Harald Martenstein: Über Armutsforschung und Nesthocker

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 20/2015

Ich bin der Ansicht, dass beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband jemand mal dringend Urlaub machen müsste, um den Kopf freizubekommen. Es ist die Person, welche für den Armutsbericht 2014 verantwortlich zeichnet. In dem Bericht steht nämlich der folgende Satz: "Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute."

Nie herrschte in Deutschland so viel Armut wie heute, aha. Dieser Satz ist Nonsens in seiner reinsten Form. Während des Dreißigjährigen Krieges sind die Armut und die regionale Zerrissenheit in Deutschland garantiert um einiges größer gewesen. Auch im Hungerwinter 1946/47 oder während der Weltwirtschaftskrise war die Armut in Deutschland ausgeprägter als heute. Jedes Mal, wenn solche Sätze mithilfe von Kollegen ihren Weg in die Medien finden, unkommentiert, Sätze, die jedes zwölfjährige Kind als Unsinn erkennt, geniere ich mich ein wenig für meinen Beruf. Will der Verband uns eventuell sagen, dass die Armut heute größer sei als vor fünf Jahren? Das könnte vielleicht stimmen, aber es klingt ihnen wohl nicht dramatisch genug.

Ich war beruhigt, als ich einen klugen Essay entdeckte zum Thema Armut in Deutschland, von Georg Cremer, Generalsekretär des Caritasverbandes. Auch er findet den Satz daneben. Armutsstatistiken sind generell fragwürdig, weil jeder als "arm" gilt, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. In einem superreichen Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei einer Million Euro liegt, giltst du mit 590.000 Euro als Armer. Das war mir bekannt. Aber ich bin fast vom Hocker gefallen, als ich bei Cremer las, dass mein älterer Sohn, mein geliebtes Fleisch und Blut, in der deutschen Armutsstatistik auftaucht.

Ich schwöre, der Junge hat alles, was er braucht. Die Armutsschwelle liegt bei Alleinstehenden in Deutschland bei etwa 900 Euro im Monat. Mein Sohn studiert in einer anderen Stadt und hat dort ein Zimmer. Ich überweise ihm weniger als 900 Euro. Er gilt deshalb laut Statistik als ein Mitglied im Millionenheer der deutschen Armen. Das ist keine Satire – ich hasse es, wenn ich diesen Satz schreiben muss, aber manchmal komme ich leider nicht darum herum. Studierende mit eigenem Haushalt und weniger als 900 Euro tauchen im deutschen Armutsbericht auf, egal, wie viel Kohle die Eltern haben. Wenn er zu mir zieht, würde in der Statistik allerdings unser gemeinsames Haushaltseinkommen zählen. Er wäre von einem Tag auf den anderen wieder ein junger Mann aus der Mittelschicht. Aber er zieht ein Leben im Elend vor.

Ein höherer Bildungsetat führt zu mehr Studenten und damit in der Statistik zu immer mehr Armut, das war mir nicht klar. Man könnte einen beträchtlichen Teil der Armut in Deutschland zum Verschwinden bringen, indem man einfach den Studierenden verbietet, sich ein Zimmer zu nehmen und auf eigenen Füßen zu stehen. Dies wäre das sogenannte Nesthocker-Gesetz, Massendemonstrationen von Eltern wären die Folge.

Ich weiß, dass es in Deutschland echte Armut gibt. Ein Wohlfahrtsverband lebt von der Armut, das meine ich nicht abwertend. So ein Verband tut viel Gutes. Aber er hat auch ein Interesse daran, die Lage in den schwärzesten Farben zu malen. Ich stelle mir vor, der Volkswagen-Konzern würde eine Pressemitteilung herausgeben, Text: "In Deutschland müssen mehr Menschen VW fahren. Andernfalls droht dem Land der Untergang." Da wäre man doch auch misstrauisch.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Zunächst einmal sollte unterschieden werden zwischen "da sind Menschen in Armut" (können nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen) und "da verhungern Menschen" (eine Möglichkeit, Armut selbst in Äthiopien auf nahezu 0% herunterzudefinieren (die Verhungerten tauchen in der nächsten Statistik ja nicht mehr auf)).

