Augmented Reality Angriff auf die Welt

In dem Smartphone-Spiel "Ingress" von Google wird um echte Orte gekämpft – auch in KZ-Gedenkstätten.
ZEITmagazin Nr. 27/2015

Hans Tröbel starb am Pfingstsonntag 1942 im Alter von 29 Jahren. Er war Anfang jenes Jahres aus einem der Außenlager des KZs Sachsenhausen geflohen, und er wurde vor den Augen aller an einem zweibeinigen Galgen am Appellplatz gehängt. Die KZ-Wärter hatten einen Mithäftling gezwungen, die Exekution durchzuführen. Tröbel erstickte qualvoll am Strick. Noch heute sieht man die beiden in den Boden eingelassenen Röhren, in die die Galgenbeine geschoben wurden. Zu Weihnachten nutzte die SS die Vertiefungen, um einen Christbaum hineinzustecken.

Es ist ein bedrückender Ort. Ein Ort des Gedenkens – aber neuerdings auch Teil eines Computerspiels. Wenn man an dieser Stelle ein Smartphone aus der Tasche zieht und die App Ingress aufruft, erfährt man, dass sich hier das "Portal" mit dem Titel "Standort des Galgens" befindet. Auf dem Display des Smartphones erscheint ein kleines Dreieck, das stellt den eigenen Standpunkt dar. Neben dem Dreieck scheint ein grüner Geysir zu sprudeln, das sogenannte Portal. Wenn man nun bestimmte Felder auf dem Display berührt, kann man den "Standort des Galgens" in Besitz nehmen. Oder mit Bomben bewerfen.

Der Hersteller des Computerspieles Ingress heißt Niantic Labs und sitzt im kalifornischen Palo Alto. Es ist keine unbedeutende Spieleschmiede, sondern eine hundertprozentige Tochter des Internetriesen Google.

Jeder, der ein iPhone oder Android-Smartphone besitzt, kann sich Ingress gratis herunterladen – und nimmt damit an zwei Feldzügen teil. An einer weltweiten virtuellen Schlacht um das Schicksal der Menschheit – und dem ganz realen Ringen des weltgrößten Softwarekonzerns um die Führerschaft bei einer neuen Art von Computer-Entertainment: Augmented-Reality-Games. So nennt man Spiele, die die echte Welt zur Benutzeroberfläche machen. Ingress ist in der breiten Öffentlichkeit noch wenig bekannt und doch schon jetzt ein Megaerfolg. Im Dezember 2013 wurde es veröffentlicht, mittlerweile ist das Spiel elf Millionen Mal aus dem Netz geladen worden, schätzungsweise eine Million Menschen nutzen es täglich. Augmented-Reality-Spiele sind die Neuerfindung der klassischen Computer-Games. Und ein Problem für manche, die nicht gewillt sind, bei der schönen neuen Gaming-Welt mitzumachen. Denn Ingress ist ein Spiel, das nicht im heimischen Rechner bleibt, sondern überallhin kommt. Auch an KZ-Gedenkstätten.

Bei Spielen wie Ingress werden Realität und Fiktion vermischt. Die Spieler bewegen sich mit dem iPhone durch die wirkliche Welt. Der Bildschirm des Smartphones zeigt ihnen aber eine andere Realität. Diese Welt ist eine Art Vulkanlandschaft. Man sieht eine schwarz eingefärbte Karte, die Straßenzüge heben sich grau vom Untergrund ab. An zahllosen Stellen sprudelt blaues oder grünes Plasma aus dem Boden hervor, in Form von Wolken wabert es gen Himmel. Diese Stellen sind jene Portale, die im Mittelpunkt des Spiels stehen. Die Handlung ist ein Science-Fiction-Thriller: Von den meisten unbemerkt, dringt eine unbekannte Materie in die Welt der Menschen ein. Man nennt sie XM, Exotic Matter. In dieser seltsamen Welt kämpfen zwei Teams gegeneinander, die "Enlightened", die Erleuchteten, und der Widerstand, die "Resistance". Letzteres Team will die Menschheit vor der unheimlichen Materie beschützen, die "Erleuchteten" hingegen wollen sie für die Menschheit nutzbar machen. Welchem Team man angehören will, entscheidet man zu Beginn des Spiels. Die unheimliche Energie tritt an den Portalen aus dem Boden, um die eine endlose Eroberungsschlacht tobt. Beide Parteien versuchen, jene Portale mit virtuellen Gerätschaften, "Resonatoren", unter Kontrolle zu bringen oder mit Bomben, sogenannten Burstern, zu attackieren, falls der Gegner ihrer habhaft geworden ist. Portale der Erleuchteten schillern grün, die des Widerstandes blau. Die Spieler verbinden Portale mit "Links" und spannen sogenannte Kontrollfelder zwischen ihnen. Der Wert dieser Gebiete richtet sich danach, wie viele "Mind Units" innerhalb eines Feldes leben. "Mind Unit" ist das Ingress-Wort für Mensch.

