Harald Martenstein Über die Irrtümer großer Denker

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 10/2015

Ich halte Karl Marx für einen großen Denker, auch wenn er nicht in jedem Punkt recht gehabt hat. Es ist fraglich, ob überhaupt jemals ein großer Denker oder eine Denkerin gelebt hat, der oder die in jedem Punkt recht behalten hätte, auch wenn ich Günter Grass und Alice Schwarzer in dem Verdacht habe, dass sie in Bezug auf sich selbst diese Hoffnung hegen. Kleine Denker irren sich seltener. Mein Hund irrt sich fast nie.

2009 erschien das Hörbuch Marx & Engels intim. Darin lesen Harry Rowohlt und Gregor Gysi aus dem privaten Briefwechsel zwischen Marx und seinem Mitstreiter Friedrich Engels vor. Als ich jetzt die Nachricht erhielt, dass dieses Manuskript neuerdings als E-Book erhältlich ist, habe ich mich daran erinnert.

Über ihre Familien schreiben Marx und Engels: "Sterben sollen sie alle." Über die Arbeiter äußern sie folgende Ansicht: "Sie taugen nur als Kanonenfutter." Über den konkurrierenden Arbeiterführer Ferdinand Lassalle heißt es: "Dieser jüdische Nigger." Auch zu den Nachbarvölkern der Deutschen vertreten Marx und Engels sehr dezidierte Ansichten. Die Schweizer seien durchweg "dumm", die Dänen dagegen "lügnerisch", am schlimmsten allerdings sei das Land Polen, welches "keine Existenzberechtigung" habe. In einer Rezension der Welt wird die Gedankenwelt von Marx und Engels so zusammengefasst: "Nationalismus, Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, Beschimpfung der eigenen Anhänger." Im Privatleben war Marx Reaktionär, Sozialist war sein Brotberuf.

In Berlin gibt es ständig Debatten um Straßennamen. Straßen, die nach Menschen benannt sind, die sich zu ihren Lebzeiten antisemitisch, rassistisch oder prokolonialistisch geäußert haben, sollen umbenannt werden. Da wäre wohl die Karl-Marx-Straße der erste Kandidat. Ich glaube nicht, dass man die Äußerung "jüdischer Nigger" in puncto Rassismus noch toppen kann. Aber die Linkspartei macht keinerlei Anstalten, eine Umbenennung der Karl-Marx-Straße zu fordern. Wenn Marx nicht zufällig Marxist gewesen wäre, dann würden sie jeden Tag drei Anträge zur Umbenennung stellen.

Im 19. Jahrhundert war der Rassismus in Europa so salonfähig und so verbreitet wie heute die gesunde Ernährung. Das war Mainstream. Wenn du 1885 beim Empfang des Kronprinzen gesagt hättest: "Die Neger in den Kolonien müssen die gleichen Rechte haben wie wir, es muss in der Armee mehr weibliche Offiziere geben, und außerdem heißt das Afrodeutsche", dann wäre dies etwa genauso gut angekommen, wie wenn du dir heute im Biomarkt eine Zigarette anzündest. Man kann es machen. Aber man muss sehr stark sein.

Ich finde es ungerecht, an eine Person von damals die Maßstäbe von heute anzulegen. Vor allem, wenn Leute dies tun, die heute bis ins letzte Meinungsdetail dem Mainstream folgen. Sie selber sagen das, was alle sagen, aber wenn vor 100 Jahren ein anderer das Gleiche gemacht hat, finden sie es skandalös.

Eigentlich müsste man die Vergangenheit verbieten und die Straßen mit Nummern versehen. Wenn man genau genug hinschaut, hat jede Person, die vor langer Zeit gelebt hat, etwas gesagt, getan oder geschrieben, was heute, vielleicht zu Recht, abgelehnt wird. Schaut euch die Friedhöfe an: Da liegt kein einziges makelloses Vorbild. Das sittliche Niveau von, sagen wir, Claudia Roth erreichte früher niemand, vor allem Karl Marx nicht. Bis man eines Tages Claudia Roths private Korrespondenz veröffentlicht! Es ist für uns Heutige deshalb ganz wichtig, rechtzeitig vor dem Ableben alle Speicher des Computers komplett zu löschen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Heiße Luft und die Irrtümer kleiner Denker. Oder die Verwandlung von Laber-Rhabarber in Füllmaterial.

Beim Benennen oder Umbenennung geht es um die jeweilige Gegenwart und verstorbene Personen sind das Vehikel. Soweit bekannt. Wie Sie auf die Formulierung: „ob überhaupt jemals ein großer Denker oder eine Denkerin gelebt hat, der oder die in jedem Punkt recht behalten hätte“, wüsste ich gern. Ein rhetorischer Kniff damit ihre Argumentation überhaupt Starten kann. Auch wenn der Volksmund es so will und alles ein wenig an Heiligenlegenden erinnert, es ist nicht so. Ein Name wird gewählt, weil er für etwas Bestimmtes stehen soll und nicht steht. Was letzteres auch immer sein soll. Und darauf noch eine politische Debatte einzuhängen? Hallo???

Herr Martenstein zeigt sehr schön das kleinkarierte, letztlich auch unhistorische Denken auf, das viele politisch Korrekte vertreten. Ich möchte ein Ereignis dazu beisteuern. In einer Diskussion über Diskriminierung, Sprache und Herrschaft brüllten Teilnehmer und verursachten einen Tumult, als ein historischer Text aus dem Jahre 1963 des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King verlesen wird: "„But one hundred years later the Negro still is not free.“ Nachzulesen in der - sicher des Rassismus unverdächtigen unverdächtigen - taz:
http://www.taz.de/!114947/