Welcher Reisetyp sind Sie?

ZEITmagazin Nr. 18/2015 Von , , , , , , , , und

1 — Aktiv: Erholsamer Stress

Wandern, schwärmen viele Menschen, sei eine Art Meditation: einen Fuß vor den anderen setzen, die Muskeln beugen und strecken, die Luft in die Lungen herein und dann wieder hinausströmen lassen. Ich finde Wandern auch toll. Meditativ finde ich es nicht. Nicht mit meiner Familie, deren zweiter Name Ehrgeiz ist. Unser Familiensport ist es nämlich, die Zeiten auf den Wegweisern zu unterbieten. Das Ziel: rauf auf die Hütte in einer Stunde statt in 1:30, zum Speckknödelessen auf die Alm in 2:45 statt in 3:30, Aufstieg auf die Spitze in 4:30 statt in 5:30.

Es ist ein lächerliches Spiel, aber wir haben es von Opa Horst geerbt, und der ist tot. Man kann also nichts dagegen sagen, ohne etwas gegen einen Toten zu sagen, was die Sache moralisch schwierig macht.

Unsere Leidenschaft fürs Wandern haben wir vor sechs Jahren in Südtirol entdeckt. Bis dahin hatten wir zu den Lazy Urlaubern gehört: Sommer, Sonne, Strand – und Langeweile. Wenn wir ehrlich waren, fanden wir Urlaubmachen damals gar nicht so spannend. Spätestens nach zwei Wochen bekam mein Mann Heimweh. Ich entschied mich dafür, das nicht beleidigend, sondern rührend zu finden.

Dann waren, es ging schon auf den November zu, ein paar Urlaubstage übrig. Strandurlaub, jedenfalls in Europa, schied aus. Die einzige Chance, sich auf Temperatur zu halten: Bewegung. Mein Mann erinnerte sich an seine Kindheitsurlaube in Meran. Sein Vater, Opa Horst, liebte nicht nur Bewegung, sondern auch das "Mikroklima in Meran". 315 Sonnentage im Jahr.

Zum Start fuhren wir mit der Seilbahn rauf zur Taser-Alm. Dort stand auf dem Wegweiser mit der kürzesten Zeitangabe "Ifinger Hütte". Die Kinder – sie waren vier und sechs – waren zuvor noch nie gewandert, ich bloß ein-, zweimal. Einen Versuch fanden wir es wert. Die Kinder wanderten den Berg nicht rauf, sie rannten. Seitdem rennen wir ihnen hinterher. Wenn wir mal eine Pause machen, erzählt mein Mann schaurige Geschichten von dem Blut, in dem seine Kinderfüße schwammen, als er mit Opa Horst wandern war.

Gut, zu haben: Kein raffinierter Zucker, dafür viel Eiweiß und Vitamine. Die Riegel von "Die Kraft des Urstromtals" liefern Energie für zwischendurch. © Kaufmann Mercantile

Die Ifinger Hütte mit ihrer Almwiese davor gehört zu den schönsten Plätzen, die ich kenne: Sie liegt wie in einer Zirkusmanege und ist umrundet von Gipfeln und Scharten, die man besteigen kann. Trinken muss man unbedingt die hausgemachte Holunderschorle, essen einen Kaiserschmarren oder ein paar Schlutzkrapfen, wie man die Südtiroler Ravioli-Variante nennt.

Immer wenn wir in Südtirol sind, gehen wir als Erstes rauf auf die Ifinger Hütte. Jedes Mal gehen wir ein bisschen schneller. Der Vorteil ist: Je schneller man oben ist, desto mehr Zeit hat man, die Hütte zu genießen. Und von dort aus weiterzuwandern.

Weil man auch schneller wieder unten ist, kann man später am Tag noch viele andere Dinge tun: Rennrad fahren, reiten, klettern, essen, trinken. Wenn man das alles schaffen will, muss man morgens früh raus und abends früh rein. Genau genommen ist das dann kein Urlaub, sondern echter Stress. Die beste Erholung, die ich mir vorstellen kann.

Ifinger Hütte: Schennaberg 2, 39017 Schenna, Südtirol (Italien). Geöffnet von Anfang Mai bis Anfang November

Alternative Route

Aktiv sein und gleichzeitig ein fremdes Land erkunden – geht das? Klar. Zum Beispiel im Reiterurlaub in der Mongolei. In dem dünn besiedelten Land zwischen Russland und China leben die meisten Menschen immer noch als Nomaden. Sie sind berühmt für ihre Pferdekenntnisse und ihre Reitkünste, auch für ihre Gastfreundschaft. Touristen erschließt sich die Weite des Landes am besten auf einer Trekking-Tour mit Packtieren und Übernachtungen im Zelt oder in traditionellen Jurten. Nur in einigen Camps – etwa in der Stadt Mörön – gibt es sanitäre Anlagen und fließendes Wasser. Am besten sucht man sich einen Anbieter, der auf westliche Touristen spezialisiert ist und mit ortskundigen Führern arbeitet. Als Reiter sollte man in allen drei Gangarten sicher sein. (pferdreiter.de/asien/mongolei oder knut-reisen.de)

Auch eine Art, sich aktiv zu erholen: als Erntehelfer. Jedes Jahr sind Tausende dieser sogenannten Woofer auf der ganzen Welt im Einsatz. Woofen kann für gestresste Manager genauso heilsam sein wie für verliebte Teenager – etwa bei der zweiwöchigen Olivenernte in Umbrien bei Tamara und Giordano, die unweit von Assisi ein Agriturismo namens Casa Faustina betreiben. Morgens früh um sieben geht es los mit der Ernte, abends fällt man glücklich und müde ins Bett. Die Gastgeber machen alle Anstrengung mit ihrer Herzlichkeit und ihren Kochkünsten wett. (casafaustina.it)

