Harald Martenstein Über Krimis im Giftschrank

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 17/2015

In der Geschichte der Tatort-Krimis sind sieben Folgen produziert worden, die nicht mehr ausgestrahlt werden dürfen. Sechs Folgen sind zu schlimm. Bei der siebten Folge sind die Senderechte unklar. Interessanterweise hat der kleine Berliner Sender SFB, den es seit der Fusion mit dem Brandenburger ORB nicht mehr gibt, ganz alleine drei dieser sieben unsendbaren Tatorte beigesteuert. Auch Der Fall Geisterbahn, offiziell ein Werk des Hessischen Rundfunks, ist im Grunde ein Berliner Film, denn er wurde von der, inzwischen insolventen, Firma "Horst Film Berlin" hergestellt. Ich finde, allein schon der Name "Horst Film Berlin" hätte den Hessischen Rundfunk misstrauisch machen müssen.

Was genau ist an den Filmen unsendbar gewesen? In Der gelbe Unterrock ist der Hauptverdächtige ein, wie ich der Inhaltsangabe entnehme, "psychisch gestörter Kleiderfetischist". Der Film war nach Ansicht des Südwestfunks geeignet, "Gewaltphantasien gegen Frauen zu schüren". Er hat aber vermutlich auch nicht wirklich um Verständnis für psychisch gestörte Kleiderfetischisten geworben. In Mit nackten Füßen wird offenbar die These vertreten, Epileptiker neigten zur Gewalttätigkeit. Bei Tod im Jaguar taucht, als Opfer, nicht etwa als Täter, ein jüdischer Geschäftsmann auf. Er handelt aber mit Waffen. Über Krokodilwächter habe ich im Internet gelesen, dass er "brutal, sexistisch und menschenverachtend" sein soll, das ging wohl ein bisschen in die Quentin-Tarantino-Richtung. In Wem Ehre gebührt ist das Thema ein Inzestfall in der Glaubensgemeinschaft der Aleviten.

Unkomplizierter wäre es gewesen, wenn sie den Kleiderfetischisten zum Aleviten gemacht hätten, wenn der menschenverachtende Krokodilwächter mit Waffen gehandelt und der jüdische Geschäftsmann Sex mit seiner Mutter gehabt hätte. Der Sexappeal jüdischer Mütter ist seit Freud nun wirklich kein Tabu mehr.

Ob die Filme tatsächlich unsendbar waren, kann ich nicht beurteilen. Aber dass sie beim deutschen Fernsehen die Frage der Sendbarkeit offenbar erst nach der Sendung prüfen, finde ich faszinierend. Immer, wenn ich vorm Fernseher sitze, habe ich die Chance, etwas vollkommen Unsendbares zu sehen. Deshalb sehe ich so gern fern.

Sechs unsendbare Tatorte sind im Giftschrank, während Nummer sieben, Ein Hauch von Hollywood, sich eher auf dem Komposthaufen befindet. Das ist der einzige unsendbare Tatort, den ich selber gesehen habe und bei dem die Unsendbarkeit sich erstaunlicherweise bereits vor der Ausstrahlung herausstellte. Um die relativ bescheidene Summe von 50 000 Mark zu sparen, hatte der SFB den Tatort mit der Videokamera drehen lassen. Sie scheinen auch eine von den besonders preisgünstigen Videokameras genommen zu haben. Man konnte auf dem Fernseher fast nichts erkennen, nicht nur wegen der Dunkelheit, auch, weil die Bilder so wackelten. Winfried Glatzeder spielte, laut Vorspann, den Kommissar, aber es hätte, rein vom Bild her, auch Maria Furtwängler sein können. Ob der Täter nun ein Alevit war, ein Kleiderfetischist, ein jüdischer Geschäftsmann oder gar ein zum Sexismus neigender Prokurist von "Horst Film Berlin", war hinterher schwer zu sagen.

Dass so ein Film am Ende ausgerechnet den Titel Ein Hauch von Hollywood trug, beweist, dass während der Produktion der Humor nicht zu kurz kam. Trotz seiner Unsendbarkeit wurde auch der Hauch von Hollywood also gesendet, aber nicht am Sonntag, sondern am Montag um 23 Uhr. Die Programmplaner dachten vielleicht, dass die Zuschauer am Montag um 23 Uhr davon ausgehen, dass es sich um ein Kulturmagazin handelt. Und in gewisser Weise stimmte das ja auch.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Herr Velentin, falls ich Sie richtig dem Tatort-Fundus zuordne: Ihre Arbeit ist Gold wert. Was ich in meinem ersten Kommentar jedoch vergaß: Die »Senderechte«. Das ist eine Schande für das ganze öffentlich-rechtliche Rundfunksystem. Denn eigentlich gehören sämtliche eigene oder »im Auftrag« produzierte Filme und Sendungen _uns_, dem Gebührenzahler. Eigentlich müßte jedes Werk (ggf. nach einer Karenzzeit) kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, wie es beim Werk jeder Bundesstelle in den USA (Public Domain), Großbritannien (Crown Copyright) oder in Rußland der Fall ist!

Kritik vom linientreuen Martenstein! Nein, ich will gar nicht erst das Faß aufmachen mit »Freiheit« und »Zensur« im Hort der Glückseligen, der alten BRD. Es ist aber interessant, daß nicht einmal Pressevertreter erleichterten Zugang zum »Giftschrank« bekommen, um sich selbst ein Bild zu machen. »Aus dem Internet« kennt er ein paar Details — aber da ist Martenstein ja nicht alleine, auch US-Generäle, die mit über Krieg und Frieden entscheiden, informieren sich inzwischen aus Facebook.
»Um die relativ bescheidene Summe von 50 000 Mark zu sparen« — relativ bescheiden? Nach heutigen Maßstäben gewiß! Aber damals war das ein Haufen Geld. Damals, als Gebührengelder nicht verbrannt wurden; als der WDR-Intendant noch deutlich weniger bekam als die Bundeskanzlerin von heute; als die KEF nicht aus treu-ergebenen Abnick-Gremlins bestand...
Weiteres Highlight: »Immer, wenn ich vorm Fernseher sitze, habe ich die Chance, etwas vollkommen Unsendbares zu sehen. Deshalb sehe ich so gern fern.« Nun, Herr Martenstein, sind das Anflüge eines Stockholm-Syndroms? :-) Ich schaue inzwischen nur noch sehr selten fern. Gerade weil in der Tat soviel Unsendbares läuft. Aber wahrscheinlich meinen wir in dieser Hinsicht nicht das gleiche.