BMW X6 "Super Karre, Alter!"

© BMW Group
Unser Autor fährt mit dem BMW X6 durch einige zentrale Randlagen von Berlin. Von
Aus der Serie: Von A nach B ZEITmagazin Nr. 23/2015

Das Ende vom Lied war ein Strafzettel wegen Falschparken. Dabei hatte sich W. die Sache ein wenig aufregender vorgestellt. Mit diesem Schlitten unter seinem Hintern hätten es mindestens drei überfahrene rote Ampeln sein müssen. Aber nix da. 25 Euro für das Halten in zweiter Reihe.

W. hatte sich von der Redaktion gewünscht, den neuen BMW X6 fahren zu dürfen. Weshalb, das wusste er selbst nicht so genau, hatte das Auto doch einen einigermaßen schlechten Ruf. In seiner hood fuhren eher fragwürdige Gestalten die frühere Version des Münchner Ungetüms. Aber genau das zog W. wohl an: die Idee, etwas Anrüchiges zu tun.

W. war angetan, als er sich in den roten Ledersitz fallen ließ. Er wollte den BMW nicht einfach fahren, er wollte angeben, Reaktionen testen. Also drehte er, auf der Straße angekommen, die Lautstärke des Radios auf: Jam FM, wummernde Bässe, irgendein Song mit gotta missed call from yo bitch oder so ähnlich. Der richtige Soundtrack für den Berliner Stadtteil Wedding. W. dürstete nach Anerkennung, nach Gangsterneid. Aber niemand würdigte ihn eines Blickes, seine Erscheinung war offenbar eine Selbstverständlichkeit. BMW X6 im Wedding, in Neukölln, in Reinickendorf? Sehen wir öfter hier.

W. war enttäuscht, dass er keinen Eindruck zu machen vermochte bei den Muskelbepackten, den Böseguckern. Nichts hätte er sich sehnlicher gewünscht als ein kleines Schulterklopfen, ein Nicken. Ein Kopfschütteln kam von seiner Frau, die ihn wissen ließ, sie werde auf keinen Fall in dieses Monstrum einsteigen. Der Kioskbesitzer Gülli, drei Türen weiter, aber schon. Da war W. schon wieder auf dem Rückweg in die Redaktion. Er fühlte sich fad und ignoriert. Doch nur für einen Moment. An der Ecke Blücher- und Zossener Straße geschah es endlich: W. wollte gerade eine Gruppe Jugendlicher passieren, die an einer Fußgängerampel warteten, offensichtlich aus der Provinz in die Hauptstadt gekommen, da brach der männliche Teil der Gruppe in Johlen aus. Einer traute sich sogar, auf das Autodach zu klopfen: "Super Karre, Alter!" W., selbst ein Provinzei, war überglücklich. Immerhin unter seinesgleichen fand er jene Anerkennung, die ihm von den Berlinern verwehrt worden war.

Technische Daten

Motorbauart: 6-Zylinder-Dieselmotor, Leistung: 190 kW (258 PS), Beschleunigung (0–100 km/h): 6,7 s, Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h, CO 2 -Emission: 157 g/km, Durchschnittsverbrauch: 6,0 Liter, Basispreis: 65.900 Euro

Andreas Wellnitz ist Berater in der Bildredaktion des ZEITmagazins

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Ich wundere mich ja schon länger über die Versuche, kernige Autos in einer Großstadt wie Berlin auszuführen. Wie kürzlich in der Welt eine Geisteswissenschaftlerin einen Subaru. Schön geschrieben, aber das Auto nicht verstanden. Alles nur Pose, wie der Autor selbst feststellt. In dickes B tut's längst die S-Bahn oder zur Vermeidung von Parkplatzsuche ein Motorrädchen. Um kernige Fahrzeuge auszuprobieren, muß man sich schon mal aus der Hauptstadt heraus bewegen - wobei ein X6 per se ein Poserauto ist, das nichts wahrhaft Kerniges an sich hat.