Harald Martenstein Über Machiavelli und andere Ungeheuerlichkeiten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 24/2015

Liebe Politik-Studenten der Humboldt-Universität, einige von Ihnen sind in den letzten Wochen oft in den Medien zitiert worden. Die meisten von Ihnen sind im zweiten Semester. Sie betreiben ein Blog über die Vorlesungen Ihres Professors Herfried Münkler. Der ist einer der bekanntesten deutschen Politologen. Sie werfen ihm vor, er verbreite Rassismus, Sexismus und Militarismus. Es ist gut, dass Sie sich kritisch mit Ihrem Professor auseinandersetzen.

Warum halten Sie Ihren Professor für sexistisch? Er hat zum Beispiel darüber gesprochen, dass früher Ehemänner ihren Frauen verbieten konnten, berufstätig zu sein. Dies sei, sagte er in einer Vorlesung, "eigentlich ungeheuerlich". Sie werfen ihm die Verwendung des Wortes "eigentlich" vor. Ihrer Ansicht nach hätte er nur "ungeheuerlich" sagen dürfen.

Das Wort "eigentlich" ist vieldeutig. "Ich bin eigentlich krankgeschrieben, aber ich gehe zum Fußball" – wer so etwas sagt, ist nicht wirklich krank, da haben Sie recht. Mit dem Wort "eigentlich" kann ein Sprecher aber auch seine Verwunderung ausdrücken. Er findet etwas so grotesk, dass er es selbst kaum glauben will. Zum Beispiel: "Es ist eigentlich unglaublich, aber meine Nenntante Beate hat gestern tatsächlich 31 Pfannkuchen gegessen." Hier bedeutet "eigentlich" so viel wie "im Grunde genommen". Es ist also sehr wichtig, dass Sie auf den Zusammenhang achten. Es ist eigentlich ungeheuerlich, aber sogar wenn die superfaschistische Formulierung "Heil Hitler" auftaucht, muss der Autor nicht zwangsläufig ein Faschist sein! "Ich kann dieses Heil Hitler nicht mehr hören" – wer in der Nazizeit so geredet hat, dachte eher antifaschistisch.

Sie werfen Ihrem Professor vor, er sei weiß und bei ihm kämen nichtweiße Wissenschaftler zu wenig vor. Sie sollten versuchen, Menschen nicht ihre Hautfarbe vorzuwerfen. Ich weiß, Sie meinen es nicht so, aber das ist eigentlich rassistisch. Es gibt auch Weiße, die schwer in Ordnung sind, denken Sie an sich selbst! Der Professor spricht in seiner Vorlesung über die Geistesgeschichte. Früher durften bei uns fast nur weiße Männer studieren, die Vergangenheit können wir leider nicht ändern. Deshalb besteht die Geistesgeschichte Europas zu großen Teilen aus den Texten weißer Männer. Sie werden nicht viel von der Geschichte verstehen, wenn Sie nicht Aristoteles, Leibniz, Kant oder Marx lesen.

Blocken Sie bitte nicht gleich ab, nur weil die weiß und weil die Männer waren. Wenn Sie diese Autoren lesen, werden Sie merken, dass einige von denen echt kluge Sachen geschrieben haben.

Sie ärgern sich und protestieren, weil der Professor auch Denker wie Machiavelli oder Carl Schmitt ausführlich behandelt, Leute, die nicht so dachten, wie Sie es heute tun. Manche haben richtig schlimme Thesen vertreten. Im Studium und überhaupt im Leben sollte man sich auch mit Leuten befassen, die anders denken als man selbst. Manchmal ist das interessant. Es ist ein Abenteuer, glauben Sie mir. Oft stellt man fest, dass sich bei ihnen, inmitten der schlimmen Sachen, brillante Ideen finden. Es gibt Denker, die sind weder ganz gut noch ganz böse, aber sie sind wichtig. Wenn Sie Politik studieren, kommen Sie um Machiavelli nicht herum, Ihr Professor wäre wirklich ein schlechter Professor, wenn er Machiavelli nicht behandelte.

Es gibt, im Leben wie in der Wissenschaft, viele Grautöne, dies nennt man "Ambivalenz". Wenn Sie, am Ende Ihres Studiums, gelernt haben, Ambivalenz auszuhalten, dann hat Ihr Studium einen Sinn gehabt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Ein Problem in der Geschichtswissenschaft ist allerdings, dass die europäische Geschichte noch immer weißer (und auch männerlastiger) dargestellt wird, als sie tatsächlich war. Schwarze und (bis auf wenige Ausnahmen) Frauen kommen darin einfach nicht vor, obwohl es auch unter ihnen nicht wenige gab, die trotz widriger Umstände Großes leisteten. Wer erfährt beispielsweise in Schule oder Universität, dass einer der bedeutendsten Generäle während der Französischen Revolution schwarz (und der Vater des berühmten Autors Alexandre Dumas) war? Oder dass bereits Mitte des 18. Jt.s ein schwarzer Professor an den Universitäten in Halle und Wittenberg lehrte?

Im Kinderbecken ist kein Platz mehr.
Ein unreifes Volk, wo sich alle ums Rechthaben streiten. Dabei ist Recht virtuell nur eine Abmachung, die bestenfalls noch bis zur Grenze Europas reicht. Danach beginnen die Länder wo neben dem Kinderbecken noch das Schwimmerbecken ist und alle verteilen sich recht friedlich. Unsere Frauen haben es aufgegeben, weiblich zu denken und streiten mit im Kinderbecken.
Dort wo weibliches Denken herrscht, oder gar die Mütter das Sagen haben, gibt es auch ein Recht ein Gesetz, aber das wird vom Volksrecht ausgehebelt. Das und dort herrscht deshalb eine Art Friede und Freiheit, die wir nicht mal erahnen.
Siam, das Land der Freien, ist so ein Land, wo beispielsweise Prostitution rechtlich verboten ist. Unser Denken ist so einseitig und hilflos. Wir zettel 100te von Kriegen an mit unserer Rechthaberei und legen solchen Wert auf Worte.