Devendra Banhart: Auf den Spuren der Fantasie

© Devendra Banhart
Der Folk-Sänger Devendra Banhart macht wunderbare Musik – doch er verzaubert auch mit seinen Bildern. Von
ZEITmagazin Nr. 27/2015

Musiker, die auch Kunst machen, gibt es ziemlich oft. John Lennon, Ron Wood, Pete Townshend, Jarvis Cocker: Sie alle haben – zumindest zeitweise – Kunstakademien besucht, um dann aber als Musiker berühmt zu werden. Devendra Banhart ist ein weiterer Musiker in dieser Reihe, aber auf den ersten Blick ist es nicht leicht zu sagen, ob er vielleicht nur zufällig als Musiker bekannt wurde, denn seine Bilder überzeugen genauso. Auch er war auf einer Kunstakademie, dem San Francisco Art Institute.

In Amerika steht der Name des 34-Jährigen für eine Art neue Hippie-Musik. Er macht "Weird Folk", experimentellen Folk, den Stil hat er mit geprägt. Mit Anfang zwanzig trat er noch mit wallendem Haar und rauschendem Bart auf, bisweilen in Frauenkleidern oder nackt. Bereits 2008 haben wir ihn im ZEITmagazin als Vertreter der Neo-Hippie-Bewegung vorgestellt. Äußerlich ist er mittlerweile gezähmt, Provokation hat er nicht mehr nötig. Devendra Banhart ist das, was er gerade assoziiert. Er ist Kunst.

Assoziativ muss man auch an seinen ersten großen Bildband herangehen. Er enthält Banharts zeichnerische Werke der letzten zehn Jahre und dokumentarische Fotos. Schon der Titel I Left My Noodle on Ramen Street ist, typisch Banhart, ein Wortspiel, das man eigentlich auch dann nicht versteht, wenn man weiß, dass Ramen eine Nudelsorte ist. Die Zeichnungen und Skizzen zeigen Muster, teils auf kaffeebefleckte Papierfetzen gebannt. Oder Fantasiewesen, die an Maya-Darstellungen erinnern. Ein Hinweis darauf, dass Banhart das kulturelle Erbe Südamerikas nicht fremd ist: Seine Mutter stammt aus Venezuela, er hat dort einen Großteil seiner Kindheit verbracht. Benannt haben ihn seine Eltern nach einem indischen Gott.

Ins Buch führt den Leser ein 15-seitiger Dialog, der angeblich angetrunken geführt wurde: Devendra Banhart und sein Singer-Songwriter-Freund Adam Green fabulieren sich von hinduistischen Aliens über Allen Ginsberg in Sphären, die Außenstehende kaum erschließen können. Den Sinn bergen die verspielten Zeichnungen. Sie sind wie Banharts Musik: harmonisch, seltsam, verschnörkelt, eine Einladung zu hemmungslosen Gedankenreisen.

"Get on the Dancefloor!" - Der Songwriter Devendra Banhart spielt eine zärtelnde Parodie auf den klassischen Dancetrack, exklusiv vor unserem Rekorder in der Berliner Galerie Braennen.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

"Äußerlich ist er mittlerweile gezähmt, Provokation hat er nicht mehr nötig."

Komisch, ich hatte nie den Eindruck, dass Banhart mit seiner Nacktheit, seinen Kostümen oder seinen schrägen Ideen in seinen Videos provozieren wollte. Da könnte man ja auch gleich seine ganze Musik als Provokation ansehen. Der sanfte Gitarrenbarde ist in Wahrheit ein Provokatör. Aha.

Wohl eher das Gegenteil.

Ich habe bei Banhart immer das Gefühl, dass er alles versöhnen möchte. Seine Ideenwelt mit der Realität, seine Kostümierungen mit seiner Umgebung und seine Nacktheit mit der Nacktheit der anderen Menschen (unter ihren Kleidern).

Banhart möchte die Welt mit seinen kleinen und großen Bedeutungslosigkeiten bereichern. Er singt über Spinnen, weil er deren Einzigartigkeit und die Schönheit ihrer Einzigartigkeit der Welt als Bild nahe bringen möchte, dass die Schönheit in allem liegen kann, was wir als schön ansehen wollen und nicht nur in dem (Bsp. Schmetterling), an dessen Schönheit man gar nicht vorbei sehen kann.

Banhart zähmen? Das wäre wohl am schnellsten mit einer Dosis Neuroleptika erledigt.