Familie: "Willst du die Wahrheit über früher wissen?"

Eine junge Frau vermisst ihr Leben lang ihren abwesenden Vater. Eines Tages meldet er sich bei ihr – über Twitter. Was will er jetzt, nach all den Jahren? Von
ZEITmagazin Nr. 26/2015

Der Tag, an dem sich mein Vater bei mir meldet, ist ein Sonntag im Spätherbst, früher Nachmittag. Ich sitze in einem Café in Prenzlauer Berg und bin frisch verliebt.

Dann steht mein neuer Freund auf und geht zum Buffet. Ich, Mitte 20, ganz Generation Smartphone, werfe einen Blick auf mein Handy. Links oben auf dem Display sehe ich einen kleinen Vogel, das Symbol dafür, dass jemand bei Twitter mit mir in Kontakt getreten ist oder auf mich verwiesen hat. Vor zwei Tagen habe ich einen Text veröffentlicht, vielleicht hat ihn ein Leser geteilt oder verlinkt. Ich bin neugierig. Lob oder Kritik? Ich öffne Twitter.

Rund zwei Minuten später unterstellt mir mein Freund, ich hätte ein Gespenst gesehen. Ich kann ihn verstehen. Mir ist übel, ich zittere und muss mich beherrschen, nicht in meinen Kaffee zu weinen.

In der Grundschule bin ich die Einzige, die keinen Vater hat. Das heißt, ich habe natürlich einen. Er ist nur nicht da. Nie. Als ich ein Baby war, haben sich meine Eltern getrennt, seitdem habe ich ihn nicht getroffen, ich kenne ihn nur von Fotos. Er zahlt Unterhalt für mich, aber ansonsten hat er sich nie um mich gekümmert. Es gibt auch zwei, drei andere Scheidungskinder an meiner Schule. Der Unterschied ist: Ihr Vater holt sie regelmäßig ab. Ihr Vater unternimmt etwas mit ihnen. Ihr Vater interessiert sich für sie.

"Du kennst deinen Vater nicht?" Entsetzte Blicke. Bei Klassenkameraden, bei Lehrerinnen. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage mit Nein beantwortet habe. Ich weiß nicht, wie oft in mir herumgebohrt wurde, ob mir deshalb nicht etwas fehle. "Du kennst deinen Vater nicht?" war nur ein Code. Der Code für: "Du bist ein absoluter Alien."

Ich habe drei Benachrichtigungen auf Twitter.

Nummer eins: "Willst Du die Wahrheit über früher wissen?"

Nummer zwei: "Selbst wenn’s schwer wird."

Nummer drei: "Erschrocken?"

Gesendet hat mir diese Tweets ein Nutzer, der seinen Usernamen mit dem Geburtsdatum meines Vaters kombiniert. Die Nachrichten sind keine Direktmails, die nur ich persönlich lesen könnte, sondern normale Tweets, für jeden einsehbar. Ich bin kein digitaler Geheimniskrämer, aber weit davon entfernt, Familienangelegenheiten auf einer Social-Media-Plattform auszubreiten, die ich beruflich nutze. Ich denke daran, was mein Chef und meine Kollegen von mir halten werden, falls sie über diese Tweets stolpern. Willst Du die Wahrheit über früher wissen? Eine Frage wie aus einem schlechten Thriller.

Das einzige Mal, dass ich mit meinem Vater spreche, ist an einem Frühsommerabend in den späten neunziger Jahren. Die Balkontür steht weit offen und lässt den Geruch der Linden aus unserem Garten ins Wohnzimmer. Ich sollte draußen sein und Ball spielen, aber auf Super RTL läuft Arielle, die Meerjungfrau. Ich bin acht oder neun Jahre alt und darf nur eine halbe Stunde am Tag fernsehen. Dann klingelt das Telefon. Ich will nicht drangehen, um nur ja nichts zu verpassen. Aber es hört nicht auf zu läuten. Ich springe von der Couch und melde mich mit Nachnamen. Zuerst verstehe ich nichts, sondern merke nur, dass ein Mann am anderen Ende der Leitung ist. Heute weiß ich, dass ich ihn so schlecht verstanden habe, weil er betrunken war.

