Das war meine Rettung "Im Innersten bleibe ich letztlich ohnmächtig"

In Kolumbien wäre Bernard-Henri Lévy beinahe abgestürzt – allein mit Worten verhinderte er es. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 10/2015

ZEITmagazin: Herr Lévy, Ihr Vater kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg, und Sie nannten ihn einmal Ihren Helden. Was bewundern Sie an ihm?

Bernard-Henri Lévy: Seinen Mut, sowohl körperlich als auch intellektuell. In unserer DNA ist Mut nicht vorgesehen. Dein gesamter Körper will dich spürbar davon abhalten, tapfer zu sein. In beiden Fällen muss man gegen eine wahre Flut von Gegenkräften kämpfen und siegreich sein. Es ist für meine Generation generell nicht einfach, aus dem Schatten der Väter zu treten, aber ich bemühe mich, ihm keine Schande zu machen.

ZEITmagazin: Sie bereisen viele Krisengebiete. Wie überwinden Sie Ihre Angst?

Lévy: Es gibt zwei Wege, Angst zu überwinden. Der eine ist der Druck, einen Auftrag zu erfüllen. Der andere ist Stolz, aber das gibt natürlich niemand freiwillig zu. Einen Tag nach dem Sturz Gaddafis 2011 filmten wir auf dem Grünen Platz, wo er immer seine Aufmärsche veranstaltete. Ich wollte den Platz symbolisch überqueren. Als ich an der gegenüberliegenden Seite ankam, wurde auf einmal überall geschossen. Ein Großteil waren sicherlich Freudenschüsse, aber einige kamen aus Fenstern, von Scharfschützen. Die Menschen dort kannten mich. Gaddafi hatte mein Bild im Fernsehen gezeigt und ein Kopfgeld von 5,8 Millionen Dollar auf mich ausgesetzt. Ich hatte also die Wahl: so schnell wie möglich zum Ausgangspunkt zurückzurennen oder mutig im gleichen Tempo weiterzugehen. Da ich aber von Handykameras gefilmt wurde, verbot mir mein Stolz zu rennen. Diese Aufnahmen waren auch nachher auf YouTube zu sehen. Stellen Sie sich vor, ich wäre gerannt!

ZEITmagazin: Haben Sie sich als Kind manchmal ohnmächtig gefühlt?

Lévy: Ja, immer! Ich wusste früh vom Holocaust und dass Juden eine der verwundbarsten Spezies der Welt sind. Das war mir auch Ansporn, genügend Macht zu erlangen, um mir eine Art Schutz aufzubauen. Letztes Jahr in Tunesien empfing mich bereits am Flughafen eine wütende Menge und beschimpfte mich als Zionist und Zerstörer Libyens. Die Regierung meinte, sie könne meine Sicherheit nicht garantieren. Da fühlte ich mich hilflos, aber ich entschied, dennoch zu bleiben. In solchen Situationen merke ich, was auch immer ich mir aufbaue, im Innersten bleibe ich letztlich ohnmächtig.

ZEITmagazin: Das überrascht mich. Sie sind ein reicher Mann mit viel Einfluss.

Lévy: Wenn man in Sarajevo im Schützengraben liegt oder einem in Bujumbura die Kugeln um die Ohren fliegen, merkt man, wie schnell Geld und Besitztümer an Bedeutung verlieren. Da zählen alle Kontakte zur Macht, die dieser Bernard-Henri Lévy je hatte, nicht mehr. Anscheinend muss ich immer wieder die fundamentale Fragilität des Daseins erfahren. Als würde mich eine innere Stimme drängen, diese Situationen als Vorbereitung auf den Ernstfall zu üben.

ZEITmagazin: Sie wurden sicherlich mehr als einmal gerettet.

Lévy: Ich erzähle Ihnen, wie mich Worte gerettet haben. Nach einer Reportage über die Farc flog ich zurück nach Bogotá. Auf halber Strecke bemerkte ich, dass etwas mit dem Piloten nicht stimmte. Er sah sehr schlecht aus, blass und krank. Ich wusste, er war Diabetiker, und dachte, er sei kurz vor der Bewusstlosigkeit. Wie sollte ich uns retten? Auf dem Hinflug hatte er mir erzählt, dass seine Leidenschaften seine Kinder und Sex waren. Also beugte ich mich ganz nah zu ihm und träufelte ihm die fantastischsten Geschichten von der strahlenden Zukunft seiner Kinder ins Ohr. Es wirkte wie eine Injektion auf ihn, und er wurde wieder lebendiger. Als er erneut wegdämmerte, wechselte ich die Melodie und beschrieb ihm in den schillerndsten Farben, was für unglaublichen Sex er haben könnte, falls wir heil in Bogotá landen würden. So hielt ich ihn bis zur Landung bei Bewusstsein.

ZEITmagazin: Sie sind ebenfalls ein Mann, der schöne Frauen liebt. Ähneln die Frauen in Ihrem Leben Ihrer Mutter?

Lévy: Auf keinen Fall! Ich könnte niemals eine Frau lieben, in der ich meine Mutter sehe. Meine Mutter war eine Schönheit, elegant, gebildet, sportlich und hatte stets ein Lächeln auf den Lippen. Wir fuhren immer gemeinsam Ski, nach ihrem Tod habe ich mit dem Skifahren aufgehört.

ZEITmagazin: Letzte Frage: Warum tragen Sie Ihre Hemden immer so weit aufgeknöpft?

Lévy: Ich trage auch nie Krawatte oder einen Mantel. Das alles engt mich ein und gibt mir das Gefühl zu ersticken. Der Wille nach Freiheit ist der dominierende Faktor in meinem Leben.

Bernard-Henri Lévy, 66, ist Firmenerbe, Publizist und Philosoph. Er war als Kriegsberichterstatter tätig und gründete in den siebziger Jahren die Gruppe Nouvelle Philosophie, die sich gegen die eher linkslastigen Philosophen jener Zeit wandte

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie  ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Geprächsreihe

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wieso fühlt man sich bei Monsieur Lévy immer an seinen Bruder im Geiste, Michel Friedman, erinnert.
Kaum ein Artikel von und über ihn kommt ohne den Querverweis "Holocaust" aus. Und diese ständige Selbstbeweihrauchung und Affektiertheit ... mon dieu.
Der Vater gar ein Held, die Mutter gebildet, eine Schönheit. Ein Reigen aus Superlativen und Besserwisserei.
Doch eine Bemerkung toppt alles: Der arme Bernhard hat mit dem Skilaufen seit dem Tod seiner wunderschönen Mutter aufgehört. Welch unglückliche Verkettung der Umstände. Schluchz!

Einziges Mittel gegen eine sich anbahnende Depression: Kragen noch weiter aufreißen und den nächsten Kriegsschauplatz begaffen und dabei filmen lassen. Den Rücken gut durchdrücken und gewählten Schrittes durch die Geschichte lustwandeln. Voilá!