Bundesland Hessen Hessen sei Dank!

Von Goethe bis Äppelwoi: 70 Knaller, die unser ältestes Bundesland der Welt geschenkt hat. Von
ZEITmagazin Nr. 23/2015

1 HESSEN? DA MUSS MAN DURCH!

Hessen sind keine Helden. Hessen sind Pragmatiker. Und der größte Pragmatiker unter ihnen ist auch der berühmteste: Johann Wolfgang Goethe. Als junger Mann schrieb er in Frankfurt einen Bestseller: Die Leiden des jungen Werther. Er beschrieb, wie man an der Liebe zugrunde gehen kann, und traf damit ein Generationengefühl. Der junge Goethe wurde gefeiert – aber er verstand auch schnell, dass man sich für Ruhm allein nichts kaufen konnte. Denn schon damals blühte das Geschäft der Raubkopierer. Und Goethe hatte wenig Lust, sich als freier Dichter durchzuschlagen. Als er im Alter von 26 Jahren an den Hof in Weimar geladen wurde, zögerte er nicht, Frankfurt am Main zu verlassen und sich fortan von der Aristokratie durchfüttern zu lassen. Der fleißige Württemberger Friedrich Schiller hingegen blieb Lohnschreiber und starb auf einer Pritsche neben seinem Schreibtisch. Sein Freund Goethe bereiste derweil Italien und hatte einen wirklich netten Garten. Nach Frankfurt zog es ihn nicht mehr. Auch das ist typisch für die Hessen. Sie bleiben oft nicht in Hessen. Sie suchen ihr Glück anderswo.

Was ist eigentlich Hessen? Es ist die Mitte Deutschlands. Zieht man eine Linie vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt und vom westlichsten zum östlichsten, ergibt sich ein Schnittpunkt bei der Ortschaft Besse bei Kassel.

Dieses Jahr feiert das Bundesland Hessen seinen 70. Geburtstag: Im September 1945 bekam "Großhessen" als erstes der neu entworfenen Länder eine Verfassung. Das neue Deutschland nahm hier gewissermaßen seinen Anfang. Es wurde sogar diskutiert, Frankfurt zum Regierungssitz zu machen, immerhin hatte in der Frankfurter Paulskirche 1848 die deutsche Nationalversammlung getagt. In dieser Tradition hätte man sich nach 1945 gerne gesehen.

Bevor Hessen ein Bundesland wurde, war es eher ein formloses Gebilde aus Grafschaften und Kurfürstentümern. Die Geschichte Hessens verstehen nicht einmal die Hessen selbst so ganz: Es gab Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Hessen-Nassau. Das merkt man dem Land heute noch an. Die Main-Linie, die Norddeutschland von Süddeutschland trennt, gibt es auch in den hessischen Köpfen. Für die Südhessen sind die Nordhessen Norddeutsche.

In Hessen lebte man immer davon, dass es ein Verkehrsknotenpunkt war, hier kreuzten sich wichtige Handelswege von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Noch heute ist das so: Die meisten Menschen kommen auf der Durchreise nach Hessen. Schließlich hat Frankfurt einen der größten Flughäfen Europas. Es ist gewissermaßen Deutschlands Tor zur Welt.

Und dabei blieb und bleibt eine Menge hängen. Die Hoteliers verkaufen den Reisenden Schlafplätze, die Juweliere verkaufen den Reisegruppen aus China und Russland Uhren. Und in den Frankfurter Restaurants gibt es besonders frischen Fisch, weil der Flughafen der größte Lebensmittelumschlagplatz Deutschlands ist.

Man ist von Hessen aus schnell in der Welt – man ist aber auch schnell im Wald. Die Natur beginnt direkt vor der Haustür. Da sind der Taunus, der Odenwald, die Bergstraße, der Vogelsberg. Hessen ist ländlich, bis in die Städte hinein.

Selbst die Metropole Frankfurt ist nur im Kern städtisch, in den äußeren Bereichen ist es dörflich. Manchmal fahren die Spargelbauern mit ihren Fuhrwerken noch immer durch die Innenstadt. Das ganz Große ist Nachbar des ganz Kleinen, die verspiegelten Hochhäuser stehen gewissermaßen direkt neben dem Bembel Apfelwein. In Hessen gibt es nicht nur die Europäische Zentralbank und die Frankfurter Börse, sondern auch die größte Vielfalt an ländlichen Volkstrachten.

Hier lebte man schon immer davon, mit allen gut auszukommen und die Unterschiedlichkeit auszuhalten. In Frankfurt ist das in der Stadtmitte gut zu erkennen. Auf der einen Seite das Bankenviertel mit seinen Megatürmen, die das ganze Land überragen, und gleich daneben die Halbwelt des Bahnhofsviertels. Es kann irgendwie alles zusammengehen.

Hessen hat den zweithöchsten Migrantenanteil aller Flächenbundesländer, jeder vierte Hesse hat einen Migrationshintergrund. In Frankfurt sind es sogar über 40 Prozent.

Die Ausländer mit dem größten Einfluss waren zweifellos die amerikanischen Soldaten, Hessen gehörte zur US-Besatzungszone. Allein in der Rhein-Main Air Base am Frankfurter Flughafen waren zeitweise 10.000 Soldaten untergebracht. Deswegen war Hessen schon immer etwas amerikanischer als andere Bundesländer. Elvis Presley ist der berühmteste GI, der in Hessen gelebt hat, in der Kurstadt Bad Nauheim. In Hessen hat er auch die sehr junge Priscilla kennengelernt, die er später heiratete.