"Wo sind meine Squashschläger? Ich will meine alten Squashschläger haben!"

Ich weiß nicht mal, was Squash ist. Ich frage nach, wer denn am Telefon sei.

"Ich brauche meine alten Squashschläger!"

In diesem Moment kommt meine Mutter in die Küche. Ich halte ihr den Hörer hin. Sie nimmt ihn und hört kurz zu. "Wir haben deine alten Squashschläger nicht." Sie legt auf.

"Wer war das?", frage ich. "Dein Vater", sagt sie.

Dieses Telefonat war der einzige direkte Kontakt zu meinem Vater, bis die Tweets kamen. Auch deshalb kann ich nicht glauben, dass sie von ihm sind. Außerdem: Er ist Anfang 50 und nicht mal bei Facebook, warum sollte er plötzlich Twitter nutzen? All die Jahre habe ich nichts von ihm gehört – Anwaltsbriefe, aus denen Verächtlichkeit spricht, und das oben beschriebene Telefonat einmal ausgenommen. Vielleicht ist der Twitterer nur ein dummer Troll, der meine Schwachstelle gefunden hat. Ein Troll, der mich provozieren will; der sich einen sehr schlechten Scherz erlaubt.

Ich sehe mir das Profil meines angeblichen Vaters genauer an. Es gibt kein Bild von ihm, seine Twitter-Biografie ist leer. Dafür hat er offensichtlich meine Follower-Liste durchstöbert. Er folgt 33 Accounts: ehemaligen Mitstudenten, meinem Freund, meinen Bekannten. Er folgt sogar Kollegen, die ich zwar kenne, mit denen ich aber wenig zu tun habe. Ich beginne zu schwitzen. Warum folgt er ihnen? Was kann ich dagegen tun? Soll ich das überhaupt?

Der Erste, den ich anrufe, ist mein bester Freund. Ich erzähle ihm, was passiert ist und dass auch er einen neuen Follower hat. Mein bester Freund sagt: "Is’ ja krass."

"Vielleicht ist der Twitterer nur ein dummer Troll, der meine Schwachstelle gefunden hat. Ein Troll, der mich provozieren will"
T. K.

Weil ich weiß, dass er technisch wesentlich fitter ist als ich, frage ich ihn, ob es möglich sei, die Identität meines Vaters zu verifizieren. Er brummt etwas von einem Bekannten bei Twitter und bittet mich um Geduld. Als er zurückruft, meint er, er könne es mir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, aber: Ich solle davon ausgehen, dass der Nutzer tatsächlich mein Vater sei. Er versucht mir verschiedene Faktoren zu erklären, die ihn zu dieser Annahme gebracht haben. Ich verstehe fast nichts davon; in meinem rechten Ohr surrt es. Ich höre nur: Es ist mein Vater.

Ich schreibe WhatsApp-Nachrichten an einige Bekannte, denen mein Vater folgt. Die Reaktion ist immer dieselbe: Meine Freunde und Kollegen raten mir, dass ich mir das Ganze nicht zu Herzen nehmen soll. Ich bin unsicher und sage allen, sie sollen Bescheid geben, falls ihr neuer Follower seltsame Dinge postet, komische Fragen stellt oder sonst in irgendeiner Weise Stress verursacht. Mein Vater verzichtet auf weitere Postings und Tweets. Ich beruhige mich etwas.

Ich bin noch ein Teenager, da sagt meine Mutter eines Tages zu mir, als ich nach einem kleinen Mittagsschlaf auf die Terrasse komme: "Deine Schwester hat versucht, dich anzurufen." – "Ich habe keine Schwester", sage ich und schenke mir Tee ein. "Deine Halbschwester hat versucht, dich anzurufen", korrigiert sich meine Mutter. Ich schlucke. Ich weiß, dass ich eine Halbschwester habe. Sie ist ein paar Jahre jünger als ich. Mein Vater hat ein zweites Mal geheiratet und noch ein Kind bekommen. Auch diese Ehe ist geschieden. Meine Halbschwester und ich leben in derselben kleinen Stadt. Manchmal sehe ich sie, mein Schulweg führt an ihrem Haus vorbei. Ich kann sie kaum anschauen, weil sie meinem Vater so ähnlich sieht. Ich dagegen habe nichts von ihm. Denke ich zumindest.

