© Moritz von Uslar

Tropical Island: Morgens halb zehn in Deutschland

In Brandenburg steht der größte Indoor-Regenwald der Welt. Kann man es dort aushalten? Das Bier schmeckt. Die Lagune schimmert. Aus den Lautsprechern zirpen Vögel. Von
Aus der Serie: Morgens halb zehn in Deutschland ZEITmagazin Nr. 20/2015

Am Abend vor der Recherche, zur Tagesthemen-Zeit, wenn die Kinder unter den Wasserfontänen planschen und unter dem gigantischen Dach der Tropical Island noch längst keine Ruhe eingekehrt ist, saß der Reporter beim dritten Bier in der Laguna Bar. Und drehte dann doch ganz schön am Rad: Sollte er, du lieber Himmel, noch ein Bier bestellen? Welches wäre ein Small-Talk-Thema, das er mit der polnischen Mutter, die mit den hennaroten Haaren, den Tätowierungen und dem hawaiianischen Kimono am Nebentisch saß, anschneiden könnte? Warum, zur Hölle, gab es in dieser durchgedrehten Fantasiewelt, in der es alles gibt, einen Südseestrand, zwei Zeltdörfer, einen aufsteigenden Fesselballon, Flamingos und einen Mangrovensumpf, keine Disco? Der Reporter nahm dann noch ein Mitternacht-Bad in der grünlich schimmernden Lagune. Und schaute sich auf dem Flachbildschirm seiner mit Seidenstoffen bespannten Holz-Lodge eine Farbdokumentation über Hitlers Machtergreifung an. Crazy Deutschland.

Ende April mitten in Deutschland: Es gibt zu dieser Jahreszeit keinen Ort, der weiter entfernt liegen könnte als eine tropische Insel. Vor mittlerweile elf Jahren hatte ein malaysischer Millionär die ausgeflippte Idee, in einer ehemaligen Cargohalle für Luftschiffe, mitten in den Kiefernwäldern der Niederlausitz im südlichen Brandenburg gelegen, den größten Indoor-Regenwald der Welt zu errichten. Gut, schöner und kaputter geht es nicht. Wunderschön sind auch die Vergleiche, die man in Prospekten über die Ausmaße der Tropical Island lesen kann: Es ist die größte frei stehende Halle der Welt. In sie könnte man die Freiheitsstatue stellen und den Eiffelturm hineinlegen.

Die Tropical Island doof zu finden ist naheliegend und irgendwie ganz sinnlos. Gleichzeitig ist der "Ich tue hier gerade etwas komplett Idiotisches"-Grad, der den Besucher beim Betreten der Halle erfasst, natürlich extrem hoch. Chlorgeruch. Eine digitale Anzeige meldet: Außentemperatur 9 Grad, Lufttemperatur 27,5 Grad, Wassertemperatur in der Lagune 30,2, in der Südsee 30,8 Grad, Luftfeuchtigkeit 54 Prozent. Die Halle wirkt wirklich geisteskrank hoch. Oben in der Decke hängt eine "RTL 104.6 Hitradio"-Werbetafel. Es gibt viel Grau auf Tropical Island, weil das Grau der Hallendeckenkonstruktion alles überspannt. Eine künstliche Sonne haben sie hier leider nicht. Natürlich, es fällt einem der Film Die Truman Show ein, in dem Jim Carrey, ohne es zu wissen, unter einer riesigen Kuppel lebt und Teil einer Fernsehshow ist. Man denkt auch an den Hollywood-Klassiker Verdammt in alle Ewigkeit, in dem der Strand von Hawaii eine dunkle, endzeitige Kulisse bildet.

Es sieht alles astrein sauber geputzt aus. Überraschenderweise ist die Luft ziemlich gut. Auffällig: Es läuft keine Discomusik. Stattdessen die Geräusche, die das Gehirn als typische Tropenkulisse abgespeichert hat: Wasserrauschen, das Zirpen exotischer Vögel. Da steht ja auch die für südliche Urlaubsparadiese obligatorische Buddha-Statue. Die Halle ist, natürlich, geflutet von Urlaubsgästen: Da wandeln sie auf den gepflasterten Wegen, lagern auf den Liegestühlen, führen Kinder an der Hand, schieben Kinderwagen. Eher dezente als zu knappe Kleidung: Der typische Badegast trägt T-Shirt und Bademantel. Ohne Badelatschen ist man auf Tropical Island ein Gast zweiter Klasse. Grob ist die Halle nach den Urlaubsbedürfnissen Schwimmen (Südsee und Lagune), Einkaufen (die Boutiquen Sailor’s Shop, Surfer’s Paradise, Airbrush Tattoo Studio), Spazierengehen (Regenwald), Übernachten (Zeltdörfer, Holz-Lodges), Unterhaltung (Kinderwelt, Theater) sowie Essen und Alkoholtrinken (drei Bars, vier Restaurants) unterteilt. Architektonisch bilden die Gebäude einen Querschnitt des Äquatorgürtels ab, es gibt Tempelruinen à la Thailand, Borneo und Samoa, Bambushütten à la Bali, Holzbauten à la Jamaika. Das Prinzip Überwältigung: Der erste Eindruck ist, dass man sich hier unmöglich zurechtfinden kann. Der Besucher soll die Orientierung verlieren, er soll verloren gehen.