Tanja Stelzer ist Ressortleiterin des ZEIT-Dossiers

2 — Stadt: Die Unaufdringlichkeit von Lissabon

Die freundliche Zurückhaltung vieler Portugiesen ist einer der Gründe, warum es Lissabon-Fans immer wieder in die Stadt zieht – und gleichzeitig ist die Zurückhaltung auch ihr Problem. Bei jedem Besuch denke ich: Was für eine Kultur (zu bestaunen etwa im unglaublichen Kachelmuseum), was für eine Handwerkskunst (zu kaufen etwa im gerade einmal fünf Quadratmeter großen Laden für Lederhandschuhe, Luviria Ullises), was für eine Küche, was für Weine (zu genießen etwa in der Cervejaria Ramiro). Aber warum nur können sich Portugiesen nicht besser vermarkten? Ihre zurückhaltende Art hat eben genau damit zu tun: Man will sich nicht aufdrängen.

Gut, zu haben: Verreist man nur für ein paar Tage, sollte man nie mehr mitnehmen, als in einen Weekender reinpasst. Denn mehr braucht man nicht (Khamsin von Tsatsas). © Gerhardt Kellermann/Tsatsas

Aber es gibt Hoffnung. Seit einigen Jahren schon verkauft das Geschäft A Vida Portuguesa traditionsreiche Designprodukte von herrlich duftenden Seifen über geflochtene Körbe bis zu den berühmten Schwalben aus Ton. Ein paar Häuser weiter ist ein Café, das von jungen Österreichern gemacht wird und Kaffeehaus Lisboa heißt, ein angenehmer Ort, der das Beste aus der portugiesischen und österreichischen Küche verbindet und auch Salate anbietet – bei den nicht immer ganz leichten Gerichten eine angenehme Alternative. Und im vergangenen Jahr wurde der traditionsreiche Markt Mercado de Ribeira mit neuem Konzept eröffnet: Jetzt sind viele der besten Produzenten der Stadt an einem Ort versammelt, Schinken, Käse, Weine, frische Säfte und auch Pflanzen kann man kaufen. Es gibt eine feinere Halle zum Essen und Trinken und nebenan den alten Wochenmarkt zum Einkaufen fürs Kochen zu Hause.

Niemand verkörpert den Aufschwung Lissabons besser als der junge Starkoch José Avillez, 35, das portugiesische Pendant zu Ferran Adrià. Avillez modernisiert die portugiesische Küche, aber auf weniger radikale Art als sein spanischer Kollege. Er hat mittlerweile fünf Lokale (und einen Cateringservice in Cascais). Mit seinem Stammsitz hat er einen Michelin-Stern. Ich empfehle den Ableger, die Cantinha do Avillez, die auch mittags öffnet (unbedingt reservieren) – und im Gegensatz zu den anderen Lokalen Klassiker der Landesküche anbietet. Für all diese neuen Orte gilt: Nicht alles ändert sich. Die sanfte Art der Portugiesen bleibt.

Cervejaria Ramino: Av. Almirante Reis Nr. 1-H
Cantinha do Avillez: Rua Duques de Bragança 7

Alternative Routen

Ideal für einen Wochenendtrip innerhalb Europas ist Kopenhagen – vor allem, wenn man sich für Design interessiert. An allen möglichen öffentlichen Orten dieser Stadt stößt man unvermutet auf klassische Design-Ikonen – etwa am Flughafen, wo Verner Pantons "Ball Lamp" beiläufig in einem schlecht ausgeleuchteten Kofferladen hängt. Wer wenig Zeit hat, geht am besten zu Illums. In dem dreistöckigen Kaufhaus gibt es das Beste, was skandinavisches Design zu bieten hat – Möbel, Leuchten, Geschirr (illumsbolighus.dk). Außerdem eröffnen immer mehr Ableger von Spitzenrestaurants, in denen man preisgünstig essen kann – etwa Uformel, kleiner Bruder des ausgezeichneten Formel B. (uformel.dk) In Südchina macht Shenzhen, eine der schnellstwachsenden Städte der Welt, seiner Nachbarstadt Hongkong Konkurrenz. Vielerorts spiegelt Shenzhen das alte China – etwa am Straßenrand, wo über offenem Feuer Wok-Gerichte zubereitet und Reisteigtäschchen, gefüllt mit Süßkartoffel, Kohl oder Fleisch, verkauft werden. Jenseits der Tradition entsteht aber viel Neues – etwa im Designviertel Net@cool, wo Restaurants in Fabriketagen mehr an die Rohheit Londons erinnern als an chinesischen Überfluss.

Christoph Amend ist Chefredakteur des ZEITmagazins

3 — Familie: Lauter, bunter, größer

Um sich als Eltern mit Kleinkindern zu erholen, muss man vor allem eins tun: Sich von der Idee des Urlaubs, wie man ihn bisher kannte, verabschieden. Denn all das, was man herkömmlicherweise damit verbindet – ausschlafen, Bücher lesen, entspannt Essen gehen – funktioniert mit kleinen Kindern leider nicht besonders gut.

