Stilkolumne: Der Feinmechaniker unserer Zeit

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 26/2015

Wir leben im Rhythmus unserer Uhren, die kleinen Apparate am Handgelenk und die Displayanzeigen unserer Handys geben uns im Alltag den Takt vor. Wir wissen immer, wie viel Uhr es ist – und wie wir unser Leben mit dem all der anderen Menschen um uns herum synchronisieren. Die Erfindung der Uhr war gewissermaßen die Industrialisierung des Menschen.

Früher, als der Mensch noch auf dem Land seine Ackerscholle bestellte, kam es nicht darauf an, die Zeit genau zu messen. Der Rhythmus des Tages bestimmte die Tätigkeiten, und der Schlag der Kirchturmuhr kündigte an, wann man in den Gottesdienst zu gehen hatte. Im Zuge der Verstädterung aber wurde der Mensch Teil einer Maschine. Und wenn er eine Armbanduhr trug, war er ein sichtbarer Teil des großen Räderwerkes. Wer keine Uhr besaß, war nun ein Außenseiter – einer, der keine Termine hatte, der nirgends rechtzeitig sein musste, der genauso gut auf dem Land hätte bleiben können.

Die Aufbruchstimmung in New York Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Stadt schneller wuchs als je zuvor, veranlasste einen Juwelier zu einer ungewöhnlichen Marketingmaßnahme: 1853 ließ er über dem Eingangsportal seines Geschäftes eine 2,7 Meter große Statue des griechischen Titanen Atlas errichten, der ein großes Zifferblatt schultert. Der Juwelier hieß Charles Tiffany. Seine Botschaft: Die größte Last, die wir schultern, ist die Zeit. Die Uhr hatte einen Sekundenzeiger, schlug den Takt der Zeit also besonders genau und wurde deshalb die "New York Minute" genannt. Die Riesenuhr machte Charles Tiffany sozusagen zum Feinmechaniker der neuen, großen Menschenmaschine. Bald hatte er den Ruf, Uhren besonders genau nachzujustieren, und als 1883 in den USA die Zeitzonen eingeführt wurden, bot Tiffany seinen etwa 400 Kunden als besonderen Service an, die Uhren wöchentlich zu stellen. Lange bevor Tiffany durch den berühmten Film mit Audrey Hepburn noch bekannter wurde, hatte der Juwelier den Ruf, erstklassige Uhren herzustellen. Wer eine Tiffany’s am Handgelenk trug, signalisierte, dass er sich nicht leisten konnte, zu spät zu kommen, weil er einen wichtigen Job hatte. Heute sehen sich Menschen nicht mehr gerne als mechanische Rädchen, eher als Knotenpunkte in einem Netzwerk. Und statt der Uhr am Handgelenk legen sie das Smartphone auf den Tisch. Aber Teile einer großen Maschine bleiben wir doch.

Foto: CT60 von Tiffany, 7.550 Euro

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Sehr geehrter Herr Prüfer,

ich schreibe diesen Kommentar, da mir in den letzten Wochen einige Artikel aufgefallen sind und ich deren Logik und Daseinsberechtigung ich nicht verstanden hab.
Angefangen mit diesem Artikel: Was wollen Sie in diesem Artikel ausdrücken? Muss man uhr tragen, um kein bauer zu sein? Muss man seine uhr in new york kaufen, um die ny-minute zu haben? Muss man seine uhr in new york bei tiffanys (für 7500€) kaufen, um selbst heutzutage noch einen Hauch Pionier mitzubekommen? Ich hatte das Gefühl Sie wollen im letzten Abschnitt die immer weiter voranschreitende Beschleunigung unserer Arbeitswelt kritisieren. Wäre dann nicht gar keine Uhr und ein einfaches Handy die Lösung? Der Artikel kam mir eher wie eine ziemlich lange, offensichtliche Werbeanzeige daher.

Des Weiteren ist mir Ihre Gesellschaftskritik in Zusammenhang mit Milley Cyrus aufgefallen. Woher ziehen Sie als zuallererst den Schluss, dass Fleischesser sexyer sind als Vegetarier? (Just for the record: ich bin überzeugter Fleischesser) Auch der restliche Text erschließt sich mir leider nicht. Was wollten Sie hier rüberbringen? Traut euch Vegetarier zu sein? Vegan sein scheint ja im Moment the hot shit in Berlin zu sein.

Als letztes würde ich gerne Ihre Meinung zum Artikel "Triumph der Bademeister-Mode" wissen. Rein grundsätzlich will die Mode sich doch immer neu erfinden und immer neue Trends hervorbringen. Was vor 3 Jahren unvorstellbar war, ist heute das Must-Have. So what? Was ist da

(Leider kann man bei Ihrer Zeitung keine E-Mails an Redakteure schreiben, deshalb die Fortsetzung hier.)

das Problem? Aber auch in Ihrer Argumentationskette haben sich mir einige Fragen gestellt. Im dritten Absatz werden die Marabu-Pantolleten erklärt, welche ein besonders schöner und verzierter Damenschuh für das Schlafgemach ist. Im Anschluss daraus geschlussfolgert, dass der Gebrauch eines Schuhs auch schon früher öfters im Mittelpunkt stand. (Zitat: "Ebenfalls fürs Schlafzimmer gedacht waren sogenannte Marabu-Pantoletten, die mit Marabufedern verziert waren und gleichermaßen verspielt und verrucht wirken sollten. Es ging also weniger darum, wie der Schuh aussah, sondern vielmehr darum, was man damit machte.")

Daraus wird dann der Vergleich zu heutigen Pantoletten gestrickt. Für mich leider nicht nachvollziehbar. Ich muss leider sagen, dass ich die letzten Artikel des Zeit Magazins inhaltlich doch sehr mau fand, würde aber gerne Ihre Meinung dazu wissen.

Ich würde mich über eine Antwort an meine Email-Adresse oder in Form eines Posts sehr freuen.

Viele Grüße,

Lars W.