"Was wollte sie?"

Es stellt sich heraus, dass meine Halbschwester nach mehreren Jahren Funkstille eine SMS von unserem Vater bekommen hat. Zu ihrem Geburtstag. Obwohl er nach der Scheidung von ihrer Mutter auch den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte. Meine Halbschwester wollte mich sprechen, um zu erfahren, wie ich unseren Vater in der Vergangenheit erlebt habe. Aber weil ich schlief, ging meine Mutter ans Telefon und sagte ihr, ich sei in dieser Hinsicht keine große Hilfe. Ich würde meinen Vater nicht kennen.

Ich rufe nicht zurück. Meine Halbschwester ist eine Fremde, ihre Probleme gehen mich nichts an.

Ich beschließe, meinem Vater zurückzutwittern. Ich könnte ihn blockieren, sodass er mir nicht mehr folgen, meine Tweets nicht mehr sehen und mir nicht mehr schreiben kann. Aber ich tue es nicht. Ich möchte wissen, was er nach all den Jahren von mir will. Ich antworte nur auf seinen letzten Tweet. Auf "Erschrocken?" schreibe ich: "Nö, außer Du bist nicht der, für den ich Dich halte." Was glatt gelogen ist. Ich bin erschrocken.

Ich warte. In meiner Naivität gehe ich davon aus, dass er ein Smartphone nutzt, auf dem er – wie ich – binnen Sekunden eine Benachrichtigung per Twitter sieht und reagiert. Ich warte vergeblich. Mein Vater ist ein Desktop-Twitterer. Ein Sonntags-Twitterer, um genau zu sein. Seine Antwort bekomme ich sieben Tage nach seinen ersten drei Tweets. "Keine Lust, die dunkle Seite des Mondes kennenzulernen, hast doch Großeltern. Deine Mutter wollte das so."

In diesem Moment entschließe ich mich, mit meiner Mutter zu telefonieren. Nicht nur, weil ich es unerträglich finde, dass mein Vater ihr unterstellt, sie hätte ihn mit Absicht von mir ferngehalten. Was nicht stimmt. Sondern vor allem, weil ich nicht weiß, mit wem ich sonst über die Situation reden soll.

Meine Mutter reagiert erstaunlich gelassen. Sie sagt, sie mische sich da nicht ein und ich müsse die Entscheidung selbst treffen, ob ich mit ihm Kontakt haben wolle.

Das entspannt mich ein wenig. Ich schicke meinem Vater einen weiteren Tweet. "Keinen Familienkram auf Twitter. Du kannst mir auch mailen." Ich warte.

Rund eine Woche später sehe ich in meinem Postfach eine Mail von einer Frau, deren Namen ich nicht kenne. Manchmal versagt mein Spamfilter. Ich will gerade auf "löschen" klicken, als ich die Betreffzeile sehe. Kein Lottogewinn, keine Pseudomahnung für ein nicht bezahltes Porzellanservice, keine Brustvergrößerung. Nur: "So, da bin ich." Verdammt schlechter Spam, denke ich. Ich öffne die Mail.

Sie ist von meinem Vater.

Der Inhalt ist nicht sonderlich neu. Er schreibt fast dasselbe wie in seinen Tweets. Willst Du was über früher wissen? Lust, die dunkle Seite des Mondes kennenzulernen? Außerdem stellt er fest, dass zwischen uns doch einiges erheblich schiefgelaufen sei. Und dass wir das jetzt ändern könnten.

Nebel, kühler Nieselregen, ein Herbsttag vor drei Jahren. Ich bin auf dem Weg zum Institut für Rechtsmedizin der Uni München. Hinter der Glastür sitzt ein Pförtner. Ich sage, dass ich einen Termin habe. DNA-Analyse. Er nickt und fordert mich auf, auf einem der schwarzen Klappstühle im Flur zu warten. An mir vorbei laufen Ärzte, Laborangestellte und Polizisten. Die Polizisten haben meist andere Männer in Handschellen dabei. DNA-Analyse.

