Die großen Fragen der Liebe Fällt sie ihm in den Rücken?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 25/2015

Die Frage: Maria und Sven sind seit fünfzehn Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, sind beide Steuerberater und teilen sich Berufs- und Kinderarbeit. Sven kritisiert nicht selten, die Mutter sei etwas nachlässig, was Ernährung und Erziehung der Kinder angehe. Maria wehrt sich dann gegen seine Besserwisserei. Jetzt hat Sven selbst ein Problem: Der zwölfjährige Sohn ist aufsässig und will sich nicht in seine Schularbeiten hineinreden lassen, obwohl seine Noten grottenschlecht sind. Maria plädiert für Toleranz. Als Vater und Sohn wieder einmal beim Abendessen lautstark streiten, sagt sie genervt zu ihrer Tochter: "Lassen wir die Jungs streiten und schauen, was es in der Glotze gibt!" Sven ist tagelang beleidigt und wirft Maria vor, sie sei ihm in den Rücken gefallen.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Das Erziehungsfeld kann einem Schlachtfeld ähneln. Aber militärische Vergleiche, zu denen Sven hier greift, schaden. Es wäre sinnvoller, den Elternteil, der nicht mitstreitet, als Sanitäter zu sehen, der die Wunden der Kämpfer versorgt. Sven kränkt zu Recht, dass Maria die Tochter neben sich auf eine erwachsene Stufe hebt: Wir Vernünftigen gegen den kindischen Rest der Familie! Darin steckt viel Rivalität und wenig Empathie. Wenn das Unternehmen der Rollenmischung gelingen soll, müsste es umgekehrt sein: viel Empathie für die pädagogischen Nöte des Gegenübers, wenig Rivalität und klammheimliche Freude, wenn es scheitert. Maria sollte Sven vermitteln, wie viel Anerkennung sein Engagement in der Familie verdient, und seine Besserwisserei wird nachlassen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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