Gut, zu haben: Nie wieder für Übergepäck zahlen mit der Gepäckwaage von Kikkerland, die bis zu 35 Kilogramm misst. © Gale Maytoon King/Jao Brand/Kikkerland EU

Wirklich begriffen habe ich das erst nach einem missglückten Urlaub vor anderthalb Jahren. Wir reisten mit unseren beiden Kindern – drei und anderthalb Jahre alt – im November nach La Gomera, um dem hereinbrechenden Winter für zwei Wochen zu entkommen. Wegen ungünstiger Fährverbindungen waren wir fast zwölf Stunden unterwegs und wollten nur noch schlafen, als wir endlich in unserem Strandhäuschen auf La Gomera ankamen. Das Häuschen war Teil einer schönen, umgebauten Finca mitten in der Natur, laut Website alles sehr kinderfreundlich. Wer die Natur sucht, muss allerdings mit Ameisen im Bett rechnen. Das hätte uns auch nicht weiter gestört, nur kitzelten sie unseren kleinen Sohn nachts immer wieder aus dem Schlaf – was den Erholungsfaktor für alle ziemlich minimierte. Nach ein paar Tagen brach dann ein Sturm über die Insel herein, und es begann mehrere Tage lang zu regnen. Irgendwann waren die kinderlosen Besucher dieser kinderfreundlichen Hotelanlage genervt von Drei-, Vier- und Fünfjährigen, die im Speisesaal Fangen spielten. Und so hallte eines Abends um halb acht der Schrei einer Mittfünfzigern durch den Saal: "Ruhe!"Ich brauchte etwa zwei Wochen, um mich von diesem Urlaub zu erholen. Dafür war die Reise entschieden zu teuer. Die entspanntesten Ferien habe ich mit unseren kleinen Kindern bei meinen Eltern, Schwiegereltern und Geschwistern verbracht. Weil man als Erwachsener aber nicht jeden Urlaub am Ort seiner Kindheit verbringen möchte, finde ich es am besten, an einen Ort zu fahren, der höchstens ein paar Stunden mit der Bahn oder dem Auto vom Wohnort entfernt ist. Am besten in eine Ferienwohnung, weil man dann niemanden stört. Und idealerweise mit Freunden, dann kann man sich das Kochen aufteilen und die Abende zusammen verbringen. Das funktioniert zum Beispiel sehr gut an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern, wo man in vielen umgebauten Gutshöfen Ferienwohnungen mieten kann. Wir haben einen sehr erholsamen Sommerurlaub nahe dem Badeort Rerik verbracht.Wir sind am Salzhaff spazieren gegangen, die Kinder spielten im Schilf und sahen den Vögeln zu. Wir schlenderten in Kühlungsborn auf der zwar kurzen, aber hübschen Strandpromenade entlang und sahen uns mit den Kindern die Boote an. Und wenn wir mal nicht in Rerik an den Strand gehen wollten, fuhren wir ins 20 Kilometer entfernte Heiligendamm an den wirklich wunderschönen "Kinderstrand". Er heißt so, weil es sehr flach ins Meer hineingeht, sodass die Kinder dort gut spielen können. Wenn die Sonne scheint, fühlt man sich in Heiligendamm fast wie in Thailand: Der Sand ist strahlend weiß und das Wasser unwirklich blau.

Strandbar in Heiligendamm: Deck, Kinderstrand 3, Ferienwohnung: haus m, Bastorfer Weg 4; (ferienhaus-rerik.eu)

Alternative Route

Die USA bieten sich schon allein deshalb fantastisch für Familienreisen an, weil alles in diesem Land überdimensional groß, bunt und laut ist. Und Kinder mögen das. Speziell der Bundesstaat Kalifornien ist ein Paradies: Da ist das alte Disneyland in Anaheim. Da sind Westernstädte, in denen man Gold waschen kann (goldprospecting.com). Und im Yosemite-Park setzt man wandermüde Kinder einfach auf ein Fahrrad (yosemitepark.com/ bike-trails.aspx). Die großen Städte Kaliforniens bieten jeweils sehr eigene Attraktionen für Kinder: Los Angeles hat seine Filmstudios (universalstudioshollywood.com), San Francisco die gruselige Gefängnis-Insel Alcatraz und die ruckeligen Cable-Cars, San Diego den Meeres-Themenpark Sea World (Killer-Wale auf Augenhöhe!). Auch nicht schlecht: Bei diesem Überangebot an Kinderspaß lassen sich nebenbei ganz leicht ein paar Erwachsenenfreuden einschmuggeln – etwa ein Drink an der Bar vom Chateau Marmont in L.A. (chateaumarmont.com) oder eine Fahrt im Cabrio an der Küste von Big Sur entlang. Mit Zwischenstopp im Ventana Inn, wo die Zimmer mit Kamin und Holzveranda ausgestattet sind. (ventanainn.com)Ganz im Süden Europas, etwas abseits von den Stränden der Costa del Sol, liegt der Naturpark von Cabo de Gata. Die Halbwüste ist eine Wunderwelt. Vergleichbare Pflanzen, die der Hitze und Trockenheit trotzen, gibt es nirgendwo sonst in Europa. Man denkt, die Zeit sei stehen geblieben – ein Grund, warum hier wunderbar staubige Westernfilme wie Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar gedreht worden sind. In diesem Geiste, verschroben, vertrocknet und magisch, vertreibt man sich in Cabo de Gata die Zeit. Am besten mietet man sich mit der ganzen Familie ein Haus in dem kleinen Ort Agua Amarga ("bitteres Wasser") und verbringt den ganzen Sommer am Strand oder zählt in der Wüste Salamander. Außerdem: Berge besteigen, abends dem Meer lauschen, Fische grillen. Nur wenige Gegenden sind gleichzeitig so traurig und packend wie dieser Naturpark – auch den Magnum-Fotografen Ferdinando Scianna hat er gebannt. (Unterkunft: lajoyadecabodegata.com) 

Annabel Wahba ist Redakteurin des ZEITmagazins

4 — Bildung: Ein Opernhaus im Nirgendwo

Entspannung für den Bildungsreisenden in Wien im Hotel Sacher © Brigitte Lacombe

In den Bayerischen Wald fahren, um Beethoven zu hören, oder Bach? Hätte man bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten. Jetzt steht da, an der Grenze zu Tschechien, auf dem Kirchplatz eines Örtchens namens Blaibach, ein Konzerthaus. Noch dazu ein avantgardistisches Konzerthaus, ein gekippter Betonquader, der zwischen Gaststätte, Einfamilienhäusern und Zigarettenautomat im Ortskern steht, als sei er nicht von dieser Welt.

