Stilkolumne Die Spitze ist wieder spitze

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 16/2015

Wenn man sich im Internet mal nach Kleidern mit Spitze umschaut, wird man sehr schnell fündig. Der Onlineshop Zalando lockt etwa: "Es ist festlich, elegant und kommt garantiert nie aus der Mode – mit einem Spitzenkleid bist du perfekt für alle festlichen Anlässe gerüstet. Es unterstreicht deine Weiblichkeit und deine Ausstrahlung." Wer will eigentlich nicht festlich, elegant und forever modisch gekleidet sein? Noch dazu mit Unterstreichung der weiblichen Note? All das hat das Spitzenkleid in den vergangenen Jahren zu einem tückischen Kleidungsstück gemacht. Denn die Verlockung, gleichzeitig sexy, stilvoll und zeitgemäß gekleidet zu sein, hat zu einer Inflation der Spitze geführt. Ein Kleid aus Spitze ist heute für 50 Euro zu haben. Dagegen ist an sich nichts zu sagen – außer dass dies nichts mehr mit dem zu tun hat, was Spitze einmal bedeutete. Die Begehrlichkeit, die von Spitze früher ausgegangen ist, kam nicht daher, dass durch sie die Haut schimmerte. Vielmehr war die Spitze unglaublich schwierig und aufwendig herzustellen und deswegen sehr teuer. Spitze trugen wohlhabende Männer und Frauen gleichermaßen, zum Beispiel an Ärmelmanschetten oder ausladenden Rüschenkragen. Das Material symbolisierte also Reichtum und Status. In Venedig und Mailand entwickelte sich das teure Handwerk im 17. Jahrhundert schnell zu einem lukrativen Wirtschaftszweig. Dort wurde Spitze in Klöppeltechnik hergestellt. Die feinste Spitze wurde im schweizerischen St. Gallen entwickelt, wo auch heute noch aufwendigste Spitzenstoffe produziert werden. Für die dort erfundene Guipure-Spitze wird ein Spitzenmuster zunächst auf einen leichten Untergrundstoff gestickt, der anschließend mit Chemikalien weggeätzt wird.

Um der Spitze wieder das Besondere zurückzugeben, was durch die Massenproduktion verloren gegangen ist, lassen sich Designer einiges einfallen. Bei Akris wurde für den kommenden Herbst aus schwarzem Latex gefertigte Spitze vorgestellt. Auch in den Sommerkollektionen wird viel mit damit experimentiert. Spitze ist nicht nur Detail an den Säumen, sondern ganze Kleidungsstücke werden daraus gemacht. Bei Chloé gibt es eine Spitzenjacke zu Spitzenshorts, bei Louis Vuitton ein Minikleid aus verschiedenartig gemusterter Häkelspitze. Dabei müht man sich, so wenig sexy wie möglich zu sein. So ist das Kleid von Louis Vuitton zwar kurz, aber sehr hochgeschlossen. Nie sah man in durchsichtigem Stoff züchtiger aus.

Foto: Jacke von Chloé, 1.720 Euro

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