© David Schiesser

Til Schweiger: "Tschü Lowi, tschü Buijen, tschü Rackelo"

ZEITmagazin Nr. 23/2015
Til Schweiger, aufgewachsen in Gießen, erklärt die manische Geheimsprache. Interview:

ZEITmagazin: Herr Schweiger, für Außenstehende: Was ist Manisch?

Til Schweiger: Manisch ist eine Geheimsprache aus dem 19. Jahrhundert, entstanden im Gießener Raum. Die Ursprünge liegen in der Zigeunersprache, mit Einflüssen aus dem Jiddischen und Deutschen, und alles natürlich weich ausgesprochen, hessisch eben.

ZEITmagazin: Wissenschaftler nennen so etwas Soziolekt. Gesprochen wird Manisch bis heute in einigen Siedlungen in Gießen, dort, wo früher das fahrende Volk sesshaft wurde, in sogenannten Problembezirken. Sie als wohlbehüteter Sohn eines Lehrer-Ehepaars: Wo haben Sie zum ersten Mal Manisch gehört?

Schweiger: Im Fußballverein. Als Jugendlicher habe ich beim TSF Heuchelheim gespielt, in einer Gemeinde, die unmittelbar an Gießen anschließt. Der Vater von unserem Libero Michael Sack hat zum Beispiel lupenreines Manisch gesprochen. Mein Lieblingsspruch ist bis heute: "Tschü lowi, tschü buijen, tschü rackelo."

ZEITmagazin: Heißt übersetzt?

Schweiger: "Kein Geld, kein Sex, kein Kind." Oder: "Digge ma, der Tschabo naascht mulo." Heißt: Guck mal, der Typ geht kaputt.

ZEITmagazin: Manisch ist sehr direkt.

Schweiger: Und deshalb lustig. "Moss" heißt zum Beispiel Frau, und eine besonders schöne Frau ist eine "Chefmoss". Es war übrigens nicht so, dass wir die Sprache komplett sprechen konnten, nur einzelne Ausdrücke. Ein "Dinelo" zum Beispiel ist ein Idiot. "Digge ma, der Dinelo", haben wir oft gesagt: Guck mal, der Idiot. Oder wenn etwas "tschugge" war, war es super. "Tschugge Moss": tolle Frau.

ZEITmagazin: Man sagt ja: Sprache ist Heimat. Sie leben schon drei Jahrzehnte nicht mehr in Gießen. Haben Sie Heimatgefühle, wenn Sie Manisch hören?

Schweiger: Ja klar, sofort, das gilt für die hessischen Dialekte allgemein. Ich bin viel rumgekommen auf der Welt, und wenn ich irgendwo jemanden getroffen habe, der Frankfurterisch gesprochen hat, war der mir sofort sympathisch. Die Hessen haben auch einen besonderen Humor, das sage ich nicht nur wegen Badesalz, die ich sehr verehre. Mit Hessen kannst du immer viel lachen: "latschi" heißt das im Manischen.

ZEITmagazin: Einzelne Wörter aus dem Manischen habe es in die Popkultur geschafft – der Babo zum Beispiel, von dem der Offenbacher Rapper Haftbefehl so gerne rappt: "Chabos wissen, wer der Babo ist."

Schweiger: Als ich das zum ersten Mal gehört habe, konnte ich es gar nicht glauben: Woher weiß denn ein Offenbacher, was ein Babo ist?

ZEITmagazin: Die Frankfurterin Sabrina Setlur hat früher auch schon vom "super duper Chabo" gerappt, in ihrem Hit "Du liebst mich nicht".

Schweiger: Babo ist übrigens der Boss der Tschabos. Wenn wir hier über das Manische reden, will ich unbedingt Charly Weller erwähnen. Charly habe ich kennengelernt, als ich Mitte der neunziger Jahre in Frankfurt mit Hannelore Elsner Die Kommissarin gedreht habe. Charly hat für die Serie Drehbücher geschrieben. Im vergangenen Jahr habe ich in Gießen eine Lesung mit ihm gemacht, er hat den ersten Krimi geschrieben, der sich ums Manische dreht, Eulenkopf. So heißt auch eine Siedlung in Gießen, in der Manisch gesprochen wird. Der Charly hat engen Kontakt zu Leuten aus der Gummi-Insel ...

ZEITmagazin: ... die in Gießen als sozialer Brennpunkt berüchtigt ist, benannt nach der Gummifabrik Poppe & Co., früher ein wichtiger Arbeitgeber dort.

Schweiger: Viele Figuren in Charlys Krimi basieren auf Charakteren von der Gummi-Insel, die bis heute Manisch pucken, also: sprechen.

ZEITmagazin: Herr Schweiger, Sie wurden 1963 in Freiburg geboren. Wie kamen Sie eigentlich nach Gießen?

Schweiger: Mein Vater stammt aus dem Schwarzwald, meine Mutter ist in Darmstadt geboren. Anfang der sechziger Jahre hat mein Vater ein Referendariat in Gießen bekommen, deshalb sind wir dorthin gezogen, da war ich ein Baby von neun Monaten. Erst nach Rodheim-Bieber, dann in die Weststadt und schließlich nach Heuchelheim.

ZEITmagazin: Wenn Sie an Ihre Kindheit denken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Schweiger: Der hässliche Schulweg, den wir jeden Tag durchs Industriegebiet gefahren sind. Und dass wir als Kinder damals noch mit großen silbernen Kannen zum Bauern gelaufen sind und die Milch geholt haben.