Wie er hierherkam, ist eine lange Geschichte. Sie beginnt vor fast 40 Jahren in einem Ort ganz in der Nähe, als Thomas Bauer, sechs Jahre alt, vor dem Klavier seines Grundschullehrers steht. Der Lehrer schlägt ein paar Töne an, und der Bub, der sonst nie seinen Mund aufbekommt, trifft alle Töne. Der Lehrer staunt. Und empfiehlt den Eltern – sie Hausfrau, er Elektriker –, ihr Kind aufs Internat der Regensburger Domspatzen zu schicken. So fing es an. Heute, mit 44, singt Thomas E. Bauer (wie er sich inzwischen nennt) an der Scala in Mailand, der Philharmonie in Berlin, am Lincoln Center in New York. Er ist einer der gefragtesten Konzert- und Opernsänger der Welt.

Bauers Familie hat 200 Mitglieder, er ist der einzige Künstler. Die meisten sind Handwerker, Landwirte, Arbeiter im Deggendorfer Donauhafen. Für sie, sagt er, sei klassische Musik ein "Elfenbeinphänomen", das nichts mit ihrem Alltag zu tun habe. Bauer fand das immer schade: "Als klassischer Musiker erlebst du eine große Nähe zu diesen Komponisten, und irgendwann findet man das einfach ungerecht, dass die nächsten Menschen davon ausgeschlossen sind."

Gut, zu haben: Dank verbreiteter Akzeptanz unter den Hipstern der Welt reist der Bildungsreisende endlich stilsicher in seiner Lieblingssandale (Birkenstock). © Birkenstock

Nach einem sozialen Aufstieg gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder vergisst der Mensch die Welt seiner Kindheit. Oder er wird zum Mittler zwischen altem und neuem Milieu. Bauer entschied sich für Letzteres: Vor ein paar Jahren zog er zurück in seine alte Heimat nach Deggendorf. Mit der Pianistin Uta Hielscher gründete er das Musikfestival "Kulturwald", für das er klassische und moderne Musiker in Klöster und Stadthallen der Gegend holt.

Und als der kleine Ort Blaibach nach Ideen für seinen Dorfkern suchte, war er zur Stelle: mit der Idee eines Konzerthauses. Ein Magnet für Musikliebhaber. Und ein wohnortnaher Spielplatz für Thomas E. Bauer. Drei Jahre später steht da tatsächlich ein kleines Konzertgebäude. Entworfen hat es der Architekt Peter Haimerl, auch er ein Niederbayer, der in die Welt ging und zurückgekommen ist.

Ein Opernhaus im Nirgendwo. Kaum ein Bericht über das Projekt, der ohne das Wort "Fitzcarraldo" auskommt – nach dem Werner-Herzog-Film, in dem ein Musikliebhaber ein Opernhaus im Dschungel bauen will und am Ende scheitert.

Damit das Konzerthaus auf keinen Fall so endet, haben die Blaibacher Gemeinderäte Thomas E. Bauer auf Jahre hinaus als Intendanten verpflichtet. Denn der Intendant lädt seine Freunde aus der Musikwelt nach Blaibach ein. Die wohnen dann dort, schleppen im Zweifelsfall ihre stolzen Pensionswirtinnen mit ins Konzert und essen danach in der Enoteca Lucca, die an Konzertabenden die ganze Nacht geöffnet bleibt.

Konzerthaus: Kirchplatz 4a, 93476 Blaibach; konzert-haus.de

Übernachten: Schlossgasthof Rösch, Kirchplatz 10

Alternative Route

Auch interessant für Bildungsreisende: Das jetzt eröffnete Literaturmuseum in Wien. Briefe von Ingeborg Bachmann und Manuskripte von Paul Celan sind dort unter anderem ausgestellt, zudem Peter Handkes Spazierstock und eine Haarlocke von Arthur Schnitzler (onb.ac.at/literaturmuseum.htm). Im selben Gebäude ist übrigens ein Esperanto-Museum untergebracht – für jene künstliche Sprache, die sich auf der Welt nie durchgesetzt hat.

Heike Faller ist Redakteurin des ZEITmagazins

5 — Social Media: Reisen mit dem gewissen Klick

In Tokio kann der Social-Media-Reisende auch gleich die neuesten Gadgets kaufen. © Brigitte Lacombe

An Silvester beschlossen meine Schwester und ich, das Jahr mit einem richtigen Strandurlaub zu beginnen. Irgendein Ort, den wir beide noch nicht kannten und der höchstens zehn Flugstunden entfernt liegt, sollte es sein. Drei Wochen später wollten wir losfliegen. Aber wohin?

Früher war in unserer Familie immer meine Mutter für die Reiseplanung zuständig. Sie suchte mit großer Leidenschaft die schönsten Ziele heraus und verschlang bereits lange vor der Abreise Reiseführer – möglichst solche mit viel Text und wenigen Bildern. Ich selbst habe bislang einen einzigen Reiseführer gekauft: einen Lonely Planet über Kanada für mein Austauschjahr in der elften Klasse. Die wirklich wichtigen Fragen habe ich damals aber gegoogelt. Das ist jetzt genau zehn Jahre her, und meine Art der Reisevorbereitung hat sich kaum geändert: Ich mache fast alles online. Wenn ich übers Wochenende wegfahre, organisiere ich das auf dem Handy nebenbei in der Tram.

