© Illustration Samuel Nyholm

Willemsens Jahreszeiten Es wird Sommer!

Der Frühling wollte sich so durchschlawinieren – aber unserem Kolumnisten sind die Fehlleistungen natürlich nicht entgangen. Von
Aus der Serie: Willemsens Jahreszeiten ZEITmagazin Nr. 25/2015

Immer wenn der Sommer kommt, kommt mir auch der bayerische Wahlslogan in den Sinn: "Sommer, Sonne, CSU". Dann lasse ich mir die Partei auf den Pelz brennen und genieße den Sommersonnennonsens: Der stern erklärt mir erst: "Darum zeigt sich Cora Schumacher nackt im Playboy", dann: "Deshalb duftet gebratener Speck so lecker"; Henryk M. Broder gibt den Experten in einer Sendung über Sex im Alter, die ARD will den Musikantenstadl "zukunftsfit" machen, die FDP hat jetzt "German Mut", doch der "German Mut"-Bürger zeigt sich wutlos noch im Skandal:

Gebeten, sich zur Einhaltung deutscher Gesetze auf deutschem Boden zu bekennen, hatten die US-Behörden 2013 mitgeteilt: Nichts da. Gedrängt, für den Wahlkampf doch wenigstens eine No-Spy-Absicht zu formulieren, ergänzten sie: Nichts da. Pofalla, Merkel und Seibert übersetzten frei: Kommt alles, wird alles, don’t worry, be rechtsfrei. Als die Wahrheit dann aufflog, seiberten sie, weil sie mit der Unwahrheit schon einmal so dicke waren, gleich weiter: Man habe stets "nach bestem Wissen und Gewissen" gehandelt.

Sollte Angela Merkel aber jenen E-Mail-Verkehr nicht gekannt haben, den heute jeder Zeitungsleser kennt, wäre das beste Wissen nicht gut genug. Sollte sie ihr besseres Wissen dagegen mit ihrem "besten Gewissen" vereinbaren können, sagt das vor allem etwas über ihr Gewissen im Zustand der Losigkeit aus. SPD-Generalsekretärin Fahimi hat dann im "Groko-Style" noch ergänzt: Weil sich jemand im Wahlkampf nicht an die Wahrheit gehalten habe, müsse niemand zurücktreten. Dieser Wahlkampf aber wurde im Parlament geführt, das zu belügen einmal als Todsünde galt.

Als Sigmar Gabriel zu all den Lügen dann in einem Interview einvernommen wird, gibt er den Rächer der Betrogenen und floskelt munter drauflos: "Wir lassen uns von den USA nicht ..." Und schon sind wir wieder mitten in der Lüge, denn wir lassen uns von den USA. Punkt. Ja, wir lassen uns selbst zu schmierigen Handlangern machen, lassen die Kanzlerin sagen, Spionage unter Freunden gehöre sich nicht, helfen aber gleichzeitig beim Ausspionieren von Frankreich und Österreich.

Und wenn Angela Merkel dann kurz eine Delle in ihren Popularitätswerten erlebt, geht sie gleich auf Menschenfischerbesuch in die Berliner Röntgen-Schule und hinterlässt Fotos der großen Gefühle, die von RTL bis FAZ als Fotos der "großen Gefühle" kommentiert werden. So geht das mit der Ablösung der Politik durch PR. Da kann die SPD recken, was sie will. Wenn aber die Wahlbeteiligung in Bremen dann bei 50 Prozent liegt, sagen alle: Wir müssen die Menschen mehr für Politik interessieren. Umgekehrt: Dieser großen Koalition kann kaum Schlimmeres passieren, als dass die Menschen anfangen, sich wirklich für Politik zu interessieren.

Aber das tun die Menschen ja auch immer weniger, und wenn sie als Blockupy in Frankfurt demonstrieren, badet die Tagesschau in Randale, sagt aber mit keinem Wort, was die Absicht dieser Demonstrationen ist. Wenn sie gegen die G 7 auf Schloss Elmau zu Felde ziehen, wird für diese 100-Millionen-Euro-Sause das Feld gesperrt, eine Prozession von 50 Demonstranten erlaubt und die Gewaltbereitschaft förmlich herbeigesehnt, um den monströsen Sicherheitsaufwand für diese Brotzeit mit Rahmenprogramm zu rechtfertigen. Home of the Brave, Staat of the Free.

Und was gab’s sonst Neues aus der Welt der "Wertegemeinschaft"? Es gibt jetzt "CDU-Politiker für Clinton" und "Huren für Hillary". Nach 22 Jahren in der Todeszelle kommt Debra Milke, einst belastet durch einen notorischen Lügner, frei. In Utah werden Erschießungen wieder eingeführt, in Ohio 13 Polizisten freigesprochen, die mit 137 Schüssen zwei Unbewaffnete zersiebt hatten. Zeitgleich verpixelt der Sender Fox die Brüste auf Picassos 180 Millionen Dollar schweren Frauen von Algier, der Sittlichkeit wegen. 11.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen. Die Dunkelziffer beim Tod durch kubistische Brüste liegt, wo sie hingehört, im Dunkeln.

