Ich habe einen Traum Bass Sultan Hengzt

"Vor fünf Jahren bin ich Vater geworden, das hat alles verändert"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 10/2015

Zwei Männer, die sich küssen: Dass so ein Foto im Jahr 2015 noch für so viel Wirbel sorgen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Das Motiv hatte ich von einem Freund bekommen und fand es witzig. Ich hielt es für die richtige Antwort auf den Vorwurf, meine Musik sei über die Jahre "schwul" geworden. Bekanntlich ist das so ungefähr das Schlimmste, was du als Rapper zu hören bekommen kannst. Bloß weil man sich weiterentwickelt und keine pubertären Texte mehr schreibt!

Zuerst war das Foto nur eine vorläufige Coveridee. Aber als ich jetzt sah, was die Ankündigung auf Facebook und Twitter auslöste, hat mich das bestärkt: Mit dem Bild möchte ich ein Statement setzen. Und zeigen, dass ich mittlerweile ein anderer bin als vor zehn Jahren.

Natürlich habe ich in der Vergangenheit Texte geschrieben, die als frauenverachtend und schwulenfeindlich interpretiert werden können. Aber das ist alles ein großes Missverständnis. Zu Beginn meiner Karriere saß ich mit ein paar Freunden im Kinderzimmer zusammen und machte Musik. Wir versuchten, uns mit harten Zeilen gegenseitig zu toppen. Wenn einer sagte: "Deine Mutter macht Armdrücken!", antwortete der Nächste: "Deine Mutter geht anschaffen!" Dann mussten wir lachen, pubertierende Jungs halt. Weil wir es nicht fassen konnten, dass einer von uns das tatsächlich gesagt hatte.

Dass es da draußen Kids gibt, die solche Zeilen ernst nehmen, wurde mir erst später bewusst. Plötzlich schreibt dir ein 13-jähriger Junge, welche Passagen er in deinen Liedern mag, und dir wird klar: Der nimmt das wörtlich. Der Gag, über den du damals im Kinderzimmer gelacht hast, ist auf einmal nicht mehr witzig. Die Leute wollen einfach nicht verstehen, dass wir Rapper nicht per se homophob sind. Jeder von uns hat Schwule in seinem Freundeskreis. Jemanden als schwul zu bezeichnen ist einfach ein Stilmittel, das erklären wir seit über 15 Jahren und sind es langsam leid. Deshalb träume ich davon, dass mein Plattencover hinter diese Diskussion einen Schlusspunkt setzt.

Vielleicht wird der aber auch erst dann gemacht, wenn sich der erste deutsche Rapper outet. Einige Kollegen gehen mit dem Thema schon sehr locker und tolerant um. Marteria rappte in einem seiner Lieder: "Gay ist okay". Und die Band K.I.Z. zeigte in einem Video zwei sich küssende Männer.

Ich habe mich vom Gangster-Rap distanziert, obwohl ich damit noch viel Geld hätte verdienen können. Aber vor fünf Jahren bin ich Vater geworden, das hat alles verändert. Früher hatte ich keine Träume, aber seit meine Tochter auf der Welt ist, möchte ich ein guter Vater sein und meiner Familie ein glückliches Leben ermöglichen. Ich träume davon, meiner Tochter eines Tages in die Augen zu schauen und ihr zu sagen, dass ich mich für sie geändert habe. Heute kann sie meine Lieder mitsingen, wenn sie im Radio laufen. Das macht mich unfassbar stolz und glücklich. Da bin ich dann gern die schwulste Schwuchtel im deutschen Rap, wenn das die hater in mir sehen wollen. Kriegt ihr erst mal alle selber Kinder, dann sprechen wir uns wieder!

Bass Sultan Hengzt, 31, heißt eigentlich Fabio Cataldi. Der Rapper ist als Sohn einer türkischen Mutter und eines italienischen Vaters in Berlin geboren und aufgewachsen. Sein Album "Musik wegen Weibaz" erscheint am 8. Mai

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio


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