Natürlich ist die Organisation einer Fernreise, deren Ziel man noch nicht kennt, komplexer als die eines Wochenendtrips. Die ersten beiden Januarwochen verbrachte ich deshalb fast jeden Abend mit dem Laptop auf dem Schoß. Auf Instagram fiel mir auf, dass viele der Leute, denen ich folge, nach Südafrika oder nach Sri Lanka reisen. Diese beiden Ziele tauchen immer wieder auf. Da uns die tropischen Strände, an denen man anscheinend nichts Besseres tun kann, als den ganzen Tag frische Kokosnüsse zu schlürfen, noch mehr überzeugten als die Bilder vom Tafelberg, entschieden meine Schwester und ich uns für eine Reise in den Indischen Ozean.

Gut, zu haben: Niemals wieder Zweiter sein! Hat man das mobile Ladegerät von Jackery dabei, hält der Handyakku trotz vieler Instagram-Uploads. Dank zweier USB-Stecker kann man mehrere Geräte gleichzeitig laden. © Jackery

Auf bookings.com und expedia.de suchten wir nach guten Angeboten, auf Facebook nach persönlichen Empfehlungen. Über eine Statusmeldung auf Englisch fragte ich nach "hotel recommendations for Sri Lanka". Außerem rief ich auf Instagram immer wieder Hashtags wie #srilanka, #sriklankahotel, #srilankaresort auf und stieß manchmal auf Bilder, die erst wenige Stunden vorher hochgeladen worden waren. So wurde uns klar, dass wir in den Südwesten der Insel wollten. Als wir dort ein gutes Hotelangebot fanden, verglichen wir es sofort mit den Kritiken auf tripadvisor.com. So erfuhren wir, dass die Anlage vor einem Jahr komplett renoviert wurde – die Angaben über Sauberkeit und Hygienestandard also glaubwürdig waren. Dank momondo.com waren günstige Flüge schnell gefunden.

Im Hotel gab es selbstverständlich kostenloses WLAN – sonst hätten wir uns trotz der guten Kritiken für ein anderes entschieden. So konnten wir mit den Daheimgebliebenen im nasskalten deutschen Winter über WhatsApp kommunizieren und auf Instagram herrlich kitschige, glutrote Sonnenuntergänge posten.

Hat man etwas mehr Zeit, empfiehlt sich eine Zugfahrt durch das Bergland Sri Lankas, zum Beispiel von Ella nach Nanuoya. Dann unbedingt mit den Locals in der zweiten Klasse reisen. Nur hier kann man in den offenen Türen sitzen, die Beine raushängen lassen und im Fahrtwind die saftigen Teeplantagen an sich vorbeiziehen sehen.

Ein bisschen touristischer geht es am Surferstrand von Mirissa im Süden der Insel zu. Abends gibt es an den vielen Beachbars frischen Fisch und Meeresfrüchte und, wenn man mag, süße Cocktails.

Alternative Route

Wohin zieht es den Social-Media-Traveller im Grunde seines Herzens? Dorthin, wo es neuste Technik zu kaufen gibt, schon klar. Zum Beispiel nach Tokio. Solange es noch geht, steigt man am besten im Hotel Okura im lebhaften Roppongi-Viertel ab. Das architektonische Juwel aus den sechziger Jahren wird im August abgerissen und bis zu den Olympischen Spielen 2020 neu aufgebaut. Ganz wichtig, um die neu erworbenen Gadgets auszuprobieren, ist ein Besuch auf dem Fischmarkt – dem größten der Welt: Tsukiji Market. Wer keinen Fisch mag, kehrt im Omoide Yokocho im Shinjuku-Viertel ein und isst Yakitori-Spießchen.

Kapstadt lässt sich prima mit schmalem Budget und trotzdem stilvoll erkunden. Überall in der Stadt gibt es Bed and Breakfasts, die anderswo locker als Hotel durchgehen würden – etwa das Lezard Bleu (lezardbleu.co.za) direkt unter dem Tafelberg: nur fünf Zimmer und ein zauberhafter Garten. Auch das Backpacker-Hotel Atlantic Point (atlanticpoint.co.za) bietet viel mehr als normale Jugendherbergen. Gut und günstig essen kann man im Food Barn oder mittwochs und samstags auf dem Earth-Fair-Wochenmarkt.

Inga Krieger ist Mitarbeiterin des ZEITmagazins

6 — Kreuzfahrt: Gegen das Klischee

Der Nil: der Klassiker unter den Kreuzfahrten © Brigitte Lacombe

Bist du denn schon in Rente? Diese Frage hörte ich oft, bevor ich Ende März in die Südsee auf Kreuzfahrt ging – ein Geschenk von Freunden zu einem runden Geburtstag. Auch ich verband mit so einer Seereise viele Klischees – und der Südpazifik existierte bis dahin nur als Fototapete in meinem Kopf. Nach sieben Tagen auf der Reef Endeavour entlang der Fidschi-Inseln weiß ich: Anders als auf dem Fernsehtraumschiff sind die Handtücher an Bord manchmal fleckig, und das Besteck ist nicht auf Hochglanz poliert. Das Schiff hat Platz für 120 Passagiere, unsere Tour war nur zur Hälfte gebucht: überwiegend Australier und Neuseeländer, wenige Deutsche. Nach zwei Tagen kennt jeder jeden: Tina aus Zürich begleitete ihre Mutter, Chris aus Sydney war bei den Ausflügen immer als Erster und so ausdauernd an der Kühlbox, dass die Crew manchmal Kokosnüsse ernten musste, weil die Vorräte aufgebraucht waren. Wir fühlten uns wie auf Klassenfahrt. Auf dem Schiff habe ich geschlafen wie ein Baby. Die anderen offenbar auch – abends war es überraschend ruhig an Bord. Auch tagsüber gab es Momente vollendeter Ruhe.

