Das war meine Rettung "Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung"

Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 23/2015

ZEITmagazin: Herr Be’er, im Januar tötete die libanesische Terrormiliz Hisbollah zwei israelische Soldaten. Danach gab es an der israelisch-libanesischen Grenze heftige Feuergefechte – nicht weit von dem Kibbuz, in dem Sie leben. Zu der Zeit arbeiteten Sie an einem großen Auftragswerk zum Thema Frieden. Fiel es Ihnen schwer, in der Situation etwas Hoffnungsvolles zu schaffen?

Rami Be’er: Nein, denn ich bin es gewohnt, dass der Frieden bedroht ist und man trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben darf. Ich stamme aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden, meine Eltern kamen 1948 nach Israel, um ein neues Leben zu beginnen. Sie sprachen nie über die Vergangenheit, sondern konzentrierten sich auf die Zukunft. So haben sie dieses Land und auch den Kibbuz aufgebaut, in dem ich 1957 geboren wurde.

ZEITmagazin: Heute sind Sie einer der gefragtesten Choreografen der Welt. Sie könnten in New York leben, in Paris, in Berlin. Warum bleiben Sie im Kibbuz Gaaton?

Be’er: Ich bin in dem Glauben aufgewachsen: Wir Juden brauchen eine eigene Heimat. In Gaaton kann ich das Ensemble weiter ausbauen, das meine Lehrerin Yehudit Arnon mir übergeben hat, sie war selber als junges Mädchen in Auschwitz. Es geht hier nicht einfach um meine Karriere als Choreograf, sondern um etwas Gemeinsames, letztlich um unser Land.

ZEITmagazin: Ihr Ensemble entstand in einer armen ländlichen Region, wo es sehr still ist, wenn Hisbollah nicht gerade Raketen über die Grenze schießt. Um Gaaton herum verläuft allerdings ein Sicherheitszaun. Stört Sie das nicht?

Be’er: Natürlich würde ich lieber auf den Zaun verzichten. Aber wer sich dafür entscheidet, in Israel zu leben, der lebt im Konflikt. Mittlerweile ist Gaaton zum Ausflugsziel für Israel-Besucher geworden, und jedes Jahr bewerben sich Hunderte Nachwuchstänzer aus aller Welt für unser Studienprogramm. Statt einer provisorischen Probebühne haben wir jetzt ein richtiges Theater. Ich gebe zu, dass mich die zunehmenden Spannungen mit unseren Nachbarn sehr beunruhigen. Um uns herum werden immer mehr Waffen stationiert. Im Libanonkrieg 2006 sind neben dem Häuschen, in dem ich mit meiner Frau lebe, Bomben eingeschlagen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich geschützt?

Be’er: Während der Gefechte wurden wir in die Nähe von Tel Aviv evakuiert. Aber wir sind zurückgekehrt. Bei dieser Entscheidung hat mir der Gedanke geholfen: Wir können nicht immer wieder fliehen. Wir Israelis können selber dafür sorgen, dass unsere Heimat sicherer wird, indem wir auch Kontakt zu jenen muslimischen Kräften suchen, die uns respektieren.

ZEITmagazin: Ist Ihr Kibbuz jetzt sicher?

Be’er: Momentan ist es relativ ruhig an der Grenze. Als Israel sich zuletzt aus dem Libanon zurückzog, wurde vereinbart, dass die libanesische Armee weitere Aggressionen gegen Israel verhindert. Doch das ist nicht geschehen. Hisbollah und Hamas sind jetzt mit Raketen aufgerüstet, die solche Reichweiten haben, dass sie jeden Punkt innerhalb Israels treffen können. Es hat also gar keinen Zweck, nach Tel Aviv zu fliehen.

ZEITmagazin: Sie waren selber drei Jahre lang beim Militär. Was haben Sie dort gelernt?

Be’er: Wir müssen uns verteidigen, und manchmal ist Angriff die beste Verteidigung. Denn der Staat muss seine Bürger schützen. Zugleich müssen wir am Friedensplan mit Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien arbeiten und auch im Alltag Vertrauen schaffen. Deshalb tanzen in unserem Ensemble Muslime, deshalb laden wir muslimische Kinder nach Gaaton zum Tanzunterricht ein und treten in ihren Dörfern auf.

ZEITmagazin: In Ihrem Stück Lullaby for Bach, das vor ein paar Wochen in Wolfsburg uraufgeführt wurde, benutzen Sie ein Gedicht des großen jüdischen Lyrikers Jehuda Amichai, ein Schlaflied für Kriegskinder. Hätten Sie manchmal auch gern jemanden, der Sie angesichts der Gefahren in Nahost tröstet?

Be’er: Als Künstler weiß ich: Wer sein Ziel erreichen will, braucht eine Vision. Und meine Vision ist, dass wir miteinander reden, einander respektieren und friedlich leben können. Damit andere mir glauben, brauche ich Selbstvertrauen. Ich muss meinen Tänzern einen Horizont zeigen und sie dorthin führen.

ZEITmagazin: Wie Moses die Israeliten im Alten Testament?

Be’er: Meine Tänzer klettern in dem Stück über Mauern, um zu zeigen, dass das Leben ein ewiger Wechsel von Aufstieg und Fall ist. Du steigst auf, und dann fällst du. Und wenn du gefallen bist, beginnt der mühsame Aufstieg von vorn.

Rami Be’er, 58, ist als Choreograf international erfolgreich. Er stammt aus einer Musikerfamilie und leitet seit 1996 die israelische Kibbutz Contemporary Dance Company. Deren Nachwuchsprogramm zieht jedes Jahr weltweit Hunderte Bewerber an

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Die ZEIT-Redakteurin gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psycho- logen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Zitat: "Aber wer sich dafür entscheidet, in Israel zu leben, der lebt im Konflikt."
Ein Konflikt, den die arabisch-paläst. Nachbarn der Israelis immer wieder auf Neue schüren.
Eine Vision, eine Hoffnung: Die arabischen-paläst. Nachbarn würden mit Israel kooperieren und könnten so vom hohen Entwicklungsstand Israels profitieren - und sich selbst damit endlich vom Einwicklungsland-Niveau verabschieden. Das wäre zum Wohl der Menschen in den paläst. Gebieten.