Die großen Fragen der Liebe Muss er ihr seine Verlässlichkeit beweisen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 18/2015

Die Frage: Die 34-jährige Paula klagt ihrer besten Freundin ihr Leid: "Ich weiß nicht, ob es mit Oliver weitergeht. Es ist wie verhext. Anfangs sind meine Beziehungen immer wunderschön, wir verstehen uns bestens, haben guten Sex, die Männer sagen, mit mir könne man Pferde stehlen. Irgendwann fangen wir an, über Kinder zu reden. Dann wird es schwierig. Jetzt hat Oliver gesagt, er sei es leid, mit mir immer darüber zu reden und zu streiten, wie wir ein Kind erziehen wollen, ob seine Mutter babysitten darf und ob er mir auch treu bleiben wird, wenn ich hochschwanger bin. Ich solle die Pille weglassen und mit der Fragerei aufhören! Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich auf ihn verlassen kann. Wenn er jetzt so ruppig wird, glaube ich nicht mehr an unsere Beziehung."

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es nützt Oliver und Paula nicht viel, wenn Außenstehende sich in ihre Not einfühlen. Sie müssen erst einmal miteinander klarkommen. Dass Oliver den Prüfstand leid ist, kann ich ebenso gut verstehen wie Paulas Unsicherheit. Sie fordert von Oliver einen Tauglichkeitsnachweis. Aber geht es dabei um ihre kindlichen Wünsche oder um die Bedürfnisse eines noch gar nicht gezeugten Kindes? Ehe er die Rolle des Vaters besetzen darf, wird Oliver geprüft, ob er für sie taugt. Durch den Prüfungsdruck wird jedoch das Vertrauen in eine gemeinsame Entwicklung geschwächt. Ehe Partner einander ins Assessment-Center schicken, sollten sie sich fragen, ob sie nicht einfach ihren guten Sex genießen sollten – ohne sicher wissen zu können, ob dieser auch gute Elternschaft verheißt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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