Gut, zu haben: Darauf schwören Surfer. Die Sonnencremes von Zinka mit 25 Prozent Zinkweiß schützen selbst auf dem Wasser vor UV-A- und UV-B-Strahlen. © Courtesy of Saturdays NYC

Die schönste Insel der Fidschi-Inseln heißt Monuriki. Dort wurde die Robinson Crusoe-Adaption Cast Away mit Tom Hanks gedreht. Jemand hat mit Kokosnüssen die Worte "Help me!" in den Sand gelegt. Aber hier ist man nicht wirklich am Ende der Welt: Jeder mailt, skypt, whatsappt oder facebookt Bilder nach Hause.

Yasawa und Mamanuca Islands Tour über captaincookcruisesfiji.com

Alternative Route

Der Klassiker: eine Nil-Kreuzfahrt in Ägypten. Am besten mit einem Abstecher ins legendäre Old Cataract Hotel, das in der Nubischen Wüste am Ende des Nils liegt. Das Auswärtige Amt hat bei Reisen im südlichen Teil des Niltals übrigens "keine Bedenken".

Margit Stoffels ist Mitarbeitern des ZEITmagazins

7 — Party: Eine polnische Verabredung

Zum Verlieben: Warschau © Sean Gallup/Getty Images

Die vermutlich schönste Seite des Berufs als DJ ist das Reisen: Man lernt Orte kennen, zu denen man als Tourist keinen Zugang hat. Dabei kann es passieren, dass man sich in eine Stadt verliebt. Ich habe seit Langem eine Romanze mit Warschau. 1999 war ich das erste Mal in der polnischen Hauptstadt, damals wirkte Warschau auf den ersten Blick noch wie ein Vorort von Moskau. Inzwischen hat sich die Stadt mit ihren hypermodernen Hochhäusern von Architekten wie Zaha Hadid und Norman Foster zu einer europäischen Metropole entwickelt. In derselben Geschwindigkeit, in der sich das Stadtbild Warschaus verändert hat, wandelt sich auch die Club- und Restaurant-Landschaft. Während der Sommermonate feiern die Warschauer hauptsächlich am Ufer der Weichsel – etwa im Barka, einem ehemaligen Fährkahn, auf dem man bis in die Morgenstunden unter freiem Himmel tanzen kann. Kürzlich hatte ich einen Auftritt im Club Karowa 31 – gleich neben dem Hotel Bristol in der Nähe der wiederaufgebauten Altstadt Warschaus. Das Interior im Karowa 31 ist elegant, die Cocktails sind erstklassig, und die besten DJs Warschaus legen auf. Das Publikum besteht aus Warschauer Twenty- und Thirtysomethings, die ständig ins Mobiltelefon tippen, sogar auf der Tanzfläche. In allen Warschauer Clubs wird schon getanzt, wenn der Club noch halb leer ist. Als DJ kann man die futuristischsten Tracks spielen, und die Tanzfläche bleibt trotzdem voll – ein Traumszenario. Und wenn meine Musik gefällt, werde ich während des Plattendrehens von Clubgästen zu einem Wodka-Shot eingeladen.

Da es in Warschau keine Polizeistunde gibt, werden Partynächte oft sehr lang – vor dem Club-Besuch sollte man also tüchtig und am besten polnisch essen. Mein aktuelles Lieblingsrestaurant ist das Warszawa Wschodnia, wo sieben Tage die Woche rund um die Uhr Handfestes aus der polnischen und französischen Küche serviert wird. Meine Empfehlung: frisch zubereitetes Rindfleisch-Tatar, danach Schweinekoteletts in Tomatenrahmsoße mit frischem Gemüse als Beilage.

Wenn man mit dem Zug von Berlin nach Warschau reist, kann man bereits im Speisewagen frisch zubereitete polnische Spezialitäten wie Lachsfilets oder Pirogi genießen. Nach fünfeinhalb Stunden Fahrt an Birkenwäldern entlang landet man entspannt am Warschauer Hauptbahnhof.

Club Karowa 31, ul. Karowa 31A, 00-324 Warschau

Alternative Route

An der Mündung zweier Amazonas-Arme im Nordosten Brasiliens ist ein neues Party-Zentrum entstanden: Bélem. Jedes Wochenende regiert hier der Brega – ein Musik-Hybride aus Lambada, Calypso und Electro-Pop. Die Musik wird über selbst gebrannte CDs verbreitet.

Daniel Haaksman ist DJ und Journalist

8 — Freundin: Schneller reden auf Paxos

Pflichtvergessenes Zusammensein? Das geht auf Paxos © Chris Caldicott/dpa

Es heißt ja, man erhole sich am besten, wenn man den Alltag ganz weit hinter sich lasse. Für berufstätige Mütter bedeutet das: Man entfernt sich eine Zeit lang nicht nur vom Job, sondern auch von der Familie. Bei mir begann das vor dreizehn Jahren in Husum: Sechs Freundinnen aus drei verschiedenen Städten trafen sich für ein Wochenende in einem Hotel. Am ersten Tag redeten wir schnell und viel, weil es eine Menge aufzuholen gab. Am zweiten Tag sprachen wir noch schneller und noch mehr, weil das Wochenende schon bald vorbei war. Seither verreisen wir jedes Jahr gemeinsam eine Woche – und am Grundprinzip hat sich nichts geändert: Wir sprechen schnell und viel. Nur die Ziele wählen wir seither sorgfältig aus.

