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Das war meine Rettung "Ich dachte, ich kriege weiße Haare"

Als Petra Schmidt-Schaller Mutter wurde, hatte sie auf einmal große Angst. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 17/2015

ZEITmagazin: Frau Schmidt-Schaller, haben Sie schon mal eine richtige Rettergestalt gespielt?

Petra Schmidt-Schaller: Ich glaube, alle meine Figuren haben mit dem Thema Rettung zu tun. Entweder müssen sie selber gerettet werden oder jemanden retten, manchmal auch sich selbst. Als Erstes fällt mir da die Ärztin aus meinem Fernsehkrimi Die kalte Wahrheit ein. Diese Frau setzt sich für jemanden ein, der schon tot ist. Frühmorgens auf einer Landstraße rennt ihr ein junger Mann vors Auto. Er kommt aus dem Nebel, aus dem Nichts, prallt gegen das Auto und ist tot. Sie wird freigesprochen. Aber das Schicksal des Toten lässt sie nicht los. Sie findet heraus, was in den letzten Stunden passiert ist, und "rettet" seine Perspektive.

ZEITmagazin: Im Tatort spielen Sie Katharina Lorenz, eine zarte, etwas geheimnisvolle Kommissarin. Ist sie eher Retterin oder Rächerin?

Schmidt-Schaller: Sie ist im Grunde ihres Herzens Pazifistin und ein logisch denkender Mensch. Ihre Waffe ist ihr Wissen. Sie versucht, die Menschen zu durchschauen und zu erreichen. Falke dagegen ...

ZEITmagazin: ... gespielt von Wotan Wilke Möhring ...

Schmidt-Schaller: ... ist überhaupt nicht so. Der zieht seine Waffe, brettert drauflos, bricht Menschen auf. Die Lorenz ist eine stille Retterin. In einem Tatort über Flüchtlinge sorgt sie dafür, dass ein Vater, der abgeschoben werden soll, bei seiner Familie bleiben kann. Die Flüchtlingsthematik ist grauenvoll: Menschen, die zu Hause Vergewaltigungen erlebt und Morde gesehen haben – die bekommen bei uns keinen Einlass? Das ist erbarmungslos. Ich habe das auch in Kreuzberg, vor meiner Haustür, erlebt.

ZEITmagazin: Flüchtlinge kampierten auf dem Oranienplatz in Berlin. Sind Sie ein politischer Mensch?

Schmidt-Schaller: Mein Elternhaus war politisch, aber wir haben über solche Themen wenig geredet. Bei meiner Tochter, die noch sehr klein ist, knapp vier, ist das anders. Wir versuchen ihr zu erklären, was Krieg heißt. Aber bei den Flüchtlingen fühle ich mich wahnsinnig ohnmächtig. Das ist ein schwieriges Thema für unser Europa.

ZEITmagazin: Was hilft dagegen?

Schmidt-Schaller: Ich hatte als Teenager mal eine Phase, wo mir das ganze Leben sinnlos vorkam. So zwischen 12 und 18 bin ich in ein richtiges Tief gerutscht: Wozu bin ich hier? Was hat das alles für einen Sinn? Ich fand keine Antwort, bis ich merkte: Ich selber muss meinem Leben Sinn geben.

ZEITmagazin: Sie sind ein Scheidungskind. Was hat Ihnen geholfen?

Schmidt-Schaller: Meine Eltern trennten sich, als ich elf war. Aber das kann und mag ich ihnen nicht mein Leben lang vorwerfen. Ich will nicht in der Opferrolle sein. Mein Leben hängt doch von mir selber ab! Als ich mit 17 für ein Jahr nach Amerika ging, hatte ich, als ich losflog, noch keine Gastfamilie. In der Vorbereitungswoche dort habe ich meine Lehrerin gefragt, ob sie mich mit zu sich nach Kansas nimmt. Sie sagte Ja. So war ich ein ganzes Jahr bei ihr: eine wunderbare Frau, die gern lacht und gern isst.