Dabei interessieren sich die Menschen durchaus für unverpixelte öffentliche Körper. Denn während die USA gerichtlich gezwungen werden, 2.000 Folter-Fotos aus Armeegefängnissen freizugeben, wuchsen Tim Wieses Muskeln vom Bisonfleisch und Pippa Middletons Po vom geräucherten Wal-Carpaccio. Im Gebärtrakt einer 65-Jährigen lauerte ein fremdes Ei unbekannten Samenzellen auf, zur Gründung einer Kommune, der Vierlinge entsprangen. Auf die altanaloge Weise dagegen lauerte William seiner Kate auf, und prompt erblickte neun Monate später ein Einling das Blitzlicht der Welt. British old school eben wie Fifty Shades of Grey, dem der stern einen Servicetext nachschickt unter dem Slogan: "So geht Sadomaso richtig" – eine Rettung für alle, die jahrelang danebengepeitscht haben.

Und damit sind wir schon bei Ursula von der Leyen und ihrem Sturmgewehr G36. Dass es bei Temperaturen ab 26 Grad so gut funktioniert wie eine Klimaanlage der Deutschen Bahn im Hochsommer, also nur noch eine Zuverlässigkeit von sieben Prozent besitzt, bedeutet, dass wir seit 1996 in größerer Unsicherheit leben, als wir wussten. Die Verteidigungsministerin aber nennt dies "Treffpunktverlagerung", das heißt, das Gewehr trifft, nur eben wen anders als gewollt.

Was für ein grandioser Ausdruck für öffentliche Debatten! Dass Claus Weselsky behandelt wird wie der Kim Jong Un des Schienenverkehrs, bloß weil politische Nachrichten offenbar nur noch personalisiert verabreichbar sind: eine Treffpunktverlagerung. Dass Roger Köppel bei Günther Jauch sitzt, fließend Le Pen spricht und wir nichts dagegen ins Feld zu führen haben als Günther Jauch – eine Treffpunktverlagerung. Dass die Emma nach dem Germanwings-Unglück den traurigen Mut und die Kälte besitzt, eine Frauenquote im Cockpit zu fordern – eine Treffpunktverlagerung.

Und schließlich Thomas de Maizière, die wandelnde Treffpunktverlagerung: Seine unbegrenzte Geltungssucht bringt ihn zwar täglich mit Null-Nachrichten in Doppel-Null-Medien, bei der Wahrheit aber lässt er sich nicht erwischen, nur beim Kirchentag. Schon als Selbstverteidigungsminister wusste er nichts von funktionsuntüchtigen Gewehren, Euro Hawks und Drohnen, wusste als Kanzleramtschef nichts von Wirtschaftsspionage durch die NSA, was der BND seit 2006 wusste. Zu allem anderen, was er nicht wusste, verpflichtete ihn die Geheimhaltung, den Rest verantworteten Untergebene. So endeten alle seine Einlassungen auf den Refrain: "Daher bleibt von den Vorwürfen gegen mich nichts übrig." Wer sich aber obendrein am Tag, an dem 400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken (seit 2000 sind 24.000 gestorben), gegen eine EU-Seenotrettung sperrt, um mit einem Schutzwall aus Toten die Friedhofsruhe des Friedensnobelpreisträgers EU zu sichern, ist nicht über jeden Vorwurf erhaben, sondern unter aller Kritik.

Wir lernen, in der Politik tritt zwar wegen Täuschens, Vorspiegelns oder Notschlachtens niemand mehr zurück. Sonst aber erleben wir ein einziges Kommen und Gehen: Klopp geht, Gysi geht, Winterkorn bleibt, Wulff geht wieder mit Wulff, Schröder nicht mehr mit Köpf, Müller-Wohlfahrt geht, dafür geht Domian erst im nächsten Jahr, und Howie ist sauer, weil er nur einmal gegangen und zurückgekehrt ist, andere aber schon neunmal. Gisèle Bündchen geht, weil ihr Körper sie gebeten hat, Gauweiler geht wegen seines Gewissens. Sepp Blatter geht gar nicht, haben alle gedacht. Da ging er doch noch, der frisch Bestätigte, dem einzig seine persönliche Fifa nichts anhaben konnte, und so wird er nach seinem Tod wohl wiederauferstehen mit der Schlagzeile in der Hand: "Blatters Mehrheit bröckelt" – "Medienberichten zufolge".

Neuerdings zitieren sich Medien nämlich gern mit "Medienberichten zufolge". Yanis Böhmermann zufolge erigierte der griechische Finanzminister seinen Stinkefinger erstmals in der Fälscherwerkstatt vom Neo Magazin Royal, was sich als der komischste und perfideste Bluff der letzten Jahrzehnte entpuppte – nach zwölf Stunden vom ZDF leider mit einem Interruptus versehen, aufgelöst und seines Potenzials beraubt.

Ohne Potenzial, aber mit Interruptus hat dagegen jene Sendung geendet, für die die ARD Thomas, dem Herbstblonden, gut 32.000 Euro pro Folge zusprach. Das Geld braucht er zum Leben, und siebzig Folgen brauchte er, bis die Sendung da war, wo alle Experten sie von Anbeginn erwartet hatten: in der Grütze. Nicht durch Gebühren, durch Werbung sei das bezahlt worden, schlawinerte darauf die ARD, die vielen freien Mitarbeitern bis heute nicht mal Mindestlöhne zahlt. Man hatte die zwölf Millionen Euro also übrig? Kein Wunder, dass Sendergewaltige die Rundfunkgebühr als "Demokratieabgabe" bezeichnen. Denn Demokratie entpuppt sich auch in diesem Sommer wieder weniger als Herrschaft, sondern vielmehr als Selbstbeherrschung des Volkes.

Roger Willemsen, 59, wurde bekannt als Moderator und Autor. Zuletzt erschien bei S. Fischer "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament". In "Willemsens Jahreszeiten" blickt er jedes Vierteljahr auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Monate zurück.

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