Daryl Hannah "Wegen zivilen Ungehorsams saß ich bisher fünfmal im Gefängnis"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 26/2015

Ich leide schon lange unter Schlaflosigkeit, vielleicht neige ich deshalb so sehr zum Tagträumen. Mein Spitzname als Kind war Yoohoo, das sollte heißen: "Hallo, komm zurück!" Oft habe ich auch eine Art Klartraum. In diesem Zustand zwischen Schlaf und Wachsein kann ich den Traum teilweise steuern.

Nachts schlafe ich immer auf dem Bauch ein und umarme das Kissen. Ich weiß, es wäre besser für die inneren Organe, auf dem Rücken zu schlafen. Aber ich habe immer das Gefühl, dass mich dann die Schwerkraft nicht mehr halten und ich davonschweben würde. Mir gefällt die Vorstellung nicht, draußen im Weltall herumzufliegen. Ich mag es hier. Dies ist ein toller Planet, die Erde hat alles, was wir brauchen: Wasser sprudelt aus dem Boden, Nahrung und Blumen wachsen aus winzigen Samen, Früchte fallen von den Bäumen. Ich mag all die wilden schönen Wesen hier. Und das Einzige, was wir machen müssen, ist, das empfindliche Gleichgewicht dieses Planeten zu erhalten.

Deshalb tue ich, was ich kann, um unsere Ökosysteme zu schützen. Ich erhebe meine Stimme und weise hin auf Lösungen für die vielen Probleme, vor denen wir stehen. Wegen zivilen Ungehorsams saß ich bisher fünfmal im Gefängnis. Dort ist es nicht lustig. Es ist kalt, ungemütlich, und es kann ziemlich langweilig werden. Aber ich bin stolz, für die Umwelt einzustehen. Aufmerksamkeit zu wecken und Informationen weiterzugeben ist vielleicht das Wirksamste, was ich tun kann. Ich habe Bauern unterstützt, gegen moderne Sklaverei gekämpft, gegen extreme Fördertechniken wie den Abbau von Ölsand und das sogenannte mountain top removal mining, bei dem ganze Berggipfel gesprengt werden, und gegen die geplante Keystone-Pipeline, die durch das größte Wasserreservoir der USA verlaufen soll.

Ich erinnere mich an einen wiederkehrenden Traum, den ich als Kind hatte – einen, den ich selbst steuern konnte: Ich versuchte, mein eigenes Konzept einer Religion zu erschaffen. Mir widerstrebte zum Beispiel die Vorstellung von Gott als altem, weißem Mann. Für mich war es aber auch nicht unbedingt eine Frau. Es sollte eine Art Pflanze-Tier-Wesen sein, das alle Arten repräsentiert: wohlwollend, pazifistisch, vegan, liebend, mitfühlend, allumfassend. Es konnte fliegen, schwimmen und war natürlich sehr bunt: Es hatte Punkte in allen Farben!

Heute glaube ich nicht an eine bestimmte Idee von Gott. Meine Kirche ist die Natur. Ich glaube, dass der größte Teil unserer Probleme gelöst wäre, wenn wir die tiefe Wahrheit der wechselseitigen Abhängigkeit allen Lebens akzeptierten. Die meisten Menschen sind anständig, wollen in Frieden leben und ihre Kinder gesund aufwachsen sehen. Nur ein paar Verirrte sind mörderisch, kriegerisch. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages diese Angst abschütteln, die uns eingeimpft wird und die nur dazu dient, die Menschheit zu spalten.

Die Schlaflosigkeit plagt mich immer noch, aber es ist nicht mehr so schlimm wie früher, weil ich im Moment sehr zufrieden mit meinem Leben bin. Und von Zeit zu Zeit schlafe ich sogar richtig gut.

Daryl Hannah, 54, geboren in Chicago, hatte ihren ersten großen Auftritt in Ridley Scotts "Blade Runner" und wurde durch ihre Rollen in "Splash", "Wall Street" und "Kill Bill" zu einer der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt. Derzeit ist sie in der Netflix-Serie "Sense8" zu sehen

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