Ich habe einen Traum: Hajo Gies

"Dieser Horst Schimanski verkörperte, was ich gern gewesen wäre"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 17/2015

Seit meiner frühen Jugend drehen sich meine Träume um Filme. Das verdanke ich meinem Vater. Er hat im Krieg als Offizier auf einem U-Boot gedient. Er war herrisch, aber devot gegenüber Vorgesetzten – und streng katholisch. All das fand ich in meiner Jugend natürlich extrem scheiße.

Die andere Seite meines Vaters war seine Begeisterung für den Film. In unserem Haus lagen Bücher über Filmtheorie und ganze Jahrgänge der Zeitschrift Filmforum. Mein Vater hat in Lüdenscheid, wo er nach dem Krieg als Lehrer arbeitete, einen Filmclub gegründet und den "Tag des besonderen Films" eingeführt. In der Aula seiner Schule zeigte er Filme wie La Strada oder Kinder des Olymp. Ich war immer dabei, durfte mit ihm zusammen die Filmrollen vom Bahnhof abholen und abends länger aufbleiben. Später habe ich selbst die Film-AG der Schule geleitet. Ich durfte auch alleine ins Kino gehen, musste aber über jeden Film, den ich sah, eine Kritik schreiben. Mein Vater hat diese Texte dann korrigiert.

Wenn mich jemand fragte, was ich werden will, habe ich "Regisseur" gesagt. Viele wussten nicht mal, was das ist. Da es damals keine Filmhochschule gab, habe ich erst mal bei Adorno Soziologie studiert und nebenbei beim Fernsehen gejobbt. Bei jeder Gelegenheit bin ich nach Frankreich getrampt, um die neuesten Nouvelle-Vague-Filme zu sehen.

Anfang der Achtziger wurde mein Lebenstraum dann wahr. Nach meinem Studium an der neu gegründeten Hochschule für Fernsehen und Film in München hatte ich schon einige Fernsehfilme gedreht, als ich zusammen mit Bernd Schwamm einen neuen Kommissar für die Tatort-Reihe entwickeln durfte. Unsere Figur sollte ganz anders sein als all die anderen braven, überkorrekten deutschen Fernsehkommissare. Unsere Vorbilder waren Belmondo, Ventura und die Ermittler der Sjöwall-Wahlöö-Krimis. Dieser Horst Schimanski war für mich noch viel mehr: Er war die Verkörperung all dessen, was ich nicht war, aber gerne gewesen wäre. Er hat das getan und gesagt, was ich gerne getan und gesagt hätte, wenn ich draufgängerischer, weniger schüchtern gewesen wäre – mein Traumbild von mir selbst. Sein Hang zum "Scheiße"-Sagen und sein Stottern in Gegenwart von Frauen – das entsprach meinem realen Ich. Bei ihm wirkte das Stottern allerdings komischer als bei mir.

Dass Schimanski dann so viel Erfolg hatte, war traumhaft. Die Zuschauer liebten ihn. Und ich dachte, der Traum geht jetzt erst richtig los, jetzt kommen die großen Budgets und die richtig guten Angebote! Die Angebote kamen auch, aber gleichzeitig wuchs die Zahl derer, die bei allem mitreden wollten. Die Quote diktierte, was wie gemacht werden musste, mein Spielraum schrumpfte immer mehr. Obwohl ich immer noch genug zu tun hatte, stellte ich irgendwann fest, dass mein Traum in gewisser Weise ausgeträumt war.

Im Frühjahr, rund um meinen Geburtstag, sind meine Träume meistens düster – das ist die Zeit, in der ich früher immer mitten in den Dreharbeiten steckte. Mit Schauspielern arbeiten und mit der Kamera Geschichten erzählen macht mir immer noch großen Spaß. Aber die Arbeitsbedingungen, die ich mir erträume, gibt es in der Realität wohl nicht mehr.

Hajo Gies, 70, wurde in Lüdenscheid geboren. Der von ihm miterfundene Fernsehkommissar Horst Schimanski, dargestellt von Götz George, feierte sein "Tatort"-Debüt 1981. In 15 von insgesamt 29 Schimanski-Folgen führte Hajo Gies Regie

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