Ich habe einen Traum Elisa Schlott

"Plötzlich war ich im London meiner Träume"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 11/2015

Nach der Schule in eine andere Stadt zu ziehen: Das war als Teenager mein größter Traum. Ich wollte an einen Ort, an dem eine andere Sprache gesprochen und eine andere Kultur gelebt wird. Einmal ganz auf mich allein gestellt sein und gucken, was mit mir passiert. In meinen Träumen stellte ich mir vor, wie es wäre, nach London zu gehen. Ich träumte von einem kleinen englischen Reihenhaus mit Kamin, von cream tea und Theaterbesuchen.

Als ich dann mein Abitur in der Tasche hatte, zog ich tatsächlich für ein Jahr nach London. Den ersten Monat verbrachte ich bei einer Gastfamilie, später zog ich in eine WG. Mein Zimmer befand sich im Souterrain, für die Miete musste ich eine Unsumme bezahlen, obwohl ich am Stadtrand lebte, in Mile End, einer Gegend mit vielen Neubauten und Imbissbuden. Mit dem London meiner Träume hatte das nicht im Entferntesten zu tun.

Trotzdem nahm ich mir vor, das Jahr durchzuziehen. Mir war bewusst, dass ich mich erst eingewöhnen musste. Besonders schwer fiel es mir, Freundschaften zu schließen. Mit Engländern kam ich kaum ins Gespräch, die blieben unter sich. Die meisten Leute lernte ich an der Sprachschule kennen, sie kamen aus der ganzen Welt. Nur wenige blieben länger als zwei Monate, sodass mein Bekanntenkreis alle paar Wochen wechselte. Das machte es schwierig, sich auf jemanden näher einzulassen.

Dennoch erfüllten sich einige meiner Erwartungen und Hoffnungen. Ich besuchte Schauspiel-Workshops und nahm Sprechtraining. Außerdem lernte ich Heiner kennen, den besten Freund meiner Agentin. Er lebt in London und wurde auch für mich ein guter Freund. Da er viel unterwegs ist und sein Haus nicht unbewohnt lassen wollte, zog ich für die letzten drei Monate meines Aufenthalts bei ihm ein. Plötzlich wohnte ich in einem traumhaften britischen Townhouse und musste, anstatt Miete zu zahlen, nur die Blumen gießen. Das war es, das London meiner Träume!

Ich glaube, dass ich an diesem Jahr sehr gewachsen bin. Ich musste mich in einer fremden Stadt behaupten, und das war auch für meine Schauspielerei wichtig. Bevor ich ins Ausland ging, hatten mich Selbstzweifel geplagt. In dieser Zeit hatte ich bei Castings oft Absagen erhalten. Ich dachte, es liege an mir, vielleicht daran, dass ich zu verklemmt und schüchtern sei und mir das Spontane, Impulsive abhandengekommen sei. Ich war an einem Punkt, an dem ich keine Lust mehr auf die Schauspielerei hatte.

Das änderte sich durch meine Zeit in London. Dort musste ich mich öffnen, empfänglich sein für neue Situationen. Das hat sich auch auf mein Spiel ausgewirkt, die Befangenheit ließ nach. Und dann lernte ich auch noch den Regisseur Ralph Bridle kennen. Er bereitete gerade eine Inszenierung an den Hamburger Kammerspielen vor und engagierte mich dafür. Nach meiner Rückkehr spielte ich in Hamburg zwei Monate lang an vier Abenden die Woche in dem Zwei-Personen-Stück Oleanna mit.

Wäre ich nicht nach London gegangen, hätte ich niemals das Selbstbewusstsein dafür aufgebracht. Wer weiß, vielleicht hätte ich dann die Schauspielerei nur noch als Hobby weiterbetrieben.

Elisa Schlott, 21, ist in Berlin geboren, derzeit studiert sie Schauspiel in Leipzig. Für Aufsehen sorgte kürzlich ihr Gastspiel in der "Tatort"-Folge "Borowski und der Himmel über Kiel". Am 14. März war Elisa Schlott in der ZDF-Reihe "Marie Brand" zu sehen

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Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Die Kommentatoren vor mir haben eigentlich schon erschöpfend kommentiert. Aber komischerweise sind es oftmals gerade die Artikel mit wenig Inhalt, die zu einer Anmerkung herausfordern. Manchmal tun mir ja die armen Schauspielerinnen und Schauspieler leid, die sich immer wieder in Artikeln und Talkshows äussern sollen und doch nicht mehr zu sagen haben als ein ganz gewöhnlicher Mitbürger (und warum sollten sie auch?). Ich habe es übrigens so ähnlich gemacht wie Frau Heymann. Bin nach London gegangen. Allerdings nach meiner Bw-Zeit und nur für ein paar Monate. Aber über die hätte ich ein Buch schreiben können.

Zeit im Ausland zu verbringen ist immer prägend. Ich habe den Schritt erst mit Mitte 20 gewagt, mit 16 wollte ich keinen Auslandsaufenthalt und bis dahin hatte es mir auch nie gefehlt. Dann lebt man erst einmal in anderen Städten innerhalb Deutschlands und irgendwann wagt man dann den ersten Schritt. London ist als Großstadt ja nicht unbedingt grundlegend anders als zb. Berlin. Anders wäre die Umstellung schon wenn man zb. nach Kapstadt ginge. Aber fürs Erste ist Europa ja nicht verkehrt, man hat im Zweifelsfall ja noch das ganze Leben, um sich die Welt anzusehen.
Die Zeit im Ausland hat mir übrigens so gut gefallen dass schnell klar wurde, dass ich nach meiner Ausbildung Deutschland verlassen werde. Möglicherweise nicht für immer, aber für eine längere Zeit schon.
Die Deutschen sind leider nicht für ihre Herzlichkeit bekannt. Und das fehlt mir.

Kann ich verstehen, wobei das Gras aber auch immer grüner wirkt auf der anderen Seite des Zauns. Habe in den letzten 4 Jahren in Deutschland, der Schweiz, Israel und jetzt gerade in England gelebt, und war zwar auch oft etwas genervt von Deutschland, wenn ich zurück war, merke dann in der Ferne aber auch immer wieder schnell, wie gut man es dort hat. Gegenüber den Schweizern sind die Deutschen die reinsten Temperamentsbolzen, in Tel Aviv arbeitet man 10-12 Stunden am Tag mit 12 Tagen Jahresurlaub um am Ende des Tages zu überlegen, wie man mit den mikrigen 2000€ Lohn die Lebenshaltungskosten auf Müncher Niveau zahlt, und hier in London kann man sich bei Wohnungspreisen von im Schnitt 500.00 GBP (und entsprechend hohen Mieten) das Leben meist auch nur leisten, wenn man bis mindestens Ende 30 in einer WG wohnt.
Ich werde zwar auch in Zukunft bestimmt hier und da mal zeitweise im Ausland leben, aber was die angenehmste "Work-Life-Balance" angeht, ist Deutschland bei mir in letzter Zeit auf der Liste doch wieder sehr weit nach vorne gerutscht.