Harald Martenstein Freundlichkeit: Ja bitte. "Wertschätzung": Nein danke

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 23/2015

Ich habe einen Vorschlag zur Verbesserung der Welt, der gleichzeitig eine politische Reform darstellt, sich innerhalb von Sekunden umsetzen lässt und keinen einzigen Euro kostet. Wie wäre es, wenn alle Leute freundlich und höflich miteinander umgehen würden? Es ist nicht zu bezweifeln, dass damit eine gewaltige Verbesserung der Lebensqualität verbunden wäre, und zwar für alle. Diese eine, schlichte Veränderung würde in puncto Zufriedenheit und Wohlbehagen mehr bringen als die meisten Reformen der letzten 20 Jahre. Kein einziges Zukunftsproblem wäre gelöst, aber jedes dieser Probleme ließe sich leichter ertragen.

Ich bin schon irgendwie ein Romantiker, oder? You may say I’m a dreamer. But I’m not the only one. Und wenn Sie es jetzt ärgerlich finden, dass ich ins Englische wechsle (es handelte sich um ein Zitat aus einem Song meines Idols John Lennon): Kritisieren Sie mich ruhig. Aber bleiben Sie höflich und freundlich.

Wenn man beschimpft wird, darf man sich natürlich verteidigen, dabei darf man auch grob werden. Ich bin kein Verbalpazifist. Und ich bin keineswegs immer höflich und freundlich zu anderen gewesen, das gebe ich zu. Ich gehöre zu denen, die ihren eigenen Idealen nicht immer gerecht werden.

Das, was die Menschen an der untergehenden bürgerlichen Welt am meisten vermissen werden, sind die bürgerlichen Tugenden. Höflichkeit, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Geduld, Pünktlichkeit, Fleiß, das ist doch alles wunderbar. Ich glaube, die Letzten, die das noch in Perfektion draufhaben, sind die Redakteure aus dem Wirtschaftsteil der FAZ.

Im Fernsehen lief die Talkshow hart aber fair. Es ging um den Streik der Erzieherinnen. Die Familienministerin Manuela Schwesig verwendete in der ersten Viertelstunde vier Mal das Wort "Wertschätzung". Die Erzieherinnen hätten ein Recht darauf, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird. Dem wird wohl niemand widersprechen. Dachdecker und Supermarktverkäuferinnen haben dieses Recht allerdings ebenfalls. "Wertschätzend" ist ein relativ neues Modewort, es gehört in die gleiche Liga wie "Achtsamkeit" und "Nachhaltigkeit". Das Wort stammt aus der Psychotherapie. Therapeuten sollen mit ihren Patienten wertschätzend umgehen. Sie sollen den Patienten zu verstehen geben, dass sie diese bedingungslos akzeptieren, mit all ihren Macken, so, wie Eltern ihre Kinder im Idealfall bedingungslos akzeptieren und den Kindern die Liebe nicht entziehen, auch wenn die Kinder mal Mist bauen. Jetzt, im Zuge des Umbaus der Gesellschaft in ein Sanatorium oder in einen Kindergarten, soll alles wertschätzend gemacht werden.

Es gibt im Netz sogar einen Entwurf für die wertschätzende Ablehnung von Bewerbern auf eine Stelle: "Vorweg ein ganz großes Kompliment: Ihre Bewerbung und die Art Ihrer Bewerbung sind wirklich beeindruckend. Wir finden das ganz toll. Behalten Sie sich diese Form bei, damit heben Sie sich sehr von der Masse ab." Danach kommt die Absage.

Ich finde, das klingt verlogen. Nein, das klingt beinahe wie aus einem Horrorfilm, außerirdische Körperfresser könnten so reden, bevor sie einem den Kopf abbeißen. Sollten Sie mir zufällig begegnen – bitte behandeln Sie mich nicht so, seien Sie nicht wertschätzend. Ich bin kein Kind mehr. Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, dieses Wissen halte ich aus. Wenn ich etwas falsch gemacht habe, darf man mir das sagen. Seien Sie freundlich. Seien Sie höflich. Das genügt völlig. Die Erzieherinnen wollen übrigens mehr Geld. Sie wollen keine Phrasen hören, sie wollen einfach besser bezahlt werden.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Sehr geehrter Herr Martenstein,

inhaltlich gebe ich Ihnen völlig recht mit Ihrem Artikel.
Mein Problem an dem Text liegt eher in der Form. Mich stört keinesfalls, dass sie das generische Maskulin verwenden, allerdings verstehe ich nicht, wieso sie gerade bei Erziehern und Verkäufern davon abweichen.
Ich finde, das nimmt der Sache etwas den Sinn, zumal sie in Ihrem Artikel über Genderforschung eher gegen die Verwendung eines generischen Feminins waren. Dort ging es im gleichen Kontext um "Professorinnen". Wieso "Erzieherinnen" und "Supermarktsverkäuferinnen" in Ordnung sind, "Professorinnen" aber nicht, entzieht sich meinem Verständnis. Sie könnten nun argumentieren, dass dies nun mal der Tendenz der Geschlechteraufteilung in diesen Berufsgruppen entspricht, allerdings wage ich Ihnen zu unterstellen, dass sie nicht generell von "Medizinstudentinnen" geschrieben hätten.
Dies ist nicht als persönlicher Angriff gedacht, mir sind diese Inkonsequenz beim generischen Maskulin nun in einigen Artikeln sowohl auf Zeit Online, als auch in der Printausgabe aufgefallen, und da ich diese Formulierungen als eher unschön erachte, bringe ich das nun hiermit zum Ausdruck.
Schönen Gruß,
A. Settergren