Gut, zu haben: Wenn es nachts zu viel zu besprechen gab oder jemand wild geträumt hat. Mit der Schlafmaske von Yolke kann man den Tag gut verschlafen. © Grapevine silk eyemask/YOLKE

Im zweiten Jahr saß ich hochschwanger mit meinen Freundinnen an einem Pool im Périgord und notierte, was mir zur Babyausstattung empfohlen wurde. (Stillkissen ja, Windeleimer nein). Später trafen wir uns auch in der Toskana oder am Mittelmeer. Mit jedem Jahr wurde die Woche logistisch aufwendiger: Es galt nicht nur, die Reise zu organisieren, sondern auch unsere Abwesenheit zu Hause: Monate vorher Urlaub einreichen, Männer einteilen, Babysitter engagieren, Listen schreiben. Die Vorbereitung eines G-7-Gipfels ist ein Witz dagegen.

In der Freundinnenwoche lässt sich in sieben Tagen aufholen, wofür übers Jahr kaum Zeit bleibt: pflichtvergessenes Zusammensein. Sehr gut hat das auf Paxos funktioniert, einer Insel in der Meerenge zwischen Italien und dem griechischen Festland. Paxos ist so klein, dass man es an einem Tag mit dem Boot umrunden kann. Es gibt wenige Hotels und sehr viele schöne Villen, darunter große Anwesen italienischer Industriellenfamilien. Überhaupt ist der italienische Einfluss auf die griechische Insel sehr stark: Auch in rustikalen Tavernen finden sich italienische Spezialitäten auf der Speisekarte, und es gibt überall guten Espresso. Auf Paxos drängen sich weder Kulturdenkmäler noch Kommerzmeilen auf – man kann nicht viel anderes tun, als in kristallklarem Wasser zu schwimmen, haufenweise Bücher am Strand zu lesen, köstlichen gegrillten Fisch zu essen und, natürlich, miteinander zu reden.

Das beste Essen gibt es bei Vasilis direkt an der Mole in Loggos. In der nahen Roxi-Bar trinken viele Segler ihren Aperitif. Den schönsten Sonnenuntergang erlebt man im Restaurant Eremitis mit Blick über die Steilküste.

Ilka Piepgras ist Redakteurin des ZEITmagazins

9 — Food: Ein Stern aus dem Nichts

Der Genussreisende erschließt sich ein Land mit dem Magen. © Brigitte Lacombe

Vor zwei Jahren traf ich mich mit meinem Bruder am Flughafen von Bologna. Wir mieteten uns ein Auto, einen hässlichen Fiat Panda, und fuhren die 35 Kilometer nach Savigno. Das ist eines dieser kleinen italienischen Dörfer mit Piazza, Bar, Supermarkt und Metzger. Außerdem gibt es eine Trattoria mit alten Reklametafeln an der Wand und verstaubten Weinflaschen im Regal. Diese Trattoria war das Ziel unserer Reise. Ein Freund aus der Schweiz hatte sie uns als die beste Italiens empfohlen.

Die Trattoria Amerigo in Savigno, ein Familienbetrieb, existiert seit 81 Jahren. Sechs Tische, 16 Plätze, zwei davon für uns reserviert. Als Alberto Bettini, der den Betrieb in den Neunzigern von seinen Eltern übernommen hatte, 2000 einen Michelin-Stern bekam, wollte das niemand glauben – am allerwenigsten Alberto. Ein Stern aus dem Nichts. Für seine Tortellini in Brodo mit einer Füllung aus Parmaschinken, Mortadella, Schweinelende, Eigelb und Salz? Er dachte, es sei ein Fehler. Seither ranken sich Legenden um den kleinen Laden und um den sagenhaften Nudelteig, gefaltet von Albertos Mutter und ihren Freundinnen. Um das Fleisch. Die Trüffeln. Den Brodo.

Aufgeregt wie kleine Kinder betraten wir das Lokal und nahmen an einem der dunklen Holztische Platz. Das Restaurant war voll besetzt. Italiener, aber auch Gäste aus anderen Ländern. Alle genussverrückt wie wir?

Gut, zu haben: Für den Foodie-Urlaub zu Hause. Rezepte vom peruanischen Klassiker Ceviche über Milchquinoa bis hin zu lateinamerikanischen Doppelkeksen. © Dorling Kindersley

Wir bestellten natürlich die Tortellini in Brodo, zudem grünen Spargel und Ei und schwarze Trüffeln, danach Rinderschmorbraten von la razza bianca, dem weißen Rind. Alles ganz unspektakulär angerichtet, alles unfassbar gut. Das Essen im Amerigo di Savigno machte uns glücklich. Am nächsten Tag regnete es die ganze Zeit. Uns war das egal. Wir schlenderten durch die Straßen und wärmten uns anschließend in unserem Pensionszimmer wieder auf. Schauten ins Schaufenster des Metzgers und freuten uns auf den Abend. Da hatten wir wieder einen Tisch reserviert, im Amerigo, wo sonst. Der Genussreisende erschließt sich ein Land mit dem Magen. Das funktioniert ein bisschen so wie mit der Liebe.

Trattoria Amerigo dal 1934, Via Marconi 14–16, Savigno, Bologna (amerigo1934.it)

Alternative Routen

Auch nach Stockholm lohnt sich eine Reise allein wegen des Essens – zu drei Vertretern der schwedischen Küchen-Revolution: Magnus Ek im Restaurant Oaxen Krog, Mathias Dahlgren im Matsalen und Björn Frantzén im Frantzén.

Dasselbe gilt für Peru: Nach Miraflores, einem Stadtteil Limas, pilgern derzeit viele Kalifornier, um südamerikanisch-asiatische Fusion-Küche zu genießen. Zum Beispiel bei Virgilio Martínez. Der ist zwar erst 37, aber sein Restaurant Central gehört bereits zu den 50 besten der Welt.

