Deutschlandkarte: Duzen im Klassenzimmer

Aus der Serie: Deutschlandkarte ZEITmagazin Nr. 24/2015

Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens – nur, was den Kindern verschwiegen wird: Je nachdem, wo sie die Schulbank drücken, geht es unterschiedlich ernst zu. Unsere Karte zeigt, wo Viertklässler ihre Lehrer mit dem vertraulichen Du statt mit dem förmlichen Sie anreden dürfen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, für die rund 600 Grundschulen aufgefordert wurden, die Duz-Quote in ihren Klassenzimmern zu schätzen. Mehr als die Hälfte hat Auskunft gegeben. Demnach ist es im Westen üblicher als im Osten, Lehrer zu duzen. Vor allem in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt wird gesiezt, im Westen war das noch vor 40 Jahren überall so. Das populärere Du führe zu mehr Nähe zwischen Lehrern und Schülern, heißt es – aber lernt es sich dadurch besser? Der Siegener Germanistik-Professor, der die Umfrage durchgeführt und ausgewertet hat, widerspricht: Das Sie schaffe eine distanziertere Atmosphäre und helfe so den Kindern, sich überlegter, also schriftsprachlicher auszudrücken.

Quelle Umfrage von Prof. Dr. Wolfgang Steinig

Kommentare

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Mettbrötchen
#2  —  29. Juni 2015, 12:22 Uhr

Es gibt keine Gleichheit zwischen Schüler und Lehrer, das DU suggeriert eine Gleichheit und eine Nähe, die dort nichts zu suchen hat.
Duzen kann man Freunde und Familienmitglieder. Der Lehrer ist kein Freund und kein Mitglied der Familie. Wäre gut für Kinder, wenn sie das früh genug verstehen. Wir leben leider in einer Welt, in der selbst Erwachsene kaum noch begreifen wollen, dass der Professor kein Kumpel und der Chef kein Vater oder Onkel ist.
Hierarchien sind nötig, und die Mode, sie verbal zu verwässern hilft niemandem.

Widerspruch! Da scheint mir der Siegener Kollege die Kommunikationsebenen durcheinander gebracht zu haben, nämlich Schriftsprache und mündliche Umgangsformen, die bereits für einen Viertklässler erkennbar voneinander abweichen. Mich erinnert das an eine Diskussion mit der heftig angefochtenen Grundschullehrerin Ursula Sarrazin, die von ihren SchülerInnen nicht "geliebt", sondern ausschließlich "respektiert" werden wollte (große Fassungslosigkeit in der Diskussionsrunde, u.a. Yogeshwar und Pilawa). Wir waren uns einig, daß eine Atmosphäre von wechselseitiger Zuneigung zwischen LehrerInnen und Klasse Grundvoraussetzung für Lernerfolge auch noch bei 9-jährigen Kids sei. Die Distanz kommt auf weiterführenden Schulen ganz von alleine ...

Ich denke, dass das "DU" oder "Sie" nichts mit emotionaler Nähe zu tun hat. Ein "Du" ist für mich eine Ebene, auf der man sich so gleich wie möglich begegnet. Das ist in einem System, das auf Bewertungen (Noten) basiert, unmöglich.
In Grundschulen mag das noch gehen; ich kenne aber auch Kindergärten, in denen die Kinder "DU, Frau X" sagen und habe festgestellt, dass es dort bei Weitem nicht weniger liebevoll, aber dafür respektvoller zugeht.
Dann darf für die Grundschule der nächste Schritt ruhig das "Sie" sein. Kindern darf etwas zugemutet werden :)