Das war meine Rettung "Anarchistisch zu leben macht mir Spaß"

Irm Hermann haderte lange mit sich und dem Leben, bis sie eine spirituelle Offenbarung erlebte. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 16/2015

ZEITmagazin: Frau Hermann, Sie haben gesagt, dass Fassbinder Sie abgeschliffen habe wie einen Kieselstein. Blieb überhaupt etwas von Ihrem Kern übrig?

Irm Hermann: Ich muss etwas in mir haben, das mich am Leben hält, obwohl ich dem Leben selten schöne Momente abgewinnen kann. Außer wenn ich spüre, dass ich geliebt werde und dass man mir Aufmerksamkeit schenkt. Ich muss leben, obwohl mir das Leben sehr schwerfällt. Schon in meiner Kindheit wurde ich nicht angenommen, und immer war da mein Wunsch, aus dem Bürgerlichen rauszukommen. Der war so übermächtig in mir, dass ich fast zwangsläufig auf Fassbinder gestoßen bin, das war die Rettung aus meinem bürgerlichen Dasein, er hat mich da rausgeholt.

ZEITmagazin: Er war bekannt dafür, zu wissen, wie er Menschen quälen konnte. Hat er bei Ihnen einen gewissen Masochismus gespürt?

Hermann: Ich glaube eher, dass ich Angst hatte, noch mal zurückzugehen in dieses bürgerliche Leben. Vielleicht hat Fassbinder mich aber auch deshalb mehr gequält als zum Beispiel Margit Carstensen oder Hanna Schygulla, weil wir zusammen im Bett waren. Und ich glaube auch, dass er viel an mir ausgelassen hat, was seine Mutter betraf. Man sagt ja, ich hätte Ähnlichkeit mit ihr gehabt, und sie hat eine große, nicht ganz so schöne Rolle in seinem Leben gespielt.

ZEITmagazin: Ihr eigenes Ich war eher brav und ordentlich, das Leben mit Fassbinder aber ein richtiger Exzess. Muss das Extreme für Sie immer von jemand anderem kommen?

Hermann: Ja, das muss aufgerufen werden. Ich biete mich nicht an und präsentiere mich nirgendwo. Ich selber bin nicht kreativ, ich bin angewiesen darauf, dass man mich fragt. Inzwischen kann ich mein Inneres nach außen bringen, das konnte ich früher aber nicht, da wurde ich benutzt. Doch ich habe selbst Fassbinder Grenzen gesetzt und habe schon den richtigen Riecher, wo ich nicht mitmache. Ich war nur immer schon neugierig und bin oft über meine Grenzen gegangen. Nicht dass mein Leben langweilig gewesen wäre, aber grenzwertig oder anarchistisch zu leben macht mir schon Spaß.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie von Fassbinder los?

Hermann: 1976 haben wir in HamburgFrauen in New York gespielt, und er hat mir, ohne dass ich davon wusste, LSD ins Essen gegeben, und ich hatte einen Kreislaufkollaps. Ich habe total verdrängt, wie es genau gewesen ist, ich weiß nur, dass ich zu einem Arzt bin, der mich ein paar Wochen lang akupunktiert hat. Mein Nervensystem wurde ganz ruhiggestellt, und dadurch war es möglich, dass ich schwanger geworden bin, von meinem jetzigen Mann. Durch ihn bin ich endgültig von Fassbinder losgekommen. Das war praktisch der Bruch und auch meine endgültige Rettung. Das hat aber schon vorher angefangen, im Mai 1973. Wir haben in Saarbrücken fürs Fernsehen gedreht, und Rainer Langhans hat uns geholfen, die Texte zu üben. In dieser Zeit war Fassbinder besonders eklig, und Langhans war meine Zuflucht, und er hat mir von seinem Meister Sant Kirpal Singh erzählt. Das war wie eine Offenbarung für mich. Ich habe alles von dem Meister gelesen, der damals schon tot war, und ich habe fünf Monate im indischen Auroville Bäume gepflanzt, das war meine spirituelle Reinigung. Und dann kam eines Tages eine Karte, der neue Meister ist da. Da bin ich nach Delhi geflogen und habe mich von ihm initiieren lassen.

ZEITmagazin: Was haben Sie von ihm mitgenommen?

Hermann: Ich meditiere jeden Tag mit meinem Mann zusammen. Das gibt mir die Kraft, das Leben zu meistern und mich mehr und mehr zu vervollkommnen als Mensch. Ich wollte nie materialistisch und verhaftet mit dieser Welt sein, und nach innen zu gehen heißt, mich über die Materie zu erheben. Dennoch fühle ich mich so verkümmert ohne Bühne, ohne Öffentlichkeit. Es ist mir nicht in die Wiege gelegt worden, das Leben anzunehmen. Auf der anderen Seite bin ich mental sehr stark. Ich bin von Kindheit an gerne auf Friedhöfe gegangen. Ich beneide die, die da liegen, und sage mir: Es ist schön, sich vom Leben ausruhen zu können.

ZEITmagazin: Sind Sie auch religiös?

Hermann: Man sagt ja: einmal katholisch, immer katholisch. Bei mir sind immer noch ein bisschen die Schuldgefühle übrig. Ich habe sie meinen Kindern gegenüber, weil meine Aufmerksamkeit oft nicht bei ihnen war, sondern ich Sehnsucht hatte, woanders zu sein. Aber das hat mit meiner Struktur zu tun. Der heimische Herd ist für mich schwer auszuhalten.

Irm Hermann, 72, war Sekretärin, als sie 1965 Rainer Werner Fassbinder traf. Sie wurde Schauspielerin und war auch privat mit ihm liiert, bis sie Mitte der Siebziger genug hatte vom chaotischen Leben mit ihm. Hermann ist verheiratet und hat zwei Söhne

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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