Andreas Wellnitz ist Berater des ZEITmagazins

10 — Abenteuer: Als Angsthase durch die Wüste

Die Agafay-Wüste in Marokko © Brigitte Lacombe

Wenn man ein ängstlicher Mensch ist, wie ich es bin, gewöhnt man sich es mit der Zeit an, Angst zu ignorieren. Meine Angst warnt mich: Dachlawinen erschlagen Passanten, Rechtsabbieger übersehen Fußgänger, Oliven bleiben im Hals stecken. Am besten, rät mir meine Angst morgens nach dem Aufwachen, verlässt du gar nicht erst dein Bett. Da ich es trotzdem tue, steht es schon zu Beginn des Tages 1 : 0 für mich. Auf Reisen kann mich also praktisch nichts schrecken. Warnungen schlage ich getrost in den Wind.

So kam es, dass ich mit einem mir fremden Mann durch Marokkos Wüste Agafay ritt. Mein Begleiter sprach nur Arabisch, und als ich mich auf Französisch vorstellte und sagte, ich sei aus Deutschland, brachte er etwas durcheinander: Er nannte mich von da an Alemania.

Gut, zu haben: Lässt man sich auf Abenteuer ein, bleibt keine Zeit, die Sonnenbrille zu suchen. Mit dem Umhängeband aus geflochtenem Leder von Triwa geht sie nicht verloren. © Triwa

Der leuchtend blaue Himmel spannte sich riesig über uns, am Horizont schimmerten die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges. Ein warmer Wind ging, es war friedlich und still. Dabei schnappte meine innere Stimme fast über: "Allein reisende Frau in einem islamischen Land? Auf einem Pferd?! In der Wüste?!! Hast du genug Wasser dabei? Ich sage nur: Insekten, Schlangen, Entführungen, Malaria ... Wer ist überhaupt dieser Typ neben dir? Und sind das etwa Geier, die da drüben hocken und rübergucken?" Ja, es waren Geier. Sie sahen aus wie aus einem Lucky-Luke-Comic, also eigentlich witzig. Aber mein Pferd bekam einen Schreck, machte kehrt und galoppierte davon, woraufhin die Geier schreiend aufflogen. "Alemania!", rief mein Begleiter mir nach. Ich brachte das Pferd endlich zum Stehen, es schnaubte aufgebracht. Ich wusste, was es durchmachte. Pferde sind sehr schreckhaft. Immer gehen sie vom Schlimmsten aus. "Jede Sicherheit ist trügerisch", flüsterte ich, "unser Leben hängt an einem seidenen Faden. Wenn du das verinnerlichst, ist es ganz einfach, mutig zu sein." Das Pferd seufzte einmal tief, wobei seine Rippen sich unter mir hoben, und setzte sich langsam in Bewegung. Ein pflanzenfressendes Fluchttier, zum Wegrennen geboren. Wer sonst würde sich meine Einlassungen zum Thema Furchtlosigkeit anhören?

Das Hotel La Pause in einer Oase der Wüste Agafay unweit von Marrakesch besteht aus ein paar schönen, sehr einfachen Bungalows (ohne Türen). Abends gibt es ein dreigängiges Menü und Rotwein. Im Bett wartet eine Wärmflasche.

Das Hotel Tigmi liegt eine halbe Stunde Autofahrt von Marrakesch entfernt am Rand eines traditionellen Dorfs.

Eins der besten marokkanischen Gerichte ist eine süß-deftige Pastilla , die oft als Vorspeise gegessen wird – eine Pastete aus einem dünnen Teig, drin süßlich gewürztes, geschmortes Taubenfleisch.

Alternative Routen

Der Weg ist nicht weit, knapp drei Flugstunden von Istanbul. Doch da fängt es schon an: keine alkoholischen Getränke an Bord von Turkish Airlines. Das Flugzeug setzt auf am Imam-Chomeini-Flughafen, die Frauen packen ihre Kopftücher aus. Teheran nervt manchen mit Schmutz und Chaos, aber in Irans alten Städten Isfahan und Schiras kann man prächtige Moscheen und Gärten besichtigen. Und überhaupt: Die iranische Küche ist fein, die Gesichter der Leute sind von einer fast beschämenden Schönheit. Der Anblick betender Menschen, der sich im Iran vielerorts bietet, ist bei uns so selten geworden, dass er etwas Ergreifendes hat. Kein Shopping, kein aperitivo auf der Piazza. Dafür macht man eine andere Erfahrung, die man nicht so leicht vergisst: wie es ist, sich wirklich fremd zu fühlen, ein Gefühl zwischen Heimweh und Entdeckerlust. Wenn man Glück hat, lernt man ein paar Iraner kennen, die kaum etwas lieber mögen, als über ihr Land zu schimpfen, um es dann gegen alle Vorwürfe zu verteidigen.

Die Ruinenstadt Bagan in Myanmar © Brigitte Lacombe

Ein weiteres Land im Aufbruch: Der früher verschlossene Nachbar Thailands öffnet sich langsam der Demokratie – und den Touristen. Die Bevölkerung der Republik Myanmar (vielerorts noch immer unter ihrem alten Namen Birma bekannt) ist arm, die komplexe Geschichte des Landes für uns aus dem Westen nur schwierig zu verstehen. Aber wenn man auf der Suche nach überwältigender Schönheit ist, wird man reich belohnt. Wohin man sieht, erstrahlt eine der Tausenden goldenen Pagoden: ein atemberaubendes Zusammenspiel aus höchster Baukunst, Licht, Landschaft und Himmel.

Elisabeth Raether ist Redakteurin des ZEITmagazins