"In der Grundschule bin ich die Einzige, die keinen Vater hat. Das heißt, ich habe natürlich einen. Er ist nur nicht da. Nie"
T. K.

In diesem Moment hasse ich meinen Vater zum ersten Mal. Ich hasse ihn dafür, an meinem einzigen freien Tag durch den Nieselregen laufen zu müssen. Ich hasse ihn dafür, mich zwischen Einbrechern und Vergewaltigern auf einem Klappstuhl im Flur darauf warten zu lassen, dass mir jemand mit einem Wattestäbchen im Mund herumstochert. Ich hasse ihn dafür, dass ihm nach über 20 Jahren eingefallen ist, dass er vermutlich gar nicht mein Vater ist.

Eine Ärztin bittet mich in den Untersuchungsraum. Bevor sie die Speichelprobe nimmt, holt sie eine Digitalkamera heraus. Bitte lächeln!, ich schlucke schwer, hoppla, verwackelt, noch mal! Das Foto soll beweisen, dass ich wirklich selbst anwesend war. Es wird meinem Vater zusammen mit den Analyseergebnissen zugestellt werden.

Der Gentest ergibt: Ich bin mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit die Tochter dieses Mannes, mit dem meine Mutter fast zehn Jahre lang verheiratet war. Im Brief liegt außerdem ein Foto. Das Beweisfoto. Auch er war selbst da. Ich sehe einen fremden Mann, Bauchansatz, glatt rasiert. Schütteres, graues Haar; braune Augen. Treuer, etwas trauriger Blick. Würde ich diesem Mann auf der Straße begegnen: Ich würde ihn nicht erkennen. Ich betrachte das Foto lange. Ich suche nach Ähnlichkeiten – und nach Gefühlen. Nach der so oft beschriebenen "Stimme des Blutes". Ich finde nichts. Nicht einmal Sympathie.

Als ich meinem Vater auf seine Mail antworte, ist diese DNA-Analyse mit das Erste, was ich anspreche. Die Frau, deren E-Mail-Account er nutzt, offensichtlich seine aktuelle Lebensabschnittsgefährtin, darf ruhig mitlesen, was ich zu sagen habe. Ich frage meinen Vater, warum er jetzt plötzlich an mir interessiert ist. Ich sage ihm, dass er mir noch vor wenigen Jahren unterstellt hat, nicht seine leibliche Tochter zu sein. Dass er mich per Anwalt zu einer Genanalyse gezwungen hat. Um seinen Unterhaltspflichten aus dem Weg zu gehen. Ich schreibe, dass ich seine Art, an mich heranzutreten, sehr seltsam finde.

Es ist Sonntag, ich habe wieder eine Mail bekommen. Mein Vater erklärt, er schreibe mir über die Mailadresse seiner Partnerin, weil seine Eltern – meine Großeltern – nichts von unserer Kontaktaufnahme mitbekommen sollen. Soll das heißen, seine Eltern lesen seine Mails? Überhaupt, schreibt er weiter, meine Großeltern seien schuld an der DNA-Analyse. Er habe diesen Test nie gewollt, doch der Vorwurf, ich sei ein Kuckuckskind, habe immer im Raum gestanden. Seitens der Großeltern. Um diesen Irrtum auszuräumen, habe er die Genanalyse beantragt.

Ich bin verwirrt.

Ich sehe mir die Tweets an, die er mir geschickt hat. Tweet Nummer vier: "Keine Lust, die dunkle Seite des Mondes kennenzulernen, hast doch Großeltern."

Warum verspricht mir mein Vater Kontakt zu Großeltern, die nicht einmal wissen dürfen, dass er mir schreibt?