Sieben Uhr morgens auf der Holzveranda vor der Hausnummer 1425. Der Reporter sitzt in Badehose in einem Korbsessel. Geweckt wird man auf dieser Insel von den Schreien der planschenden Kinder. Es ist, wirklich, eine magische Stunde: Noch hält die Halle inne. Wichtig ist es offenbar, schon am Abend vorher sein Handtuch auf einen Liegestuhl in der ersten Reihe zu legen. Von seiner Holzterrasse aus kann der Reporter exakt die Fotos schießen, die Touristen vom Urlaub an den thailändischen Touristenstränden auf Phuket und Ko Samui nach Hause schicken: Strand, Palmen, Grotte, Wasserfall. Der Reporter liest, weil gegen diese grandiosen Kunstwelten nur die Kunst des 19. Jahrhunderts hilft, in Tolstois Krieg und Frieden.

Morgenspaziergang im Regenwald. Verrückt, aber der Wald ist groß genug, um hier, zur frühen Morgenstunde, keinem Menschen zu begegnen. Bananenbäume, Papayas. Auf einem Felsplateau stehen Flamingos, im Wasser dümpeln Schildkröten. Kornnatter und Vogelspinne haben sie hier vorsichtshalber in Holzkästen mit Guckscheiben untergebracht. Regenwald-Deko: Da ist ein Fünfziger-Jahre-Kübelwagen im Urwaldsumpf geparkt.

Das Frühstücksbuffet im Restaurant mit dem geheimnisvollen Namen Jabarimba muss als reichhaltig bezeichnet werden. Die Butter kommt aus einem Kühlautomaten. Dialog am Nebentisch: "Biste glücklich, Oma?" – "Na sicher, ick bin doch hier im Paradies." Das Deutschlandtrikot mit den vier Sternen. Da sitzt ein Dicker, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Ja, ich steh auf Killerspiele" trägt. Doch, es gibt auf Tropical Island auch gut aussehende Frauen. Die Regel lautet: Je besser aussehend die Frau, desto genervter ihr Gesichtsausdruck. Viele für die deutsche Provinz so typische vom Hals bis zum Knöchel Tätowierte. Die meisten Gäste auf Tropical Island aber haben eine bürgerliche Aura – für das unterhalb der Armutsgrenze lebende Deutschland ist der Eintrittspreis von 28,50 Euro pro Tag zu hoch. Erstaunlich, aber man sieht um halb zehn morgens in diesem Teil von Deutschland nicht einen Pilsbiertrinker.

Zigarettchen in der Woody Lounge, hier ist der Eintritt unter 18 Jahren untersagt. Der Reporter hat jetzt, sehr plötzlich, das Gefühl, dass er den Verstand verliert: ein Tropenkoller. Da springt, kein Witz, ein großer Pole von seinem Stuhl auf und langt seinem Kollegen die Hand mitten ins Gesicht. Geschrei, Gerangel. Ein Trupp Sicherheitskräfte kommt angerannt. Draußen, vor der Tropenhalle, hat es angenehme zehn Grad.

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

@BFrank: Dochdoch, die Kosten werden mittlerweile gedeckt. Sie zahlen ja auch noch extra für's Essen, Trinken usw. Außerdem ist es da meist so voll, dass es schon keinen Spaß mehr macht. Gewinn drücken nur die aufgelaufenen Verluste aus den Vorjahren.
Und hey, es macht mich völlig irrational froh, wenn so ein Ding trotz der "Umweltbilanz"-Geiferer überlebt. Hingehen werde ich trotzdem nie wieder.

BergFrank
#4.1  —  16. Mai 2015, 12:39 Uhr

Da gibt es Stellschrauben:

Da gibt es Stellschrauben:

1. Wer sagt denn, dass die einen Marktpreis für das Gas bezahlen? Da lassen sich wunderbar Subventionen verstecken.

2. Wenn die Halle mal ernsthaft reparaturbedürftig wird oder die Energiepreise mal wieder zu einem Höhenflug ansetzen, ist es mit der Wirtschaftlichkeit mal wieder vorbei und der Laden geht ggf. in die Insolvenz.

Gut Ostdeutschland ist nunmal ein Notstandsgebiet, aber als Wessi ist man nunmal die Rechnung mit dem spitzen Stift gewöhnt. Und da kommt dieses Freizeitparadies auf keinen grünen Zweig.