ZEITmagazin: Fällt es Ihnen leicht, Mutter zu sein?

Schmidt-Schaller: Anfangs fiel es mir nicht leicht. Im ersten Jahr hatte ich fast so etwas wie eine postnatale Depression. Hinzu kam die unfassbare Angst, meine Tochter zu verlieren. Das beherrschte mich so sehr, dass ich dachte, ich kriege darüber weiße Haare. Am Ende half nur, zu sagen: Egal, was kommt, ich lebe im Hier und Jetzt, im Augenblick.

ZEITmagazin: Eigentlich sind Sie ein risikofreudiger Mensch. Sie spielen sehr schwierige Rollen – und Sie tauchen. Sind Sie auf Notfälle unter Wasser vorbereitet?

Schmidt-Schaller: Na ja, wenn ein Hai kommt, dann haue ich ihm auf die Nase. Das ist seine schwächste Stelle. (lacht)

ZEITmagazin: Sind Sie schon einem Hai begegnet?

Schmidt-Schaller: Bei Dreharbeiten auf den Bahamas durfte ich in ein Becken mit vier großen Haien.

ZEITmagazin: Sie durften?

Schmidt-Schaller: Ja, das war freiwillig. Haie sind ja nicht drauf aus, Taucher zu fressen, zumal wir so komisch blubbern. Die Haie auf den Bahamas waren satt und schwammen gemächlich ihre Runden – wahrscheinlich waren sie beckengestört. Natürlich geht mir, wenn sich unter Wasser etwas Dunkles nähert, auch die Pumpe. Aber es ist ein starkes Gefühl, diese Urangst zu überwinden. Ich bleibe dann ganz klar und überlegt. Mein Traum wäre, einmal im Leben neben einem Buckelwal zu tauchen.

ZEITmagazin: Leider hören Sie jetzt beim Tatort auf. Warum?

Schmidt-Schaller: Ich habe gemerkt, dass ich der Lorenz nicht mehr gern begegne. Wenn ich eine Figur überhabe, ist für mich die Reise beendet.

Petra Schmidt-Schaller, 34, ist in Magdeburg geboren. Sie studierte Schauspiel in Leipzig und spielte unter anderem in dem Kinofilm "Sommer in Orange". Seit 2013 ist sie Kommissarin im NDR-"Tatort". Die letzte Folge, in der sie zu sehen ist, läuft im Herbst

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Die ZEIT-Redakteurin gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

GEEHRTE FRAU SCHMIDT-SCHALLER, ich kann Sie sehr gut verstehen.
Die Ängste um das Kind können Müttern/Eltern, den Atem abschnüren, aber lassen sich sehr gut kontrollieren -am besten so früh wie möglich, nur die Sorgen bleiben immer.

Übrigens: Krieg und Flüchtlinge sind die Schande einer Welt, die sehr gerne Machtspielchen treibt und eine Waffenindustrie -auch und besonders „Made in Germany“- sorgt bombastisch dafür, dass diese beschämende Entwicklung weiter skrupellos expandiert.

P.S. Der Film „Die kalte Wahrheit“ fand ich sehr gut.
Und Sie brillierten in Ihrer Rolle.

Liebe Frau Schmidt-Schaller,

Liebe Frau Schmidt-Schaller,

auch ich bedaure, dass Sie aus dem Tatort "ausgestiegen" sind.

Den Film "Die kalte Wahrheit" fand ich, wie mein Vorkommentator, ebenfalls
sehr gut, nicht zuletzt dank Ihrer Präsenz.

Selbst dümmliche SAT-1-Komödien sind dank Ihnen einigermaßen erträglich.

Für mich sind Sie neben Julia Koschitz die derzeit interessanteste und attraktivste deutschsprachige Schauspielerin und ich hoffe, noch viel von
Ihnen zu sehen.

Das ist mein erster Kommentar bei Zeit Online und ich weiß gar nicht,
ob man hier soviel lobhudeln darf... ?