Harald Martenstein Über Kindergeschrei und eine Milliarden-Dollar-Idee

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 19/2015

Das Baby schreit ununterbrochen. Morgens, wenn es seine Äuglein auftut, beginnt es damit, und bis zum nächsten Morgen hört es nicht mehr auf. Tag und Nacht sind leicht zu unterscheiden. Die Zeit, in der das Baby etwas weniger schreit, heißt "Tag". Wenn man es auf den Arm nimmt, gibt es kurz Ruhe, damit meine ich: für zwei oder drei Minuten. Dann schreit es, weil es vom Herumgetragenwerden genug hat. Sobald man es auf den Boden setzt, schreit es, weil es wieder auf den Arm genommen werden will. Diesem Baby kann man es nicht recht machen. Es schreit auch den Hund an, so lange, bis der Hund den Schwanz einzieht und unter das Bett kriecht. Ich wollte, ich hätte auch diese Option.

Jetzt sagen Leute, was willst du, Babys sind eben so. Selber schuld. Ich sage, das ist doch keine Schuld, die ich auf mich geladen habe. Ich habe mir die sexuelle Neigung, die zu diesem Baby geführt hat, nicht ausgesucht. Würde man das zu einem Bewohner der Sahelzone auch sagen? Ach so, du hast Hunger? Tja, mein Bester, in der Sahelzone gibt es wenig zu essen, das hätte dir eigentlich klar sein müssen. Da musst du halt in München wohnen, wenn du jeden Tag Weißwurst mit Brezen haben willst. Es ist grausam, so zu reden.

Eine Dame meines Alters sagte spitz, sie als Frau besitze nicht die Möglichkeit, in den letzten warmen Herbsttagen des Lebens noch einmal Mutter zu werden, zumindest nicht in der Bioversion ohne Chemie. Statt dass sie sich freut, beschwert sie sich bei mir. Wenn ein Schiff untergeht, und diese Dame sitzt im Rettungsboot, Frauen und Kinder zuerst, während ich im kalten Wasser des Atlantiks schwimme, dann wird sie sich über den Rand des Rettungsbootes beugen und spitz sagen: "Sie dürfen schwimmen, weil Sie ein Mann sind. Ich hier im Boot habe nicht diese Option."

Natürlich liebe ich das Baby. Es wird oft über Mutterliebe diskutiert, kommt Mutterliebe von der Natur, ist es die Gesellschaft, ist es zulässig, Mutterschaft zu bereuen? Über Vaterliebe diskutiert keiner, außer mir. Ich liebe das Baby, obwohl es ständig schreit. Es muss am Vaterhormon liegen. Eine Frau, die ständig schreit, könnte ich niemals lieben. Wir werden das Baby auf keinen Fall zur Babyklappe bringen, egal, wie viel es schreit. Außerdem ist es inzwischen zu dick und würde in die Klappe nicht mehr hineinpassen. Das Baby würde in der Klappenöffnung stecken bleiben. Das wäre wieder ein Wahnsinnsgeschrei.

Wenn ich im Büro sitze, fühle ich mich auch schlecht. Ich denke an die Kindsmutter, wie sie sich ständig das Geschrei anhören muss. Ich bin kein guter Mensch. Aber völlig frei von Mitgefühl scheine ich nicht zu sein. Dieses Privileg macht mir ein permanent schlechtes Gewissen, das Privileg, Stunde um Stunde arbeiten zu dürfen, auch noch als Greis, damit für das Baby Rücklagen gebildet werden können.

Es ist eine Phase. Eines Tages wird das aufhören, und zwar genau an dem Tag, an dem wir uns entschließen, das Baby doch zur Babyklappe zu bringen. Ich habe eine wissenschaftliche Theorie. Wenn Eltern in einer schwierigen Phase der Kindesaufzucht kurz davorstehen, wahnsinnig zu werden, in exakt diesem Moment, schüttet der verzweifelte elterliche Körper einen Duftstoff aus, ein Pheromon. Das Kind nimmt dieses Duftsignal auf und ändert augenblicklich sein Verhalten. Deshalb sind die Menschen nicht ausgestorben. Der Chemiekonzern, dem es als Erstem gelingt, diesen Duftstoff synthetisch herzustellen, wird noch reicher werden als Apple. Und ich gönne es ihm.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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