Ich habe einen Traum Barbara Baum

"Der Untergang drohte, aber am Ende stellte sich meine Angst als unbegründet heraus"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 25/2015

Ich befinde mich auf einem kleinen Boot, zusammen mit anderen Menschen. Das Boot gleitet über das Wasser, ich bin ganz entspannt und ahne nichts Böses. Doch dann ändert sich die Situation, das Schiff droht zu kentern oder unterzugehen, und ich habe keine Möglichkeit, das Boot zu verlassen. Mit einem Mal sind alle verschwunden, und ich bin allein auf dem Boot, allein mit meiner Angst vor einer Katastrophe – die dann allerdings doch nicht eintritt.

Diesen Traum habe ich über Jahre in unterschiedlichen Variationen häufig geträumt, vor allem in der Mitte meines Lebens. Immer befand ich mich auf einem Gefährt auf dem Wasser, immer drohte der Untergang, aber am Ende stellte sich meine Angst als unbegründet heraus.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was dieser Traum bedeuten mag. Vielleicht ein Hinweis auf eine kommende Katastrophe? Aber tatsächlich ist in der Realität nichts Böses geschehen. Im Gegenteil. Vor allem auf meine Arbeit bezogen – mein Leben war ja von früh an ein Arbeitsleben – hatte ich eigentlich nie große Angst, ich wusste immer, es kommt ein neues, spannendes Projekt. Sicher, manche Filme haben mir schon Albträume bereitet. Vor allem, wenn mein Budget zu spät bewilligt wurde und die Zeit knapp wurde. Schwierig war auch die Phase nach einem Film. Ich war dann immer sehr traurig, habe die intensive Arbeit, die Reisen und die Menschen vermisst. Es dauerte jedes Mal lange, bis ich diese Traurigkeit überwunden hatte. Aber unter dem Strich hat mir meine Arbeit mehr wunderbare Momente als Albträume bereitet.

Das liegt auch daran, dass mich die Arbeit regelmäßig an Orte geführt hat, die nicht nur zum Träumen einladen, sondern im mehrfachen Wortsinn selber traumhaft sind. Ich denke etwa an die unterschiedlichen Blautöne des Meeres vor griechischen Inseln – sie tun mir so gut, dass sie mich verrückt machen. Wenn sich an diesen Orten das Licht verändert oder die Farbe oder die Landschaft, sehe ich Bilder, Formen, Gestalten. Der Anblick der Wolken, die Farben der Erde des afrikanischen Kontinents lassen Figuren und Geschichten in mir entstehen wie im Traum, aber all das geschieht am helllichten Tag. In den Drehpausen meiner Filme nehme ich die Gelegenheiten zum Träumen wahr.

Ich hatte auch einmal den Traum, Schauspielerin zu werden. Aber meine mich liebende Mutter wollte, dass ich zunächst etwas Richtiges lerne. So führte mich das Handwerk erst auf Umwegen zum Film, wo ich schließlich, bei Fassbinder, auch kleine Rollen spielen durfte: eine Gutsherrin in Effi Briest, eine Patientin in Die Ehe der Maria Braun. Rückblickend denke ich, dass meine Berufswahl genau die richtige war – das Boot, das mein Leben ist, ist nie gekentert. Ich konnte an großartigen Projekten mitarbeiten, und anders als in der Schauspielerei spielt das Alter in meinem Beruf keine Rolle. 

Barbara Baum, 71, hat als Kostümbildnerin viele Filmklassiker mitgeprägt. Nach Schneiderlehre und Studium arbeitete sie als Modedesignerin und entwarf 1968 erste Filmkostüme, von 1972 an für Rainer Werner Fassbinder, später für Produktionen wie "Das Geisterhaus" (1993) und "Aimée und Jaguar" (1999). Am 19. Juni wurde sie bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises mit dem Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film ausgezeichnet

Diesen Artikel stand in ähnlicher Form im ZEITmagazin Nr. 25. Sie finden den Text als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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