Harald Martenstein Über das coole Berlin und die raue Wirklichkeit

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 14/2015

Ach, Sie sind Amerikaner und wollen nach Berlin ziehen? Klar, alle wollen das. Die coolste Stadt der Welt. Ich war vor ein paar Tagen in Berlin mit dem Hund und dem Kinderwagen unterwegs. Ein großer, bärtiger Mann kam uns entgegen.

Man muss wissen, dass Berlin eine multikulturelle Stadt ist. Mein Hund zum Beispiel stammt aus Polen. Viele Berliner beschäftigen eine polnische Putzfrau oder haben einen polnischen Hund oder beides. Die polnischen Hunde stammen aus polnischen Tierheimen, die ihre überzähligen Exemplare in deutsche Tierheime exportieren. Ein Hund, der in polnischen Augen zu hässlich ist oder dessen Charakter grundsätzliche Fragen nach seiner Eignung als Haustier aufwirft, findet in Deutschland immer noch einen Besitzer. Schopenhauer, Hitler, Gerhard Schröder, Wolfgang Joop oder auch ich – wir Deutschen sind verschieden und haben unterschiedliche Ansichten, aber Hunde lieben wir fast alle.

Mein Hund besitzt den Kampfgeist des tapferen polnischen Volkes, er übertreibt es damit nur ein bisschen. Sobald er große, bärtige Männer sieht, will er sie sofort beißen. Hin und wieder gelingt es ihm auch. Ich vermute, dass ihn diese Angewohnheit in Polen unbeliebt gemacht hat. Zurzeit ist die Angriffslust des Hundes reduziert, weil er eine Krebs-OP hatte. Er trägt eine riesige, blutunterlaufene Narbe auf dem Rücken. Wenn Frankensteins Monster einen Hund hätte, dann diesen.

Der bärtige Mann brüllte etwas und lief auf uns zu. Der Mann stoppte vor dem Kinderwagen, schaute kurz hinein, dann entschied er sich um und packte, statt des Babys, den Hund an der Kehle. Der Hund war gerade dabei gewesen, seine Beißposition einzunehmen, jetzt schlenkerte er in der Luft hin und her und jaulte. "Meine Bewährung ist hin", brüllte der Mann, "dann kann ich auch gleich einen erwürgen, ist eh egal." Mit diesen Worten schleuderte er den Hund zu Boden. Der Hund versuchte jaulend, unter den Kinderwagen zu kriechen. Der Mann torkelte seines Weges.

Neben uns auf dem Bürgersteig stand ein alter Herr mit Turban und Sandalen, augenscheinlich ein Yogi. "Berlin, everybody crazy", sagte er auf Englisch, mit einem drolligen Akzent. "Craziness wherever you look", antwortete ich. Ein paar Meter weiter sahen wir einen Menschenauflauf. Auf der Kreuzung stand der bärtige Mann und stoppte den Verkehr. Er baute sich vor einem Bus auf und ließ sich vom Hupen und Brüllen des Busfahrers nicht beeindrucken. Sofort entstand ein Stau. Alle hupten.

"Crazy", sagte der Yogi. Ich sagte: "This crazy man now even more crazy." Der bärtige Mann brüllte: "Pegida! Es lebe die Anarchie!"

Pegida ist ja eine eher rechte Bürgerbewegung, die Anarchisten kommen auch bei uns sonst eher aus der linken Ecke. Ich glaube, der bärtige Mann wollte einfach nur provozieren, es ging ihm nicht darum, eine in sich stimmige politische Haltung zu formulieren. Eine Frau, dem Akzent nach Amerikanerin, rief auf dem Handy die Polizei an. Ein Mann stehe auf der Kreuzung. Der Polizist am anderen Ende verstand offenbar kein Englisch. Die Frau wiederholte ihr Anliegen.

Der Yogi ging zu ihr hin und sagte sanft: "No police. Man has problems. We must help man, no police."

Ich schloss die Augen. Ich hörte das Hupen von einem Dutzend Autos, die lauten "Pegida! Anarchie!"-Rufe, ich hörte die Amerikanerin, die in ihr Telefon sprach, ich hörte den Yogi mit dem drolligen Akzent, wie er beschwörend auf die Frau einredete, ich hörte das Baby, das inzwischen schrie, und ich hörte das Jaulen des Hundes mit der frischen Narbe. Berlin ist verdammt cool. Das stimmt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Diese Kolumne erscheint in diesen Tagen auf Englisch in unserer vierten internationalen Ausgabe. An ausgewählten Verkaufsstellen ist sie auch in Deutschland erhältlich (260 S., 8,90 €). Und sie kann per E-Mail bestellt werden: international@zeit.de

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

" wollen nach Berlin ziehen?

" wollen nach Berlin ziehen? Klar, alle wollen das."

Wie kommt der darauf? Irgendwo sind alle Großstädte gleich! Nur eine jede meint von sich sie wäre am "coolsten" Die Menschen in den Städten sind gleich, irgendwie findete man immer Vergleiche das in dem Heimatort von wo man kommt, eigentlich die gleichen Typen herumlaufen. Egal wo auf der Welt. Nur in der Einbildung besteht die Schattenwirklichkeit: Es ist anders"