Doch um zu erobern, muss man sich durch die reale Welt bewegen. Man muss sich mit einem Smartphone in der Hand der markierten Position nähern, bevor man sie etwa "hacken" kann. Dabei erhält man bestimmte Gegenstände, die für den Spieler wichtig sind, um weitere Portale erobern zu können oder gegnerische Portale mit Energiesalven zu attackieren. Bei solchen Spielzügen branden auf dem Smartphone-Display Wellen von Killerstrahlen auf, es knallt und schnarrt, rote Blitze zucken. Eine roboterhafte weibliche Stimme warnt. "You’ve been hit!" Umstehende können dagegen nur jemanden sehen, der manisch auf seinem Smartphone herumtippt.

In der Realität sind die Portale natürlich keine Tore zu einer anderen Welt, sondern Geo-Koordinaten, die in der interaktiven Karte von Google markiert sind. Sie befinden sich an Stellen, wo auch in der Realität etwas Markantes zu sehen ist. Das kann ein Denkmal, ein Gebäude oder auch ein Graffito an der Wand sein. In einer Stadt wie Berlin gibt es Tausende davon.

Um die Portale anzulegen, lässt Ingress seine Nutzer spielerisch für sich arbeiten. Denn die Vorschläge, an welchen Orten Portale eingerichtet werden sollten, kommen von den Mitspielern selbst. Als der Konzern vor Jahren die Welt für Google Street View abfotografierte, fuhren Kameraautos durch die Straßen. Viele Leute protestierten gegen die Ablichtung ihrer Häuser. Für Ingress sind nun die Spieler selbst unterwegs, fotografieren Gebäude und reichen sie als Portale ein. Die Spielefirma Niantic muss sie nur noch abnicken. Auch die Einreichungen der Spieler, die sich Portale in ehemaligen KZs wünschen, werden auf diese Weise bestätigt.

Augmented Reality verspricht ein Riesenmarkt zu werden. Die Analysten der amerikanischen Unternehmensberatung Digi-Capital etwa prognostizieren den jährlichen Umsatz von Software, Diensten und Geräten in diesem Bereich für 2020 auf 120 Milliarden US-Dollar. Und Spiele sind ein wichtiger Faktor, um Nutzer für neue Geräte zu begeistern. Mehr als 40 Prozent der Smartphone-Besitzer spielen regelmäßig.

Um sich von der Massenwirksamkeit des Google-Spiels zu überzeugen, muss man nur eine der regelmäßigen Ingress-Veranstaltungen besuchen. An einem Märztag hat Ingress im Georgengarten in Hannover zu einem Spielertreffen namens "Shōnin-Anomalie" eingeladen, mehr als 3.500 Menschen sind an diesem Samstag in dem Park im Stadtzentrum zusammengekommen. Auf dem Rasen tummeln sich Leute, die alle entweder irgendwie blau oder irgendwie grün sind. Sie tragen blaue Tücher, neongrüne Hüte, manche haben große Banner dabei wie Fußballfanclubs. Man kann Ingress allein spielen, aber viele Spieler schließen sich zu Ortsvereinen zusammen. Sie kommen aus ganz Deutschland, aus Frankreich, den Niederlanden, Schweden.

Sprechchöre schallen durch den Park. Was ist hier eigentlich los? Wo ist die Bühne, wo sind die Würstchenbuden, die Ordner? Aber nichts dergleichen gibt es hier, nur einen Mann mit Sonnenbrille und Sechstagebart, der auf den obersten Sprossen einer wackligen Leiter steht und auf Englisch mit einem Megafon die Menge anbrüllt: Dies sei die letzte Gelegenheit, vom falschen Weg abzukommen und der Gruppe der "Erleuchteten" beizutreten. Der Mann sieht ein bisschen aus wie Indiana Jones ohne Hut. Die Spieler kennen ihn von Videosequenzen, die Niantic regelmäßig im Internet veröffentlicht und die eine kryptische Ingress-Hintergrundhandlung erzählen. Es ist ein Schauspieler, der für das Game einen idealistischen Teilchenphysiker spielt. Er ist ein kleiner Star hier, die Spieler jubeln bei jedem seiner Worte. Eine junge Frau steht neben der Leiter, hält sie fest, damit der Mann nicht herunterfällt. Sie lacht. Es ist ein seltsamer Haufen, der hier zusammenkommt im Park. Es sind junge Leute dabei und alte, einige haben sich grün oder blau geschminkt, als seien sie auf einer Kostümparty. Sie haben nur eines gemeinsam: die Smartphones in ihrer Hand. Auch hier, auf dem großen Ingress-Spieltag, gilt es, Portale zu erobern und Punkte zu sammeln. Ein älteres Ehepaar kommt vorbei und fragt unvermittelt die junge Frau, die die Leiter hält, was "hier los" sei. Sie antwortet: "Ein Handyspiel."

