Werk Dinge aussprechen, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie empfinden. Jedes Mal, wenn ich Teil einer solchen Schöpfung war, wurde ich dadurch zu einem aufmerksameren, erfahreneren Menschen. Ich muss keinen Film über das Leben im Weltall oder die Suche nach fernen Planeten sehen. Wir tragen das Universum schon in uns selbst.

Liv Ullmann, 76, geboren in Tokio, begann ihre Schauspielkarriere Mitte der fünfziger Jahre am Theater in Norwegen. Zum Filmstar wurde sie 1966 durch "Persona", einen Film des Regisseurs Ingmar Bergman. Mit ihm war sie fünf Jahre lang liiert und arbeitete auch nach der Trennung häufig mit ihm zusammen. Seit 1992 führt Liv Ullmann immer wieder selbst Regie. So auch in dem Film "Fräulein Julie", der zurzeit in deutschen Kinos zu sehen ist

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