Dries Van Noten "Ich liebe die Natur"

Ein Gespräch mit dem Modeschöpfer Dries Van Noten über seine berühmten Ideengeber. Interview:
DIE ZEIT Nr. 18/2015

Der belgische Modedesigner Dries Van Noten ist für seine poetischen, aus vielen Einflüssen und Widersprüchen komponierten Kollektionen bekannt. Dabei experimentiert er auf immer neue Weise mit der Grenze zwischen Schönheit und Schrecken, zwischen Banalität und Extravaganz. Seine Jugend in der Blütezeit der Punk-Bewegung spielt dabei ebenso eine Rolle wie seine Produktionsstätten in Indien und an anderen Orten der Welt, wo die Kleider das Dasein feiern, obwohl das Überleben prekär ist. Dass er viele seiner Inspirationen den Wagnissen der Kunst verdankt, hat Dries Van Noten in einer aktuellen Ausstellung zu seinem Œuvre in Antwerpen deutlich gemacht. Nun ist er zum Gallery Weekend nach Berlin gekommen.

DIE ZEIT: Der Anlass Ihres Besuchs in Berlin ist die Ausstellung eines von der Künstlerin Alexandra Kehayoglou entworfenen Moosteppichs, der Ihnen als Laufsteg gedient hat.

Dries Van Noten: Ich habe den Moosteppich durch Zufall entdeckt. Ich wollte meine Damen-Frühjahrskollektion auf einem echten Moosteppich präsentieren. Aber es wäre ein Desaster geworden, 55 Mädchen darüberlaufen zu lassen. Dann sind wir im Netz auf Alexandras Moosteppich gestoßen. Er war viel kleiner, aber seine naive Anmutung hat mich sehr berührt.

ZEIT: Sie sagten einmal, dass Sie Kunst nicht nach ihrem Preis beurteilen, sondern nach der Emotion, die sie erzeugt. Ihre farbenprächtigen, aus vielen Texturen zusammengesetzten und reich ornamentierten Kollektionen sind selbst sehr emotional. Damit machen Sie sich in einer Modewelt, die sich vor Überschwänglichkeit hütet, auch verletzlich.

Van Noten: Die Kunstwelt ähnelt derzeit in manchem dem Modegeschäft. Aber ich reagiere sehr spontan auf Kunst. Das gilt auch für Stoffe, Stickereien und andere Elemente, die ich in meiner Arbeit verwende. Manchmal kombiniere ich die kostbarsten Jacquards mit den billigsten Materialien.

ZEIT: Das heißt, der Materialwert spielt keine Rolle?

Van Noten: Wenn Sie Menschen überraschen und mit visuellen Erscheinungen spielen wollen, dann müssen Sie die vorgefassten Meinungen vergessen.

ZEIT: Anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens Ihrer Marke ist im Antwerpener ModeMuseum zurzeit eine Ausstellung zu sehen, die Ihren Inspirationen gewidmet ist. Sie zeigt Konstellationen auf, in denen Ihre Kollektionen zu Arbeiten von Künstlern wie Yves Klein, Damien Hirst oder Elizabeth Peyton stehen. Das führt zu einer interessanten Potenzierung Ihres Œuvres, die Analogien stärken es und geben ihm eine Sprache.

Van Noten: Für eine Retrospektive bin ich noch zu jung. Und ich wollte mich bei der Einflussfrage nicht auf das Modearchiv des Museums beschränken.

ZEIT: Sie beziehen sich in der Ausstellung auch auf den Künstler Hubert Duprat und seine Experimente mit den Larven von Köcherfliegen. Duprat nutzte die Eigenart dieser empfindlichen Tiere, sich aus gefundenen Materialien Röhren zu bauen, die ihnen als eine Art Panzer dienen. Er hat die Larven mit Goldflocken, Perlen und kleinen Edelsteinen versorgt, aus denen sie fantastische Schmuckstücke konstruiert haben. Eifern Sie als Designer nicht diesen Tieren nach, wenn Sie im Zeitalter pragmatischer Kleidung prächtige Farben und Materialien verwenden?

Van Noten: Ich möchte den Menschen die Schönheit der Mode zeigen, denn sie ist so kommerziell geworden, obwohl sie einer der schönsten Berufe der Welt sein kann.

ZEIT: Elizabeth Peyton verwendet in ihrer Porträtmalerei ikonische Fotos von Menschen, die oft sehr schön sind. Sie fügt der glatten Glamour-Oberfläche des Fotos etwas hinzu, was die Porträtierten zu beseelen scheint. Es ist, als würden sie aus dem narzisstischen und kommerziellen Kontext, der heute von menschlicher Schönheit Besitz ergreift, erlöst werden.

