Von A nach B: Radwege zur Kunst

Unser Autor fährt mit dem Canyon Commuter 7.0 von Berlin-Prenzlauer Berg nach Mitte. Von
Aus der Serie: Von A nach B ZEITmagazin Nr. 20/2015

Wer dem Radfahren so innig verbunden ist wie ich, für den ist schon der Anblick eines gut aussehenden Rades gefährlich. Es erzeugt diesen Kick: Ich will es haben und auch nicht mehr hergeben. Inzwischen lebe ich mit vier Fahrrädern.

Für wen das vertraut klingt, der sei gewarnt: Das Canyon Commuter kommt zwar mausgrau lackiert daher, hat es aber in sich. Hier waren Designer am Werk, die wissen, dass ein Rad im Alltag auch Beleuchtung und Schutzbleche braucht. Diese Ingredienzien sind am und im Rahmen unauffällig integriert und stören nicht den Look, ganz im Gegenteil. Der Antrieb erfolgt nicht über eine Kette, sondern einen Carbonriemen – man kommt schnell und erstaunlich leise auf Touren. Beim Fahren in der Dunkelheit schaltet sich das Licht automatisch ein. Das ist alles gut, aber noch nicht zu Ende gedacht. Denn zwischen Ober- und Steuerrohr klafft eine Lücke, die sich, sobald man das Rad schiebt, unschön bemerkbar macht. Elegantes einhändiges Schieben geht nicht. Die Botschaft ist klar: Du sollst mich fahren, nicht schieben.

Meine Strecke führt mich ausgerechnet zum Haus des Verbandes der Automobilindustrie, zur Vernissage der Ausstellung On the Move. Der Gedanke, mit dem Rad ins Reich der Automobilisten zu kommen, erscheint mir ein wenig frivol. Unterwegs versuche ich, mich an die Gemeinsamkeiten zwischen Automobil und Fahrrad zu erinnern. Es gibt die Legende, dass die beiden früher einen gemeinsamen Feind auf der Straße hatten, die Pferdedroschke. Gefürchtet waren die Peitschenhiebe, mit denen sich Droschkenfahrer im Verkehr Respekt verschafften. Diesen Kontrahenten sehen wir heute wieder in Berlins Mitte. Bis jetzt gab es meines Wissens aber keine Vorkommnisse dieser Art.

Die Ausstellung (noch zu sehen bis 26. Juni) zeigt große Kunst berühmter Fotografen wie Jacques-Henri Lartigue und Lee Miller. Auf einer Vernissage ist man leider und zum Glück nie allein mit der Kunst. Freudig bemerke ich, dass ich nicht der Einzige bin, der mit dem Rad gekommen ist. Der Gesinnungsbruder verabschiedet sich später, um heim in den Grunewald zu fahren. Mein Heimweg ist kürzer, aber die Streckenlänge ist nicht entscheidend – Hauptsache, in Bewegung, always on the move.


Technische Daten:

Rahmen: Aluminium, Reifengröße: 27,5 Zoll, Schaltung: 8-Gang-Nabenschaltung, Bremsen: Hydraulische Scheibenbremsen, Gewicht: 11,7 kg, Basispreis: 1.799 Euro

Michael Biedowicz ist Bildredakteur beim ZEITmagazin

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