Das Zusammentreffen der Tausenden in Hannover ist für Außenstehende genauso schwer einzuordnen wie das Spiel selbst. Ist das eine Party, ein Sit-in, ein Flashmob? Auf jeden Fall eine Meisterleistung im Lean Management: Drei Mitarbeiter der Hamburger Google-Zentrale sind die einzigen Konzernrepräsentanten. Mehr braucht es nicht, um 3.500 Leute für ein Ingress-Event zusammenzukriegen. Und um sie geht es: Damit ein Spiel wie Ingress interessant für Werbepartner wird, braucht es viele aktive Mitspieler – und die bleiben nur, wenn es viele Portale gibt, um die sie sich balgen können.

Das ist die problematische Seite des Spiels: Die Portale werden von der Google-Tochter im Akkord ausgegeben. Seit Veröffentlichung von Ingress sind weltweit etwa drei Millionen Portale installiert worden. Niantic kann ein Portal auf einem öffentlichen Platz einrichten oder an einer privaten Haustür. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten derer, die gerade nicht mitspielen. Dabei ist die ganze Welt Spielfläche. Das Google-Spiel kennt keine Grenzen. Wohl auch keine ethischen.

Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg ist ein Beispiel dafür. Auf dem Gelände gibt es 74 Spielpunkte (bei Redaktionsschluss). Es ist nicht nachzuvollziehen, wer die Portale dort beantragt hat, ob dahinter antisemitische Gesinnung, Ignoranz oder nur Indifferenz steht. Sicher ist nur, dass jedes einzelne dieser Portale von Niantic bestätigt wurde. Los geht es mit einem Portal am Eingang, das mit dem Titel "Arbeit macht frei" gelistet ist. Auch Wachtürme und das Krematorium mit angeschlossener Gaskammer sind Portale bei Ingress. Sowie Massengräber und Gedenksteine.

Die Leitung der Gedenkstätte, die das Hausrecht hat, wurde nicht um Erlaubnis gebeten, das Gelände des ehemaligen KZs für Augmented-Reality-Spiele zu nutzen. Die Mitarbeiter wussten nichts, bis zur Anfrage des ZEITmagazins. "Wir sind hier alle sehr erschüttert", sagt Günter Morsch, der Leiter der Gedenkstätte. "Besonders dass Wachtürme, von denen aus Menschen erschossen wurden, nun wieder in eine Form von Eroberungsspiel einbezogen werden, finde ich unbegreiflich." Die Gedenkstätte sei ein Friedhof. Überall auf dem Gelände, sogar im Bodenbelag, befinde sich Menschenasche. "Es ist bestimmt kein Ort für Computerspiele." Die Praxis der Google-Tochter findet er "amoralisch".

Morsch macht immer wieder die Erfahrung, dass die Sensibilität gegenüber den Orten der Judenvernichtung abnimmt, je länger die NS-Zeit zurückliegt. Einmal sei in einem Teil des Außengeländes sogar ein Paintball-Schießspiel abgehalten worden. Damals waren die Veranstalter eine Gruppe junger Ärzte aus Berlin. Sie hätten vorgegeben, nicht gewusst zu haben, dass man sich auf einem KZ-Gelände befinde. Nun hat es Morsch mit einem US-Konzern zu tun, der normalerweise genau weiß, was er tut.