ZEITmagazin: Wie hat Gießen Sie geprägt?

Schweiger: Gießen hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich bin in Gießen auf die Idee gekommen, Schauspieler zu werden. Meine Freundin hat ja immer zu mir gesagt: Du musst Schauspieler werden. Aber ich habe das nie ernst genommen, ich habe ihr immer geantwortet: Das sagen doch alle Freundinnen zu ihrem Typen.

ZEITmagazin: Na ja, nicht alle.

Schweiger: Mit 17 hatte ich meinen ersten Job im Ulenspiegel, einer Kneipe, in die die Leute vom Stadttheater nach den Aufführungen gegangen sind. Die haben nachts natürlich immer eine Riesenshow abgezogen. Ich habe immer gedacht: Was sind denn das für Leute? Die haben doch alle einen an der Klatsche! Aber dann hat mir eine Schauspielerin gesagt, ich hätte Talent. Das habe ich ernst genommen. Sie hat mit mir geprobt. Und dann habe ich mich an Schauspielschulen beworben. Übrigens habe ich die Rollen damals zuallererst meinen Kumpels vorgespielt, auf der kleinen Bühne im Ulenspiegel. Den Andri aus Andorra und den Tempelherrn aus Nathan der Weise.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Freunde reagiert?

Schweiger: Es gab donnernden Applaus. Und ich: "Fandet ihr das jetzt wirklich gut?" Sie haben nur gesagt: "Wir wussten gar nicht, dass du so artikuliert sprechen kannst!" – "Und die Schauspielerei, die Rolle, wie fandet ihr die?" – "Ja, auch gut – aber du kannst ja richtig deutlich sprechen, davon hatten wir keine Ahnung!"

ZEITmagazin: Sie lachen. Das Thema verfolgt Sie ja bis heute.

Schweiger: Allerdings. Ich habe seit damals natürlich noch einige andere beste Freunde getroffen, aber nicht mehr viele. Die Jungs von damals sind heute immer noch meine engsten Freunde. Wir hatten eine super Zeit in Gießen, wir sind ins En Vogue gegangen und ins Ausweg. Und wir haben im Krokodil aufgeklapptes Baguette mit Bolognese gegessen, das mit Schimmelkäse überbacken war. Der Horst, der Hubi, der Maxi, der Altan und ich.

ZEITmagazin: Sind das die Leute, die Ihnen heute am offensten ins Gesicht sagen: Das, was du da gemacht hat, fand ich nicht gut?

Schweiger: Natürlich. Das erwartest du ja auch von deinen Freunden. Wenn ich mal Scheiße gebaut habe, sagen sie: Til, das war jetzt blöd. Aber immer, wenn wir uns treffen, ist es so wie früher in Gießen.

ZEITmagazin: Wie geht das? Die bekommen den öffentlichen Rummel um Sie ja auch mit.

Schweiger: Die meisten von ihnen lesen nicht die ganze Zeit Bunte und Gala und gucken auch nicht den Wochenrückblick von RTL Exclusiv. Wobei, eine Sache hat sich schon verändert: Der Maxi und ich haben uns früher noch selbst aus Besenstielen, Backstein und Wassereimern Hanteln gebaut. Und jetzt? Sagt der eine zum anderen: "Hast du auch solche Schmerzen im Rücken?" – "Ja, und kommst du morgens auch so schlecht aus dem Bett?"

Til Schweiger, 1963 in Freiburg geboren, gehört zu den beliebtesten deutschen Filmstars und ist auch als Produzent und Regisseur erfolgreich. Er wuchs in Gießen und Heuchelheim auf

Kommentare

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Wenn in Hessen und Unterfranken einer den "Babo" macht, dann schließt er nahtlos an das dortige Frühmittelalter an. "Babo" ist ein typischer althochdeutscher Lallname (vgl. Abo, Bobbo, Bovo, Dudo - wadde hadde dude da?), mit Aussicht darauf, sogar dynastiestiftend zu sein. Gell, die "Babenberger"?! Die ältesten bezeugten Herren waren Grundbesitzer im 8.Jh. zwischen Kloster Lorsch und Wetterau - ein Lorscher Abt (+ 881) hieß auch Babo - also nix mit Unterschichten.

Zitat:....Was sind denn das für Leute? Die haben doch alle einen an der Klatsche!
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Das nennt man jungendliche Prägung!;-)) er hat diesen Schock wohl nie überwuunden und dem nach geeifert.
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Leider war da aber der Autor nicht sehr achtsam. Mit der weltklugen Antwort auf diese Frage verrät er, das dieses Interview ein Fake ist :-)
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Grüsse an den Till aka Manni aus "Manta,Manta"
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Einer, der da mit ihm am Tisch gesessen hat und schon damals "bewundernd" zu ihm aufsah. Er lebe seine Rolle so sehr, das man auch in der Freizeit, den Drehpausen nicht unterscheiden konnte was war Manni, was war Till. Ein Vollbluttalent, der in seiner Rolle aufgeht.
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Die Spesenquittungen hat er fast mit Manni unterschrieben.
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Grinsegruesse
Sikasuu
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Ps. Mit dem zurückkommen nach solchen Drehs ist es manchmal sehr scjwierig:-))