Zweite Verwirrung: Die Aufforderung zur DNA-Analyse bekam ich mit einem Anwaltsschreiben, das mir klarmachte, dass ich keine finanziellen Ansprüche an einen Mann hätte, der gar nicht mein Vater sei. Kann es wirklich sein, dass seine Eltern ihn zu diesem Schritt gezwungen haben? Ich klappe meinen Laptop zu. Ich bin mir sicher, dass er mich belügt.

Nach dem Analyseergebnis bekomme ich noch einmal Post vom Anwalt. Mein Vater muss zwar anerkennen, dass ich seine leibliche Tochter bin. Dafür droht er jetzt, mich wegen "groben Undanks" zu enterben. Es ist das zweite Mal, dass er mich sehr trifft. Nicht weil er mit Enterbung droht; ich will sein Geld nicht. Er trifft mich mit der juristischen Formulierung "grober Undank". Ich hatte nie Gelegenheit, ihm gegenüber grob undankbar zu sein. Ich habe ihn nie gesehen.

Ich schreibe meinem Vater, dass es für mich kein Unterschied ist, wer diesen unseligen DNA-Test veranlasst hat. Als er antwortet, merke ich, dass er sich beim Schreiben um einen möglichst lockeren, jugendlichen Stil bemüht, was mich auf unbestimmte Art ärgert. Mein Vater schreibt, meine Halbschwester würde sich sehr über Kontakt zu mir freuen. Er selbst habe regelmäßigen und guten Kontakt zu ihr.

Ich schreibe meinem Vater nicht sofort zurück. Stattdessen suche ich meine Halbschwester bei Facebook.

Als ich ihr Bild sehe, sehe ich ihn. Über die Jahre ist sie ihm noch ähnlicher geworden. Sie ist hübsch, hat langes, dunkles Haar und große Augen. Ich schreibe ihr eine Nachricht und entschuldige mich gleich am Anfang für die spontane Kontaktaufnahme. Ich will nicht derselbe digitale Rüpel wie mein Vater sein.

Gerade als ich denke, sie ignoriert mich, bekomme ich eine Antwort.

Eineinhalb Monate später. Es ist wieder Sonntag in Berlin. Auf dem Gasherd in meiner Küche steht die Kaffeekanne. Mein Freund hat Kuchen mitgebracht.

"Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt Kontakt zu ihm will", sage ich. "Die Mails regen mich nicht besonders auf, aber sie sind mir lästig."

Als ich es ausgesprochen habe, denke ich: Ich bin ein Monster.

Mein Freund fängt nicht von der berühmten zweiten Chance an. Aber er lässt mich wissen, dass es irgendwann zu spät für eine Kontaktaufnahme sein wird. Spätestens wenn mein Vater tot ist.

"Na und?", frage ich.

Ich: Monster. Grob undankbar.

Ich versuche zu erklären, dass ich das Gefühl habe, mein Vater wolle sich plötzlich ungefragt in mein Leben drängen. Und dass in meinem Leben kein Platz für ihn ist. Obwohl das eigentlich nicht stimmt. Vielleicht wäre da ein Platz, klein, relativ unbedeutend. Aber ich bin nicht bereit, Platz für meinen Vater zu machen. Alle wichtigen Positionen in meinem Beziehungsgeflecht sind besetzt: Ich habe meine Mutter, meine Großmutter, enge Freunde, meinen Partner. Ich habe keinerlei Bedürfnis, dieses Gleichgewicht für meinen Vater neu auszubalancieren. Und so Unruhe zu stiften für einen Mann, dem ich immer egal war.

Mein Freund nickt.

Weil ich trotzdem das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen, werde ich laut. Ich streite zum ersten Mal mit meinem Freund – obwohl er gar nicht zurückstreitet. Als er geht, weine ich mehr als zwei Stunden lang. Ich habe den Eindruck, dass mein Vater jetzt sogar schon meine Beziehung sabotiert. Dazu hat er kein Recht. Ich merke langsam, dass mir der Kontakt zu ihm schadet. Ich schlafe schlecht, bin im Büro unkonzentriert und launisch. Ständig frage ich mich, ob und wann ich wieder eine Mail von ihm erhalten werde.