Dabei ist Sachsenhausen kein Einzelfall. Die Ingress-Portale haben sich überall ausgebreitet. Auch auf das Grundstück des ehemaligen KZs Ravensbrück, wo Mitglieder der SS Zehntausende Frauen und Kinder ermordeten. Genauso auf die Gelände der ehemaligen Konzentrationslager in Hamburg-Neuengamme, in Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen, Mittelbau-Dora. Das Holocaust-Denkmal in Berlin ist ebenfalls ein Portal. Die sogenannten Stolpersteine, kleine Gedenkplaketten vor Häusern, in denen Juden wohnten, die deportiert und ermordet wurden, sind als Portale in vielen Städten sehr beliebt. Selbst in den deutschen Vernichtungslagern, die sich im heutigen Polen befinden, kann nach exotischer Materie gesucht werden. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek gehört dazu, und die Gedenkstätte zu der Tötungsanlage Belzec ist ebenfalls dabei. Und natürlich die weltbekannten Stätten des Holocaust: Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. In Birkenau lassen sich das Eingangsgebäude erobern und ein Deportationswaggon, der auf dem Lagergelände steht, sowie das Mahnmal zwischen den zerstörten Gaskammern. Im Stammlager ist ein Wachturm eine Spieltrophäe. Und wie in Sachsenhausen hat man auch hier das Eingangstor mit dem schmiedeeisernen Spruch "Arbeit macht frei" zum Portal gemacht. Fast überall, wo bis 1945 Juden, Oppositionelle, Homosexuelle, Roma und andere Menschen, für die das NS-System keine Verwendung hatte, ermordet wurden, kann man heute mit seinem Handy Punkte sammeln.

Besonders Gedenkstätten in der Nähe von Großstädten fallen durch zahlreiche Portale auf. Im Umfeld des ehemaligen KZs Dachau bei München finden sich 41 Ingress-Portale (bei Redaktionsschluss). Gabriele Hammermann, die Leiterin der Gedenkstätte, hat dafür keinerlei Verständnis. "Das Augmented-Reality-Spiel betreibt eine Tilgung und Überformung der mit diesem Ort verbundenen Geschichte und stellt damit letztlich eine unerträgliche Verharmlosung dar", sagt sie. Auch das Comité International de Dachau, der Verband der Überlebenden des Konzentrationslagers und ihrer Nachkommen, habe sich "entsetzt gezeigt von dieser neuen Dimension von Missbrauch dieses Ortes", sagt Hammermann. Man überlegt nun, rechtliche Schritte einzuleiten, weil man das Hausrecht verletzt sieht.

Ob es wirklich gegen formales Recht verstößt, einen Gedenkort in Computerspiele einzubeziehen, ist allerdings unklar. Schließlich wird nirgends darauf hingewiesen, dass der Ort auf diese Weise nicht genutzt werden darf. Und ein Portal ist auch kein physischer Gegenstand, sondern lediglich eine Markierung auf einer virtuellen Karte. Stefanie Schüler-Springorum vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin bewertet den Fall ziemlich deutlich. "Das ist zumindest eine unglaubliche Geschmacklosigkeit, solche Orte für Computerspiele zu nutzen." Außerdem gelte generell für jüdische Friedhöfe, aber auch für Gedenkstätten, an denen Juden ermordet und verscharrt wurden, ein strenges Gebot der Totenruhe.

Bei Niantic macht man sich darüber offenbar weniger Gedanken. Dazu dürfte auch nicht viel Zeit sein. Das Unternehmen ist ein Google-Start-up mit etwa 75 Mitarbeitern. Mit der Prüfung und Genehmigung von Portalen sind laut Niantic rund 100 Vertragskräfte beschäftigt. Sie arbeiten eine Liste von bislang zehn Millionen Einreichungen ab. Wer ein Portal beantragt, bekommt eine E-Mail, man werde den Ort "prüfen". Mitunter dauert es mehrere Monate bis zur Entscheidung.

Die Firma gibt sich allerdings auch keine Mühe, die Spielergemeinde zu sensibilisieren. Im offiziellen Leitfaden, der auf den Google-Seiten veröffentlicht ist, findet sich kein Hinweis darauf, dass ein Spieler darauf achten sollte, ob er am jeweiligen Ort Gefühle verletzen könnte. Dagegen heißt es, als Portal eigne sich besonders "ein Standort mit einer tollen Hintergrundgeschichte, von historischer Bedeutung oder mit pädagogischem Wert". Es werden ausdrücklich "historische Standorte, Denkmäler und Gedenktafeln" empfohlen. Auch "öffentliche Gebetsstätten" findet die Firma als Portale geeignet. In den Richtlinien erklärt man das mit der "Würdigung des Übernatürlichen, das integraler Bestandteil der Geschichte von Ingress ist". Eine solche Würdigung des Übernatürlichen ist es demnach auch, dass man an der Oranienburger Straße in Berlin nun das Portal "Berliner Synagoge" umkämpfen oder in München Portale am Alten Israelitischen Friedhof "hacken" kann.