Aber Elvis war natürlich nicht der einzige Amerikaner, der die hessische Popkultur geprägt hat. Der amerikanische Ballett-Tänzer Stephen Galloway, heute einer der einflussreichsten Berater der internationalen Modewelt, hatte seinen Durchbruch in Frankfurt. Rapper wie Deskee und Turbo B. trafen in den achtziger und neunziger Jahren in Frankfurt auf lokale Musikproduzenten, nahmen weltweit erfolgreiche Songs auf wie The Power, Rhythm Is a Dancer, Let There Be House. Die GI-Disco Funkadelic ist bis heute unvergessen. Der 17-jährige Moses Pelham aus Frankfurt-Rödelheim nimmt 1988 seinen ersten Hit auf: In dem Stück Twilight Zone klingt er amerikanischer als mancher Rapper aus New York. Später rappt er auf Deutsch, gründet das Rödelheim Hartreim Projekt und produziert die Platten von Sabrina Setlur, Tochter indischer Einwanderer. Mit über zwei Millionen verkauften Platten ist sie bis heute die erfolgreichste deutsche Rapperin.

Und da ist natürlich die Frankfurter Technoszene mit ihren DJ-Stars Sven Väth, Marc Spoon, DJ Dag, Chris Liebing (der eigentlich aus Gießen kommt). Ihnen ist zu verdanken, dass Frankfurter Clubs seit Jahrzehnten in aller Welt einen exzellenten Ruf genießen.

Auch das ist typisch Frankfurt: Einerseits blüht hier die Technokultur wie in Deutschland sonst nur in Berlin, andererseits entstand hier ein literarisches Zentrum der Bundesrepublik, insbesondere die berühmte "Suhrkamp-Kultur" – und alles ist in dieser Stadt eng beieinander.

Der S. Fischer Verlag hat hier seinen Sitz, ebenso die Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Feuilletonisten Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher jahrzehntelang die Debatten in Deutschland geprägt haben. Und dazu gibt es dann auch noch einmal im Jahr die größte Buchmesse der Welt.

Den Geist Frankfurts verkörpert der Museumsdirektor Max Hollein geradezu perfekt mit seiner erfolgreichen Führung der Schirn Kunsthalle, des Städel und des Liebieghauses (und das, obwohl er Österreicher ist). Hollein kämpft für die Kunst, das Geld dafür holt er sich auch von den Bankern der Stadt.

Insgesamt waren die Hessen schon immer ein vergleichsweise friedliebendes Völkchen. Die Fürstentümer Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel waren nur einmal in einen Krieg verwickelt: 1866 zog man mit Österreich gegen Preußen. Dieser Feldzug wurde prompt verloren und mit großen Gebietsverlusten bestraft. Die Vorteile des Friedens wurden in Hessen also schon früh erkannt. Man ist darauf bedacht, sich mit den Nachbarn gut zu verstehen.

Vielleicht haben die Hessen auch deshalb ihren besonderen Humor entwickelt. Sie sind Meister der Selbstironie. Das zeigt sich unter anderem in einer der ersten Familienserien im deutschen Fernsehen, Die Hesselbachs. Sie erzählt liebevoll die Geschichte eines kleinen Familienbetriebs, in dem die Dinge stets halb schiefgehen. Die Hesselbachs wären allerdings nur halb so lustig gewesen, hätten sie nicht Hessisch gesprochen, den wahrscheinlich vernuscheltsten Dialekt Deutschlands.

Genauso wie Heinz Schenk nicht so überzeugend im Blauen Bock die Bembel hätte schwenken können, hätte er nicht seine eigene Art Hessisch gesprochen, dieses Fernseh-Hessisch, das allgemein verständlich ist und mitteilt: Nimm mich nicht zu ernst, ich tue es ja selbst nicht. Im hessischen Mundarthumor nehmen sich die Protagonisten vor allem selbst auf die Schippe. Eine Textzeile der Band Rodgau Monotones bringt das hessische Selbstverständnis so auf den Punkt: "Unser David Bowie heißt Heinz Schenk."

In gewisser Weise ist Hessen die alte Bundesrepublik im Kleinformat. Als Deutschland noch kleiner und harmloser war. Erfolgreich und gleichzeitig provinziell. International, aber nicht großmächtig. Ein Deutschland, das noch nicht Europa dirigieren musste, sondern gut damit leben konnte, dass niemand es so richtig ernst nahm.

Wer dieses Deutschland manchmal vermisst, sollte ruhig einmal Hessen besuchen.
Christoph Amend und Tillmann Prüfer

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
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Mambrin
#4  —  24. Juni 2015, 18:13 Uhr

"Insgesamt waren die Hessen schon immer ein vergleichsweise friedliebendes Völkchen. Die Fürstentümer Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel waren nur einmal in einen Krieg verwickelt"

Vorhin gab's noch nen Artikel hier auf ZON, dass das Vertrauen in die Medien sinkt. Kein Wunder, bei so schlecht recherchierten Artikeln. Die Aussage ist total Mist, und das sagte mir nur mein Bauchgefühl. Keine fünf Minuten Recherche bei Wikipedia und ich stelle fest:
Die Hessen haben sich sogar gegenseitig die Köppe eingeschlagen! Das ganze nennt sich sogar "Hessenkrieg". https://de.wikipedia.org/...

Auch im Schmalkalischen Krieg und Dreißigjährigen Krieg haben die hessischen Landgrafen kräftig mitgemischt.