Hoyerswerda Unter diesem Himmel

Hoyerswerda ist ein Ort vieler Übergänge: Unsere Fotografin hat sie festgehalten – auf einer Reise zurück in ihre Heimat Sachsen. Interview:
ZEITmagazin Nr. 13/2015

ZEITmagazin: Frau Morgenstern, für Ihr Fotoprojekt "Land ohne Mitte" sind Sie in Ihre Heimat Sachsen zurückgekehrt. Warum?

Anne Morgenstern: Ich bin in Leipzig geboren und bin kurz nach der Wende mit meiner Mutter nach München gezogen. Damals war ich 13 Jahre alt, und so ist diese Gegend zu einer Art Sehnsuchtsort für mich geworden.

ZEITmagazin: Aber für Ihre Fotografien sind Sie nicht nach Leipzig, sondern nach Hoyerswerda und Umgebung gegangen.

Morgenstern: Meine bisherigen Arbeiten haben sich oft mit Menschen in Übergangssituationen beschäftigt. Und Hoyerswerda ist für mich ein Ort des Übergangs: Die Stadt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg nur 7.000 Einwohner, wuchs dann durch den Braunkohle-Tagebau auf 70.000 Einwohner an und war nach der Wende die erste Stadt, die sich mit dem Schrumpfen, dem Rückbau beschäftigen musste. Heute leben dort 35.000 Menschen, viele Junge gehen weg, die Bevölkerung ist überaltert. Und zugleich hat sich die Landschaft dort ständig verändert: Die Tagebaue wurden geflutet, es entstand die größte künstliche Seenlandschaft Europas.

ZEITmagazin: Wie prägt das alles die Menschen in der Region?

Morgenstern: Der Mensch steht zwischen all diesen Veränderungen. Diese Seenlandschaft zum Beispiel hat ja etwas Absurdes: Man höhlt den Boden aus, pflügt ihn um, schafft Leerstellen und beerdigt Identitäten – es wurden viele sorbische Dörfer plattgemacht für den Kohleabbau. Und jetzt wird das als Naherholungsgebiet vermarktet. In Hoyerswerda selbst werden ganze Straßenzeilen abgerissen, weil die Bevölkerung schrumpft. Den Menschen wurden und werden dauernd die Koordinaten entzogen, auch sinnbildlich, durch die Wende, den Verlust der Arbeit. Darunter leidet natürlich das Selbstwertgefühl.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Menschen für Ihre Fotos gefunden?

Morgenstern: Ich bin einfach an die unterschiedlichsten Orte gegangen, habe dort Leute angesprochen und fotografiert. Am Anfang bin ich zum Beispiel immer nur um den Knappensee gelaufen, das ist einer der ältesten gefluteten Tagebaue, und habe geguckt, was für Leute mir so begegnen. Ich mag fotografisch eher Orte, die im Dunkeln liegen, also habe ich in Kneipen fotografiert, in der Sporthalle, auf Partys ...

ZEITmagazin: Wie kommt man denn in einer fremden Stadt auf private Partys?

Morgenstern: Ganz einfach: Ich habe in dem Hotel, in dem ich wohnte, eine junge Frau angesprochen, die dort arbeitet, und sie hat mich sofort mitgenommen. Dadurch, dass ich aus Sachsen stamme, habe ich eine ganz direkte Verbindung zu den Menschen. Ich rede wie sie, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit.

ZEITmagazin: Sie haben unter anderem in sehr privaten Situationen fotografiert. Hat jemand abwehrend auf Sie und Ihre Kamera reagiert?

Morgenstern: Anfangs habe ich schon mal Kommentare wie "Ist das jetzt für die Bild-Zeitung?" gehört. Aber als ich offen erklärt habe, was ich vorhabe, waren die Menschen sehr aufgeschlossen.

ZEITmagazin: Hoyerswerda verbindet man vor allem mit den rechtsradikalen Gewalttaten von 1991. Spielt die Neonazi-Szene in Ihren Fotos eine Rolle?

Morgenstern: Sie ist ein Aspekt von vielen. Ich habe nicht explizit in der rechten Szene nach Motiven gesucht, aber es gibt sie natürlich. Hoyerswerda ist, das sagt der Titel meiner Arbeit ja schon, ein Ort ohne Mitte, ein Ort der Extreme, und der Rechtsradikalismus ist eines davon. Ich habe versucht, alle diese Extreme abzubilden, egal ob links oder rechts. Überhaupt sind ja in kleinen Städten oder auf dem Land jugendliche Subkulturen viel stärker ausgeprägt als in der Großstadt. Manchmal hat man das Gefühl, man steckt noch tief in den Achtzigern.

ZEITmagazin: Ist die DDR-Zeit in Hoyerswerda noch sehr präsent?

Morgenstern: Ich finde schon. Hoyerswerda ist ja keine gewachsene Stadt wie Leipzig oder Dresden. Alles, was dort gebaut ist, wurde zu Ostzeiten gebaut, bis auf eine ganz kleine Altstadt. In Leipzig sind die Spuren meiner Kindheit schnell verwischt worden. In Hoyerswerda finde ich sie noch, obwohl ich dort als Kind nie war. Für mich ist diese Gegend anziehend und befremdlich zugleich: Sie ist mir so vertraut, dass ich fast liebevolle Gefühle für sie hege, und zugleich ist da dieses Sperrige, Ungeschmeidige, Rohe. Ich kann mir vorstellen, dass es im Ruhrgebiet vielen ähnlich geht.

ZEITmagazin: Sie haben das Projekt abgeschlossen. Woran arbeiten Sie zurzeit?

Morgenstern: Nur so viel: Ich arbeite mich gerade an Bayern ab und merke, dass ich den Menschen dort mit ganz anderen Gefühlen gegenübertrete. Damit tue ich mich noch ein bisschen schwer.

Anne Morgenstern, 38, wurde in Leipzig geboren. Sie studierte Fotografie in München und in Zürich, wo sie heute auch lebt und als Fotografin arbeitet. Ihre Bilder aus Hoyerswerda erscheinen jetzt als Buch unter dem Titel "Land ohne Mitte" bei Fountain Books, dem Verlag von Andreas Wellnitz, Bild-Berater des ZEITmagazins

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