Harald Martenstein: Über schlaue Männer, die mogeln

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 27/2015

In Berlin gibt es wegen der Baustellen immer mehr Staus, das ist vielleicht auch anderswo der Fall. Ich fahre an sich ganz gern Auto, nicht gut, aber gern. Die Zeit, die ich in Staus verbringe, kommt mir so nutzlos vor, so tot. Seit einiger Zeit habe ich immer ein Buch oder eine Zeitung dabei. Ich lese während der Staus. Ich könnte auch ein Hörbuch verwenden, aber ich habe mir als Kind das Lesen angewöhnt. Neuerdings lese ich auch an der Ampel, zurzeit ein Buch von Karl Ove Knausgård, den lesen jetzt alle. Wenn die Ampel auf Grün schaltet und du nicht sofort losfährst, hupt in Berlin der Mensch, der hinter dir steht, und zwar innerhalb einer Zehntelsekunde. Ich sehe das inzwischen als Serviceleistung, aha, Ende der Lesezeit, Buddy, jetzt wird wieder gefahren. Ich ärgere mich nicht mehr über Staus, ich ärgere mich nicht mehr über Ampeln, ich habe diese Grasdackel ausgetrickst, die mir mit ihren Baustellen das Autofahren vermiesen wollten. Je mehr Staus es gibt, desto gebildeter werde ich.

Während des Fahrens denke ich dann über das Gelesene nach. Bei Knausgård gibt’s immer was zum Nachdenken. Wie sang schon Ozzy Osbourne, eines meiner role models? "I’m just a dreamer, I dream my life away."

Jetzt habe ich gelesen, dass in den USA jeder dritte sogenannte Workaholic sein Problem womöglich nur vortäuscht. Workaholics sind Arbeitssüchtige, die praktisch rund um die Uhr am Malochen sind, außer im Stau vielleicht. Die Bostoner Professorin Erin Reid hat eine global agierende Consulting-Firma untersucht, bei der 80-Stunden-Wochen üblich sind und die Angestellten rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Fast ein Drittel der Angestellten hatte großes Geschick darin entwickelt, so zu tun, als seien sie beschäftigt. Sie schützten Termine vor, sie loggten sich ins Firmennetz ein, aber in Wirklichkeit waren sie zu Hause und spielten mit ihren Kindern. Von Zeit zu Zeit riefen sie ihren Chef an, angeblich von unterwegs, und machten sich wichtig. Wenn sie um 17 Uhr das Büro verließen, sagten sie nicht etwa, dass sie nach Hause gehen, nein, sie erzählten eine Geschichte, in der das Wort "Arbeit" vorkam.

Diese Leute wurden von ihren Vorgesetzten nicht selten positiv beurteilt und befördert, kein Wunder, sie waren intelligent, einfallsreich und machten immer einen ausgeruhten Eindruck. Ihren Job erledigten sie so gut wie alle anderen, nur in kürzerer Zeit. Die Pseudodauerarbeiter waren allerdings mehrheitlich Männer. Nur 11 Prozent der Frauen taten manchmal so, als ob sie arbeiten, aber 31 Prozent der Männer waren auf diesem Trip. Die typische Angestellte verlangte ganz offiziell kürzere Arbeitszeiten, sie wollte das ordentlich regeln. Damit machte sie sich bei den Vorgesetzten nicht unbedingt beliebt. Der typische Angestellte dagegen erzählte eine erfundene, schwer nachprüfbare Story und fuhr einfach nach Hause, dafür wurde er auch noch befördert. Da sage ich: Ein Hoch auf die Ungerechtigkeit! Männer sind risikobereiter. Wie dieser Fall zeigt, kann diese Eigenschaft sehr nützlich sein für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Eigentlich geht es mir aber nicht um das Männer-Frauen-Ding, sondern um das Durchwursteln. Ich finde, dass man Widrigkeiten nicht immer frontal angehen muss, egal, ob es Staus sind oder eine Scheißfirma mit 80-Stunden-Woche. Ein bisschen mogeln, sich etwas einfallen lassen, unterm Radar fliegen, das ist oft das Schlaueste. Ich habe mich im Leben meistens durchgewurstelt, und, wie stehe ich da? Gar nicht so schlecht. I dream my life away.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Eines spricht gegen das Durchwursteln, verehrter Herr Martenstein: es ändert nichts. Deshalb ist Durchwursteln etwas selbstsüchtige für Menschen, die mit bereits ihrem persönliche Vorteil zufrieden sind. Meine Bewunderung jedenfalls gilt dem Kollegen, der seine Arbeit erledigt, die 80-Stunden-Show deutlich verweigert - und den Chef Chef sein läßt.

Man muss nicht alle Widrigkeiten frontal angehen, gewiss. Die Illusion nähren zu sollen, Anwesenheit sei Fleiß, ist jedoch etwas viel verlangt.

Lieber Herr Martenstein, ich sehe das alles genauso - inzwischen. Jeder Mensch, der im Job nicht virtuos mit einer schönen Fassade agiert - und seine Arbeit erledigt -, ist einfach nur unmöglich, ein Spielverderber ... Dass dies so viele Frauen ist schockierend, denn es zeigt, wie wenig vorangeschritten die Emanzipation ist... Welcher Job rechtfertigt denn schon den totalen, faustischen Einsatz? Ich denke, ein ausgeruhter Mensch kann sehr viel mehr ändern als jemand im Hamsterrad eines Systems. Er kann - z.B. - seinen Beitrag zu einem konstruktiven, entspannten und leistungsorientierten Arbeitsklima leisten. Viele Workaholics sind letztlich einfach nur in schlechte Gesellschaft geratene oder fehlgeleitete Menschen, denen es an Herz, Fantasie und/oder Kultur mangelt. Wer sich nur über seine Arbeit definiert, ist in jedem Fall in einer prekären Situation.