Gesellschaftskritik: Über Künstlerstreitereien

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 23/2015

Marina Abramović ist eine berühmte Performance-Künstlerin, und zwar vor allem berühmt für ihre spektakuläre Begabung, über Stunden oder Tage bewegungslos stehen oder sitzen zu können, vorzugsweise nackt, jedenfalls in jüngeren Jahren. Viel ist über diese Bewegungslosigkeit der Abramović schon geschrieben worden.

Nun weiß man allerdings von Schülern, dass langes Stillestehen oder -sitzen seinen Preis hat: Nachher ist das Getobe und Geschreie nur umso größer. Nicht anders bei unserer Künstlerin. Außerhalb ihrer umjubelten Disziplinübungen wird sie gerne ungnädig und fuchtig. Vor Kurzem traf ihre Wut den Rapper Jay Z, dem sie gestattet hatte, eine ihrer Performances für ein Musikvideo abzukupfern, wenn er sich im Gegenzug dazu verpflichtete, für die Marina-Abramović-Stiftung, eine gewiss sehr wohltätige Organisation, etwas zu spenden. Jay Z verpflichtete sich. Und performte daraufhin in einer Galerie in New York sechs Stunden lang seinen Song Picasso Baby, der Leitidee jener bewunderten Session folgend, die Marina Abramović unter dem Titel The Artist is Present vorgeführt hatte. So weit, so gut.

Man muss dazu wissen, dass die Formel "the artist is present" bei Ausstellungseröffnungen notorisch verwendet wird, jedenfalls wenn Aussicht besteht, dass der Künstler wirklich anwesend sein wird. Und das war die Abramović bei ihren legendären Sessions weiß der Himmel, in ihrer ganzen berühmten Bewegungslosigkeit. Auch Jay Z hielt bei seiner nachgemachten Session verflucht lange aus. Aber dann – was hat er dann getan? Nichts gespendet! Wild ist die Abramović geworden, hat gezetert und gezappelt, sie fühle sich benutzt, sagte sie, und dass sie sich nie wieder auf ein derartiges Experiment einlassen werde. Nur der Rapper, dessen Sache doch eigentlich das Zappeln ist, blieb ganz ruhig. Er war im Ruhegeben viel besser als sein Vorbild, denn er hatte eine Quittung. Teufel auch! Eine Spendenquittung hatte der! Abramović musste sich bei ihm entschuldigen.

Und wir, liebe Leser, was haben wir? Eine Geschichte ohne Pointe, zumindest fast ohne. Aber etwas kann man schon daraus lernen, und das geht so: Das Talent von Künstlern, sich beleidigt zu fühlen, ist bei Weitem größer als ihr Talent, Kontoauszüge zu lesen.

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