Harald Martenstein So tickt die Generation B

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 21/2015

Zu welcher Generation wird mein kleiner Sohn eines Tages gezählt werden? Vermutlich zur Generation B oder C. Zurzeit ist "Generation Y" an der Reihe. Nach der Generation Z müssen die Generationsfetischisten ja wieder bei A anfangen.

Wer heute zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, gehört angeblich zur Generation Y. Dieser Generation sei, so lese ich, eine sinnvolle Tätigkeit wichtiger als Karriere. Diese Generation will eine ausgeglichene Work-Life-Balance. So eine Balance will ich auch. Aus einer Studie des DGB geht hervor, dass die Generation Y in der Freizeit nicht richtig abschalten kann. Trifft voll auf mich zu. Die Generation Y ist gefragt worden: Würden Sie Ihren Job kündigen, wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz nicht zum Weltfrieden beitragen können? Mehrheitliche Antwort: Nein. Das wäre auch meine Antwort. Es klingt verrückt, aber ich gehöre offenbar zur Generation Y.

Das Baby will unbedingt aus dem Hundenapf essen und aus der Wasserschüssel des Hundes trinken. Das ist sein größter Wunsch. Der Hund findet das nicht gut.

Wieder und wieder kriecht das Baby auf den Fressnapf zu. Sobald man eine Sekunde nicht aufpasst, steckt es sein Köpfchen in den Napf und würde, wenn es nicht daran gehindert wird, mit der Mahlzeit beginnen. Das geht den ganzen verdammten Tag so. Man müsste den ganzen Tag den Fressnapf bewachen, oder das Baby festbinden. Man kann den Fressnapf wegräumen, aber den Wassernapf braucht der Hund relativ häufig. Also haben wir tagelang neben dem Wassernapf gestanden und haben immer, wenn das Baby seinen Kopf in den Napf stecken wollte, ruhig und bestimmt "Nein! Nein! Nein!" gesagt.

Dazu hat man studiert. Dazu hat man Kierkegaard, Nietzsche und Schopenhauer gelesen.

Das Baby hat, glaube ich, nach einer Weile kapiert, was das Wort bedeutet. Es hält immer kurz inne, wenn es "Nein, nein, nein" hört. Dann macht es weiter, bis man es manuell stoppt. Ich glaube, ich habe in den letzten zwei Wochen etwa tausend Mal ruhig und bestimmt "Nein" gesagt. Oder geschrien. Ja, ich gebe zu, dass ich nach einigen Tagen auch laut geworden bin. Meine komplette Freizeit verbringe ich neben dem Wassernapf des Hundes, was erwarten Sie von mir? Solche Erfahrungen verändern einen Menschen. Dann geschah etwas Überraschendes. Das Baby setzte sich auf. Es sah den Napf an. Anschließend sah es mich an. Dann sagte es, recht deutlich: "Nein, nein, nein." Anschließend kroch es auf den Napf zu, steckte sein Köpfchen hinein und trank.

Das war sein erstes Wort. Nein. Nicht Mama. Nicht Papa. Nein, nein, nein. Zwei Tage darauf zog sich das Baby an dem neuen Weinkühlschrank hoch. Ich habe mein Leben lang davon geträumt, einen Weinkühlschrank zu besitzen, so wie mein Vater von einem Swimmingpool geträumt hat. Das Baby stand vor dem Weinkühlschrank, schaute durch die Glasscheibe auf die Flaschen und sagte, laut und vernehmlich: "Geil." Das war also sein zweites Wort.

Ich sagte, das ist unmöglich. Ich verwende dieses Wort nicht, es gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Das Kind stammt von Außerirdischen ab, besser gesagt von außerirdischen Trinkern. Die Kindsmutter sagte, es könnte sich um eine zufällige Folge von Lauten gehandelt haben, um Brabbeln. Das Baby schaute weiter versonnen in den Weinschrank hinein und sagte: "Geil. Nein, nein. Geil."

Dies war ein erster Blick auf die Generation B. Typisch für die Generation Y ist es übrigens, dass sie den Zeitpunkt der Familiengründung immer weiter aufschieben. Ich rate der Generation Y, die Familiengründung ruhig noch ein bisschen weiter aufzuschieben.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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"Die Generation Y ist gefragt

"Die Generation Y ist gefragt worden: Würden Sie Ihren Job kündigen, wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz nicht zum Weltfrieden beitragen können? Mehrheitliche Antwort: Nein."
Das ist aber auch eine ziemlich bescheuerte Frage. Wenn man nicht gerade Diplomat und Teil einer NGO ist wird sich das sowieso nur schwerlich was machen lassen. Interessanter wäre zu fragen: "Würden sie ihren Job kündigen, wenn sie wüssten, dass sie damit nachhaltig der mwelt und/ oder der Gesellschaft schaden?"

#3  —  9. Juni 2015, 13:51 Uhr
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Interpretierfähiges Brabbeln ... Erinnert mich doch schwer an einen uralten Witz aus dem Repertoire meiner pommerschen Großmutter: Ein stolzer Vater berichtet aufgeregt einem befreundeten Professor für Sprachgeschichte, sein Sohn könne schon dreisilbige Wörter sprechen, nämlich "Halberstadt". Das Baby auf dem Prüfstand, fröhlich: "Hannanna". Darauf der höfliche Gast: "Mein Gott, wie deutlich - aber noch nicht ganz seminarfähig". Meinem jüngeren Bruder wurde nachgesagt, er habe in etwa dem gleichen Alter das Wort "Lokomotive" artikuliert - was man flugs in eine überdurchschnittliche Intelligenz für den MINT-Bereich umdeutete (hat sich aber nicht gehalten)., Sollte Ihr Jüngstforscher, lieber Kolumnist, also vor dem Weinkühlschrank "Valpolicella" verlangen - seien Sie unbesorgt, das gibt sich. Wahrscheinlicher ist aber, daß das Baby zur Generation Fuffi gehört: Ein Auto ist "Auff", ein Bus "Buff". Deshalb unbedingt den Hund in die Kommunikation einbeziehen, als "Wuff". Das ist für beide Seiten erträglich - und jedenfalls billiger als "Hunni" (für Hund). Dieses Wort wird nämlich beibehalten und recht bald in eine direkte Forderung "Cash auf Kralle" umgewandelt.

#4  —  9. Juni 2015, 16:08 Uhr
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Ach Nein, Herr Martenstein

Ach Nein, Herr Martenstein
Ich gratulier zum Kind, Mazel Tof usw.
Aber Ihre schöne Kolumne ...
Es ist schon unfehlbar zu erwarten, daß Sie den geneigten Leser, wie alle die sich kürzlich fortgepflanzt haben, demnächst über die Gewohnheiten Ihres Nachwuchses beim Stuhlgang in Kenntnis setzen.
Nein, nicht geil.