Ich komme mir immer mehr vor wie in einem Katz-und-Maus-Spiel. Antworte ich meinem Vater, dauert es immer mindestens eine Woche, bis er zurückschreibt. Ich denke mir: So wichtig kann es dann wohl nicht sein. Das ist das Schlimmste: wenn mir jemand, der mir nahesteht – oder dem ich nahestehen will –, das Gefühl vermittelt, nicht wichtig zu sein. Für mich ist das die ultimative Zurückweisung. Das hat vermutlich etwas mit meinem Vater zu tun. Er hat mich mein ganzes Leben lang zurückgewiesen. Und jetzt, obwohl er selbst den Kontakt sucht, tut er es schon wieder.

Meine Halbschwester, noch nicht volljährig, schreibt mir in unserem Chat, ich solle den Kontakt zu unserem Vater meiden. Zumindest auf der Hut sein. Sie schreibt, sie leide wegen der "Erziehungsmethoden" unseres Vaters an einer Borderlinestörung. Über das, was schiefgelaufen ist, will sie nichts erzählen. Nur so viel: geschlossene Psychiatrie. Zumindest zeitweise.

Sie schreibt, sie habe unseren Vater während ihrer Behandlung nicht sehen wollen, aber er habe sich Besuche bei ihr erzwungen.

Ich weiß nicht recht, was ich glauben soll. Ist das der regelmäßige, gute Kontakt, von dem mein Vater geschrieben hat? Lügt er? Übertreibt meine Schwester?

Meine Schwester schreibt außerdem, sie habe sich sehr gefreut, von mir zu hören.

Das ist der Punkt, an dem mein Vater nicht gelogen hat. Sie gibt mir ihre Handynummer.

Ich habe bis heute nicht angerufen.

Ich sollte ihr wieder einmal schreiben. Aber was? Was, abgesehen von unserem Vater, kann uns verbinden? Wir haben keine gemeinsame Geschichte. Nur gemeinsame Narben.

Was ganz zum Schluss den Ausschlag gibt, ist ein simples Postskriptum, das mein Vater einer seiner Mails hinzugefügt hat.

"PS: Stolz auf Deine Arbeit."

Ich lese den Satz drei Mal.

Ich kann mich genau erinnern, dass mein Vater vor zwei Jahren meine Lokalzeitungs-Honorare ins Feld geführt hat, als er sich um seine Unterhaltszahlungen drücken wollte. 35 Cent pro Zeile, Gemeindeversammlungen, Kunstausstellungen, Kabarett. In den Anwaltsschreiben, die er mir schickte, war von Stolz nichts zu lesen. Es ging nur um Geld.

Ich bin dankbar, sagen zu können, dass es in meinem Leben Menschen gibt, die stolz auf mich waren, als ich Fünfen in Mathe hatte. Stolz, als mindestens 32 Pickel in meinem Gesicht wucherten. Stolz, als ich im Lokalteil, Seite vier links unten, über den neuen Abwasserkanal eines Dorfes berichtete. Diese Menschen mussten den Stolz auf mich nicht erst mit der Lupe suchen, nachdem ich einen Job bei einer großen Zeitung bekommen hatte.

Ich antworte nicht mehr. Jeder Buchstabe an ihn käme mir jetzt verschwendet vor.

Es ist Sommer, ich liege in kurzen Hosen und barfuß auf der Couch im Wohnzimmer. Meine Mutter sitzt neben mir.

"Du hast seine Zehen", sagt sie. Einfach so.

Ich betrachte meine Zehen.

"Ich weiß nicht", sage ich. Plötzlich kommen mir meine Zehen seltsam vor. Ich wackle mit ihnen.

"Das konnte er auch", sagt sie.

Ich höre auf zu wackeln. Sie lacht.

Ein Vater, der nie einer war, wird nicht zu einem, indem er sich über Soziale Medien an sein Kind heranpirscht. Seit den vier Tweets im Spätherbst bin ich mir zum ersten Mal in meinem Leben sicher, dass ich nichts versäumt habe. Jede Lücke war besser als dieser Vater. Ich bin diesem Mann nichts schuldig.

* Die Autorin möchte anonym bleiben

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