Wolfgang Herrndorf Die Kunst des Wolfgang Herrndorf

Als Schriftsteller wurde er von seinem Publikum geliebt. Doch zunächst war er ein Maler. Wir zeigen unbekannte Bilder. Von
ZEITmagazin Nr. 21/2015

Am 12. Juni 2012 schrieb Wolfgang Herrndorf in seinem Blog: "Mit den letzten Umzugskartons Zeichnungen und Bilder eingetroffen, die Ölbilder fast alle beschädigt von vielen anderen Umzügen und jahrelanger unsachgemäßer Lagerung, Dellen, dicke mit dem Firnis unauflösbar verbundene Dreck- und Staubschichten. Würde ich am liebsten alles wegschmeißen." Er verzweifelte: "Ich tobe, ich beruhige mich, dann tobe ich wieder, angetrieben und aufgedreht von der immer wieder sofort in Motorik übersetzten Erkenntnis, daß alle in diese Bilder und Zeichnungen gesteckte Energie, daß zehn oder fünfzehn Jahre einsamer Arbeit sinnlos waren. Und daß noch einmal genauso viele Jahre, die ich seitdem – mit vielleicht etwas mehr Erfolg – ins Schreiben investiert habe, am Ende genauso sinnlos gewesen sein werden. Egal. Allein das Bild zeigt jemanden, dem es einmal nicht egal war." Gemeint war das Selbstporträt, das wir auf unserem zweiten Cover zeigen. Herrndorf schrieb dies an seinem 47. Geburtstag. Genau drei Jahre später, am 12. Juni 2015, dem Tag, an dem er 50 Jahre geworden wäre, wird sich zeigen, dass seine Arbeit eben nicht sinnlos war: Dann eröffnet im Literaturhaus Berlin die erste Ausstellung seiner Bilder. Wolfgang Herrndorf ist den meisten als Autor des Bestsellers Tschick bekannt, eines Romans über die Abenteuerreise zweier ungleicher Jungen. Und man weiß um Herrndorfs trauriges Schicksal: 2010 erfuhr er, dass er unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt war, im Sommer 2013 nahm er sich das Leben. Weniger bekannt ist der Maler Wolfgang Herrndorf. Der besuchte die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Bevor Herrndorf seinen ersten Roman In Plüschgewittern veröffentlichte, arbeitete er als Illustrator, vor allem für das Satire-Magazin Titanic. Etwa 600 Malereien und Zeichnungen hat er hinterlassen.

Wie er als Schriftsteller ein Perfektionist war, war er es auch als Maler. Er feilte tagelang an den Sätzen. Wenn er malte, arbeitete er bis zur Erschöpfung an Details. Herrndorf bewunderte die Alten Meister, van Eyck und Vermeer. Ihr Handwerk war für ihn der Maßstab. So erzählen es heute enge Freunde von ihm. Er selbst entsprach seinen Erwartungen nur selten. Wenige seiner Bilder hängte er in seiner Wohnung auf, darunter das erwähnte Selbstporträt. Die anderen Bilder lagerten in Mappen. Herrndorf organisierte keine Ausstellungen und hatte keinen Galeristen. Während des Studiums warf ihm eine Professorin vor, konservativ zu sein. Das stimmte wohl. Herrndorf interessierte sich nicht für das Morgen. Er wollte das Gestern verstehen. Er übte sich in mittelalterlicher Lasurmalerei. Dabei muss ein Bild in einem Zug gemalt werden, man darf die Farben nicht trocknen lassen. Man sitzt viele Stunden ununterbrochen daran, es ist eine wirkliche Tortur.

Nach seinem Studium arbeitete Herrndorf als Illustrator. Er legte keinen großen Wert darauf, sich als Künstler zu verwirklichen. Malen und Zeichnen waren für ihn Arbeit. Er glaubte an perfektioniertes Können – und nicht daran, der Welt eine Botschaft vermitteln zu müssen.

Und dennoch sind seine Bilder ein Kommentar zu unserer Zeit, zu unserer Flüchtigkeit und der Sucht, modern sein zu wollen. Herrndorf versuchte nie, zeitgemäß zu sein. Er hatte seine eigene Zeitrechnung. Er malte einen Birkenwald, wie ihn nur jemand malen kann, der sich Birken sehr lange angeschaut hat. Einen Birkenwald, der so realistisch dargestellt ist, dass er wirklicher ist als die Realität. Die Motive fand er oft in den vergangenen Jahrhunderten, einen Dreimaster in einer Eislandschaft zum Beispiel oder einen Wanderer am Waldesrand wie aus einem Bild von Caspar David Friedrich. Er malte Landschaften, die die Romantik feiern – und sich gleichzeitig über sie lustig machen. Denn in der arktischen Landschaft liegt ein Tier, das aussieht, als hätte man einen Eisbären mit einem Okapi gekreuzt. Und vor dem Birkenwald fläzt sich eine liederliche Gestalt zwischen Konservenbüchsen. So wirken seine Bilder komisch, obwohl kein Witz erzählt wird.

Herrndorf probierte verschiedene Stile aus. Das sieht man auch an seinen Cartoons. Hier orientierte er sich am klassischen Strich, wie ihn F. K. Waechter gepflegt hat. Witze, so liebevoll gezeichnet, dass selbst grauenhafte Ereignisse etwas Versöhnliches haben. So zeigte Herrndorf sein Talent, leicht danebenzuzielen, um genau zu treffen. Als er zu schreiben begann, gab er die Malerei auf. Er war nicht zufrieden mit sich. Er fand, man könne nicht nebenher malen. Malerei müsse man ausschließlich betreiben, sonst verliere man das Gefühl für die Farben und die Perspektiven. Er malte nie wieder ein Bild.

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