Außerdem kann es bei "persönlichen Statistiken" wie im Beispiel mit dem Sohn schnell zu "Flüchtigkeitsfehlern" kommen:
- Wer zahlt denn die Miete? Wer die Semesterbeiträge? Wird da evtl. nochmal hier und da ein Fuffi zum Tanken zugesteckt?

Studenten haben außerdem "das große Glück", dass es um ein zeitlich begrenztes Leben in Armut geht, wobei man als Student auch noch so viel zu tun hat, dass man Armut gar nicht so wirklich merkt (ging zumindest mir so).

Wenn man aber umgekehrt einem Studenten die Frage stellt "Kannst du dir vorstellen, eine eigene Familie zu gründen, wenn du auch weiterhin nur 900€ pro Monat zur Verfügung hättest?", dann kommt man schnell darauf, dass 900€ dann doch nicht soo viel sind.

Danke - aber diese Betrachtensweise ist wohl Herrn Martenstein fremd. Natürlich haben Studenten nicht viel Geld, hatten sie auch früher nicht - aber damals immerhin die Aussicht, daß mit Abschluß des Studiums und mit Aufnahme der Arbeit alles sofort besser ist. Dem ist heute nicht mehr ganz so - bis auf die MINT-Fächer kann kein Uni-Absolvent mehr mit einer gesicherten Stelle rechnen, sondern eher mit einer Reihe von befristeten Arbeitsverträgen zum Niedriglohn. Und natürlich wurden und werden die meisten Studenten auch noch zusätzlich von zuhause versorgt, sei es mit Lebensmitteln (die berühmten Freßpakete), sei es mit Wäschewaschen oder eben dem Fuffi, dem man dem Sohn/der Tochter schnell mal so zusteckt.
Damit können die heutigen älteren Arbeitslosen oder die Rentner nicht mehr rechnen. Die sind für den Rest ihres Lebens zu 900 Euro verdammt und müssen damit alles bezahlen - Miete, Strom, Heizung, Nahrung, Kleidung etc.
Es wundert mich nicht, daß ich immer mehr ältere Menschen sehe, die nebenbei Pfandflaschen sammeln, darunter Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben - allerdings waren sie weder Manager noch Banker.
Die Vorstellungskraft von Herrn Martenstein scheint sehr begrenzt, wenn man das nicht sieht oder nicht sehen will.

Das letzte mal als ich nachgesehen habe, gab es die Bundesrepublik Deutschland seit 1949.
Lieber Herr Martenstein, bei Ihnen hilft auch ein höherer Bildungsetat nicht mehr.

1. Deutschlands Geschichte beginnt nicht mit der Gründung der Bundesrepublik.

2. Selbst wenn man nur die Zeit nach 1949 betrachten würde, stellte man fest, dass es ganz sicher in den 50er, 60er und 70er Jahren, ziemlich wahrscheilich auch noch in den 80ern erheblich mehr Leute in bescheidenen materiellen Verhältnissen gab als heute.

Da haben Sie ja mit Ihrem VW Beispiel die Richtigen getroffen. ich kann mir jedenfalls nicht erklären, aus welchem rationalen Grund VW 17.000 Euro für einen POLO haben möchte, wenn ich mir dafür 2012 einen GOLF gekauft habe. Ich fahre jetzt Dacia. 19.000 SUV. Wunderbar und fährt das Teil.

Einstiegspreis VW Golf 2012: 17.000€
Einstiegspreis VW Polo 2015: 12.600€

Worüber empören Sie sich jetzt gleich nochmal?

Man kann nicht höher Furzen als der Arsch hoch ist. Aber ein Student mit 900 Öre, der kann ja richtig hoch pfeifen und sich einen dicken VW leisten, fett Urlaub machen und dazu die Freundin einladen. Frage: haben denn alle Studenten 900 Schleifen im Monat? Oder sind das nur ein paar Prozent?