Van Noten: Elizabeth zwingt dazu, all diese Ikonen mit anderen Augen zu sehen. Sie verleiht ihnen ein Mysterium und setzt damit viele Fragezeichen hinter unseren Starkult.

ZEIT: Tun Sie nicht etwas ganz Ähnliches, wenn Sie Models gegen ihren Typ einsetzen und so unsere Sehgewohnheiten irritieren?

Van Noten: Elizabeth stand am Anfang mehrerer meiner Kollektionen. Denn auch die Sphäre der Mode kennt solche unantastbaren Ikonen und Regeln des guten Geschmacks. Aber Mode in diesem Sinne gibt es nicht mehr. Gerade in Zeiten der Sozialen Medien wollen Menschen keine Uniform mehr tragen, sondern ihre Individualität zeigen, um in dieser verrückten Welt zu überleben. Wenn man mir etwas als unumstößlich hinstellt, ist das die erste Regel, die ich brechen werde. Ich spiele mit den Demarkationen von männlich und weiblich, Stärke und Schwäche, gutem und schlechtem Geschmack.

ZEIT: Sie scheinen nach einer ungeplanten, unwillkürlichen Schönheit Ausschau zu halten, wie sie etwa auf der Rückseite einer alten Tulpenstickerei zu finden ist.

Van Noten: Mir macht es einfach Vergnügen, eine neue Schönheit zu finden, wo man sie nicht erwartet. Ich weiß nicht, ob es mit meinem Leben auf dem Land zu tun hat, aber ich bin dem Gärtnern verfallen. Ich liebe die Natur, ich habe ein Haus auf dem Lande und lebe mit den Jahreszeiten. Ich wache auf, wenn es draußen hell wird. Und manchmal möchte ich in meinen Entwürfen ganz in der Natur verschwinden.

ZEIT: Scheint in Ihrer Haltung zur Mode Ihre katholische Erziehung durch? Die Affinität zu Gefühlen, zum großen Drama der Existenz?

Van Noten: Die Erziehung holt einen immer wieder ein, selbst wenn man, wie ich, als junger Mann dagegen aufbegehrt hat.

ZEIT: Ihre Francis Bacon gewidmete Kollektion hat seine Farben benutzt, um schöne junge Models einzukleiden. Man könnte sagen, dass Sie Bacons Figuren aus ihren Qualen erlöst haben.

Van Noten: Mich hat schockiert, dass seine Bilder zugleich schön und schrecklich sind. Natürlich kann man Parallelen zur christlichen Kirche ziehen, in der jemand sterben musste, um dich zu retten.

ZEIT: Am Eingang der Antwerpener Ausstellung hängt eines von Damien Hirsts Schmetterlingsbildern. Warum?

Van Noten: Zuerst sieht man nur ein fantastisches Kunstwerk. Aber dann erkennt man, wie viele Schmetterlinge dafür sterben mussten. Wenn man etwas Schönes sieht, sollte man keine Angst davor haben, an der Oberfläche zu kratzen. Das gilt umgekehrt auch für das oberflächlich Hässliche.

ZEIT: Ist die Kolonialgeschichte Ihres Landes noch eine Referenz für Sie?

Van Noten: Das Leben in einer Hafenstadt prägt die Persönlichkeit. Es kommt einem so logisch und normal vor, dass all diese exotischen Einflüsse vor der Tür zu finden sind. Antwerpen ist nicht groß, aber wir haben eine jüdische, eine chinesische, indische und russische Gemeinde.

ZEIT: Sie achten darauf, dass es in jeder Ihrer Kollektionen genug zu tun gibt für die indischen Stickereiwerkstätten und italienischen Stoffweber, mit denen Sie zusammenarbeiten. Fürsorge, das ist auch eine Weise, in der Emotion Einzug in Ihre Arbeit hält.

Van Noten: Ich kann nur mithilfe dieser Menschen überleben. Es macht mir Angst, dass all die Fertigkeiten, die für schöne Kleider unverzichtbar sind, so rasend schnell verschwinden.

ZEIT: Zu Ihren Inspirationen gehört Jean Fouquets Antwerpener Madonna mit entblößter Brust. Der zweite Flügel des ursprünglichen Diptychons befindet sich in der Berliner Gemäldegalerie. Werden Sie ihn sich ansehen?

Van Noten: Ich glaube, ja, denn ich war noch nie in Berlin. Das war ein großer Fehler, den ich jetzt wiedergutmache.

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