Das war meine Rettung "Man sieht sich nur noch umgeben von Mördern"

Christoph Bangert fotografiert den Krieg – Ruhe findet er an einem ungewöhnlichen Ort. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 12/2015

ZEITmagazin: Herr Bangert, Sie arbeiten in gefährlichen Ländern: in Afghanistan, Pakistan, Libanon, im Irak. Wie sorgen Sie für Ihre Sicherheit?

Christoph Bangert: Im Irak, wo ich für die New York Times fotografiert habe, hatte ich zwei bewaffnete Bodyguards. Sonst bin ich immer mit einem einheimischen Fahrer oder Übersetzer unterwegs. Kriege sind heute chaotisch und bergen vor allem versteckte Gefahren – Autobomben, Entführungen. Deshalb denken viele Leute, dass Fotografen in Krisengebieten Cowboytypen sind, die den Adrenalinkick suchen, aber die meisten Kollegen sind kühle Planer. Wir riskieren nur etwas, wenn wir auch etwas dafür bekommen, also Fotos.

ZEITmagazin: Was war das größte Risiko, das Sie eingegangen sind?

Bangert: Was wirklich gefährlich war, weiß man immer erst hinterher: zum Beispiel dieses Krankenhaus in Bagdad. Eine Notaufnahme für Opfer von Bombenanschlägen. Ich wollte einen jungen Arzt porträtieren, fuhr also mehrfach hin – bis beim Aussteigen aus dem Auto ein Schuss knallte und die Kugel an meinem Ohr vorbeipfiff. Meine Sicherheitsleute haben mich sofort zu Boden gedrückt, blieben selber aber stehen, um uns mit Pistolen zu sichern. Das war beängstigend, weil der Angriff so beliebig schien: War ich überhaupt das Ziel?

ZEITmagazin: Wie gewinnen Sie das Vertrauen einheimischer Partner?

Bangert: Man muss sich für seine Mitarbeiter einsetzen, wenn sie verletzt werden – oder für die Familie, wenn ein Mitarbeiter ermordet wird. Westliche Redaktionen drücken sich gern davor, mit Geld zu helfen.

ZEITmagazin: Haben Sie schon mal dem Drang nachgegeben, sofort aus einem Krisengebiet zu verschwinden?

Bangert: Nein. Aber ich landete gleich nach dem Tsunami 2011 in Tokio. Ein japanischer Kollege und ich waren nachts mit dem Auto auf einer Landstraße unterwegs, weil alle Autobahnen für Rettungsfahrzeuge reserviert waren, da kam im Radio die Nachricht: Kernschmelze in Fukushima! Wir waren vielleicht zwanzig Kilometer vorm Reaktor. Da haben wir dann doch gewendet und sind nach Sendai gefahren, in eine achtzig Kilometer entfernte Großstadt. Eine Weile hatte ich Sorge, verstrahlt zu sein.

ZEITmagazin: Sie fotografieren oft Schwerverletzte und Gefolterte. Sehen die Opfer in Ihnen manchmal einen Retter?

Bangert: Viele hoffen, dass die Bilder etwas bewirken. Ich selber sehe mich nicht als Retter. Ich kann keine Kriege beenden.

ZEITmagazin: Aber es ist Ihnen wichtig, dass die Bilder, auch die grausamen, gezeigt werden. Deshalb Ihr Buch War Porn.

Bangert: "Pornografie der Gewalt", das ist das Argument der Redaktionen, wenn sie bestimmte Bilder nicht drucken. Aber die Betroffenen wollen es. Zum Beispiel hatte ein Sunnit aus Bagdad seinen verschollenen Bruder in einer Leichenhalle wiedergefunden, schrecklich verstümmelt, und er bat mich dringend, diesen Fall zu dokumentieren. Damals war es bei Folterungen üblich, den Opfern mit Bohrmaschinen in die Beine zu bohren. Die Zeitung druckte nur einen Ausschnitt.

ZEITmagazin: Setzen Ihnen diese Bilder nicht zu?

Bangert: Das Schlimmste ist, nicht helfen zu können, wenn da zum Beispiel ein Mensch mit schrecklichen Verbrennungen vor dir sitzt, vor Schmerzen halb bewusstlos, und du weißt, er wird sterben. Manche Fotos kann ich mir hinterher nur schwer ansehen, weil dann alles zurückkommt, was nicht mit auf dem Bild ist, die Geräusche, die Hitze, der Gestank. Die Gefahr in meinem Beruf ist, wenn man zu lange nur diese Extreme erlebt, dass man das Gefühl für die Normalität verliert, letztlich den Glauben an die Menschen. Man sieht sich nur noch umgeben von Mördern und Psychopathen. Mir ist das selber schon passiert, als ich neun Monate am Stück im Irak war. Das war zu lange. Ich kam mit dem Leben in der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr klar.

ZEITmagazin: Was taten Sie dagegen?

Bangert: Manche Kollegen trinken, andere können keine festen Beziehungen eingehen. Ich bin 2009 mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau im Landrover ein Jahr lang durch Afrika gefahren. Es dauerte Monate, bis ich wieder Vertrauen zu anderen Menschen fasste.

ZEITmagazin: Haben Sie mal überlegt, zum Therapeuten zu gehen?

Bangert: Dafür bin ich nicht der Typ. Ich habe ein Motorrad. Und ich liebe Wüstenrallyes, die haben etwas Meditatives. Das ist meine Form von Selbstrettung.

Christoph Bangert, 37, geboren in Daun in der Eifel, studierte Fotografie in Dortmund und New York. 2014 erschien sein Buch "War Porn" mit Fotos, die in den letzten zehn Jahren in Afghanistan, im Irak und in Gaza entstanden. Bangert lebt in Köln

 Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren