Von A nach B: Geist ist geil

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Aus der Serie: Von A nach B ZEITmagazin Nr. 26/2015

Auf einmal ist sie weg. Und wieder da. Und wieder weg. Und wieder da. "Noch mal!", ruft mein kleiner Sohn. Ich drücke den Kopf am Zündschlüssel – und wieder verschwindet Emily, die silberne Kühlerfigur, im massigen Grill des Rolls-Royce. In diesem Auto verschwinden auch andere Sachen: Die Türen von Fahrer und Beifahrer sind so groß, dass in beiden jeweils ein langer Regenschirm drinsteckt.

Wir stehen auf dem Parkplatz unseres Hotels in Korswandt, einem kleinen Ort auf Usedom. Etwas mehr als drei Stunden zuvor sind wir in Berlin losgefahren; wir sind mit 160, 180 Sachen über die Autobahn geschwebt, meine Frau hat auf dem Beifahrersitz gedöst und mein Sohn hinten auf dem eingebauten Fernseher seine Lieblingssendung auf Kika geschaut. So eine Autobahnfahrt mit dem Ghost kann unglaublich beruhigend sein: Man schaltet den Tempomat ein, aktiviert den automatischen Abstandswarner, und dann gleitet man einfach so dahin. Man kann den Ghost aber auch wie einen Sportwagen fahren: Einmal kurz das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, und der Wagen schiebt gewaltig nach vorn. Es gibt im Ghost übrigens keinen Drehzahlmesser, sondern nur eine Anzeige namens "Power Reserve", die einem ein Gefühl dafür gibt, was der Motor noch könnte, wenn der Fahrer in diesem Moment wollte.

Unsere Teststrecke führt von Korswandt nach Ahlbeck, ans Meer. Es geht rund fünf Kilometer durch den Wald, die Strecke ist voller enger Kurven und für eine Fahrt in Küstennähe erstaunlich hügelig. Aber der Ghost, sagt man, sei ein Rolls-Royce für Selbstfahrer. Also will ich ihn hier, unter etwas anspruchsvolleren Bedingungen, testen. Das Lenkrad wirkt fast zerbrechlich, so, als dürfe man es bloß nicht zu fest umgreifen. Aber die Straßenlage des Ghost ist wirklich perfekt, der schwere Wagen klebt förmlich auf dem Asphalt, und es macht einfach Spaß, sich in die engen Kurven hineinzuwinden. Dabei ist unsere Geschwindigkeit gar nicht hoch, doch selbst mit Tempo 50 ist diese Fahrt ein Erlebnis.

Als wir in Ahlbeck ankommen und ich das Auto parke, will mein Sohn gar nicht aussteigen. "Noch mal!", ruft er. Noch mal die Kühlerfigur verschwinden lassen? Nein, meint er, noch mal fahren.

Technische Daten

Motorbauart: 12-Zylinder-Benzin-Motor, Leistung: 420 kW (570 PS), Beschleunigung (0–100 km/h): 5,0 s, Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h, CO 2 -Emission: 327 g/km, Durchschnittsverbrauch: 14,0 Liter, Basispreis: 272.840 Euro

Marc Brost leitet das Hauptstadtbüro der ZEIT

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Der Autor ist allemal noch nicht viel in der Welt rumgekommen. In der Tat kenne ich auch "Provinzler" von der Nordsee, die sich nicht vorstellen können, dass es in Meeresnähe auch mal hügelig zugehen kann. Doch jeder, der mal Meer jenseits der deutschen Nordsee-Küste erlebt hat, dürfte da weit weniger erstaunt sein. Mit dem Protze-Rolls Royce kostet vermutlich die Überfahrt mit der Fähre nach Norwegen wg. Überlange etwas mehr, so dass es für die Fjorde noch nicht gereicht hat. Vllt. haben die Kosten für den Rolls Royce das Budget für einen Urlaub am Mittelmeer (Italien, Griechenland, Frankreich, Monaco) oder am Atlantik (Portugal) aufgezehrt ...

Naja, schön wenn der Auto wieder mal was Neues über die Gegend "vor der Haustür" lernen konnte.