Gesellschaftskritik: Über die Probleme heutiger Zoodirektoren

© Sean Gallup/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 27/2015

Es ist alles nicht so einfach. Selbst der handfeste Beruf des Zoodirektors erfordert heutzutage größte Sensibilität. Erinnern Sie sich noch an den Fall der Giraffe Marius, die im Kopenhagener Zoo getötet und an Raubtiere verfüttert wurde? Kommentatoren auf der ganzen Welt kritisierten den Zoodirektor, er erhielt Morddrohungen, es gab eine Online-Petition für die Schließung des Zoos.

Auch der ehemalige Direktor des Berliner Zoos war nicht gerade beliebt. Er akzeptierte nicht, dass sich der Geist der Zeit gewandelt hatte, dass viele Menschen sich einen menschlicheren Umgang mit Tieren wünschen. Noch bei seinem letzten Auftritt verkündete er, Tierrechte gebe es nicht.

Der Neue, Andreas Knieriem, steht unter scharfer Beobachtung: Wird er es besser machen als der Alte? Jetzt wurde er auf die Probe gestellt. Es ging um Tosca, die Mutter eines der berühmtesten Tiere der Welt, des Eisbären Knut. Eigentlich hat sie sich um ihren Sohn nicht besonders verdient gemacht: Gleich nach der Geburt verstieß sie ihn, er wurde von einem Tierpfleger aufgezogen. Der Pfleger und der süße Bär purzelten durchs Tiergehege, dass es eine Freude war. Und gerade weil Knut so niedlich war, erhielt er eine sehr ernste Rolle: die des Mahners angesichts der Umweltzerstörung. Weltweit zierte er die Titelseiten, unter anderem die von Vanity Fair, gemeinsam mit Leonardo DiCaprio, der sich im Kampf gegen die Klimaerwärmung engagiert. Es waren die Jahre des Eisbären.

Sie währten nicht lange. Knut wurde keine fünf Jahre alt. Er starb 2011 vor den Augen der Zoobesucher, vermutlich an den Folgen einer Hirnhautentzündung. Es ist eine traurige Geschichte.

Nun also Knuts leibliche Mutter: Alt, blind, taub, vegetierte sie im Berliner Zoo dahin. Und war mit ihren knapp 30 Jahren an der Obergrenze der Eisbärenlebenserwartung angekommen. Eigentlich Zeit für ein gnädiges Eingreifen des Tierarztes, aber Andreas Knieriem weiß, wie schnell man als Zoodirektor heutzutage als herzloser Schlächter verschrien ist. Und so tat er etwas sehr Kluges: Da man bei den eigenen Tieren immer "befangen" sei, wie er mitteilte, bildete er eine "Ethikkommission" aus externen Fachtierärzten, Tierschutzbeauftragten und den zuständigen Tierpflegern. Ein genialer Schachzug der präventiven Deeskalation: Schon allein das Wort "Ethikkommission" signalisiert einen menschlichen Umgang mit dem Tier. Vergangene Woche wurde Tosca eingeschläfert. Bisher gab es keine Proteste.

Kommentare

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lediable
#1  —  6. Juli 2015, 10:46 Uhr

Dass eine solche Hanswursterei "Ethikkomission für Eisbär" und rückgratloses Einknicken vor Hysterikern mit Pseudoengagement als "sehr kluge Entscheidung" beschrieben wird ist völlig albern. Die wäre eher für Geflügel in Massentierhaltung angebracht, aber nicht für eine altersschwache Eisbärin, die in freier Natur schon lange verendet wäre (blind-keine Beute).
Lassen wir uns von facebook-Hysterikern und Taubenfütterern, die sich nur wichtig machen wollen, in ihrerm eigenen Leben aber oft keinerlei persönliches Engegement für den Tierschutz zeigen. inwzischen
die eigenen Entscheidungen über unsere Tiere abnehmen? Jeder Bauer wird über den Quatsch lachen.

Dahinvegetieren trifft es gut. Das tat sie aber nicht erst durch altersbedingte Krankheiten. Wie es jetzt aussieht, kann ich nicht beurteilen. Vor ein paar Jahren allerdings waren die Bärengehege eine trostlose Zumutung, für Besucher und vor allem für die Tiere.
Wildtiere haben im Zoo nichts verloren. Scheinargumente wie "Arterhalt" oder dergleichen sind Augenwischerei. Bisher hat kein Zoo dazu beigetragen. Man freut sich vieleicht über publikumswirksamen Nachwuchs, aber [...]. Die bleiben alle schön eingesperrt.
Für Tosca war der Tod auch unabhängig von ihren Gebrechen eine Erlösung.

[...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/ch