Der Kopf hinter dem Google-Spiel heißt John Hanke. Er ist Ende 40, sieht aber mit seiner dichten brünetten Matte aus wie ein leicht gealterter Jugendlicher. Der Manager aus Texas ist seit 2004 bei Google. Zuvor hatte er das Start-up Keyhole gegründet, das von Google aufgekauft worden war. Dabei erwarb der Konzern auch das wichtigste Produkt von Keyhole: eine aus Satellitenfotos zusammengesetzte Weltkarte. Sie wurde später als Google Earth bekannt. In den vergangenen Jahren hat der Konzern jeden Winkel des Planeten vermessen und digital urbar gemacht. Nun füllt Hanke als Leiter des Google-Start-ups Niantic Labs diesen Raum mit Spielideen.

Auf Spielorte wie Friedhöfe angesprochen, findet Hanke, dass man zwischen geeigneten und ungeeigneten Friedhöfen unterscheiden sollte. "Friedhöfe zählen bestimmt zu den schwierigeren Angelegenheiten", erklärt er am Telefon. "Wir haben aber festgestellt, dass sie in verschiedenen Kulturkreisen auf der Welt sehr unterschiedlich wahrgenommen werden." In seinem Heimatort San Francisco gebe es einen herrlichen historischen Friedhof, den ein Landschaftsarchitekt entworfen habe. Die Leute würden darin spazieren gehen oder auch joggen wie in einem Park. Andererseits gebe es natürlich auch Friedhöfe, die man nur betrete, um Grabstätten oder eine Beerdigung zu besuchen. Man habe schon Portale an religiösen Stätten wieder zurückgenommen, weil man darum gebeten worden sei.

Auf die Frage, wie er dazu stehe, wenn Gedenkstätten für Menschen, die von den Nazis deportiert und getötet wurden, in das Spiel einbezogen werden, sagt der Niantic-Chef: "Solche Orte sind historisch, können also generell für Portale genutzt werden." Er schränkt ein: "Aber an solchen Orten ist die Geschichte immer noch eine offene Wunde, und sie sind mit einem Stigma verbunden, also sollten sie nicht bei Ingress auftauchen." Allerdings verlasse man sich da auf die Community, jeder sei aufgerufen, ungeeignete Orte zu melden.

Das tun die Spieler tatsächlich – aber mitunter erfolglos. So beschwerte sich ein Spieler aus München bei Niantic, dass im KZ Dachau volle 18 Portale verzeichnet seien, und bat darum, diese Zahl zu reduzieren. Das war im April 2013. Seitdem hat sich die Zahl der Spielstationen im Bereich des ehemaligen KZs verdoppelt. Dagegen finden sich Beispiele von Fällen, in denen Niantic fragwürdige Portale auf Nachfrage freigegeben hat. So wurden in manchen Fällen Stolpersteine als Portale zunächst abgelehnt. So geschehen im Februar in Lüdinghausen in Nordrhein-Westfalen. Ein Spieler protestierte gegen diese Entscheidung und bekam recht. Von Niantic erhielt er die Nachricht: "Wir haben es uns noch einmal angeschaut und unsere Meinung revidiert. Das Portal Stolpersteine Familie Merländer ist jetzt online. Happy Hacking!"

Dass man bei einem Spiel wie Ingress mitmacht und Spaß daran hat, bedeutet nicht, dass es einem egal ist, wo gespielt wird. Die Frage, ob es sich bei all den Portalen um angemessene Orte handelt, wird durchaus diskutiert. Manche Spieler argumentieren in Internetforen, durch das Spiel kämen viele Menschen überhaupt erst an denkwürdige Orte, die sie sonst nicht besuchen würden. Andere berichten von Erlebnissen, die sie beschämt haben. Im Forum "Reddit" schreibt einer: "Einmal saß ich auf einem Friedhof neben einer Grabsäule, die ich gerade wegblasen wollte. Da kam jemand, reinigte das Grab und legte Blumen ab. Ich fühlte mich wie ein Arsch."

Wenn Realität und virtuelle Spielewelt aufeinanderprallen, kommt es zu ungeahnten Konflikten. Dabei hat alles mit einer unschuldigen Idee begonnen, wenn man der Entstehungsgeschichte von Ingress Glauben schenkt, wie dessen Chef Hanke sie erzählt: "Ich wandere gerne und bin viel mit dem Rad unterwegs. Aber ich hatte Probleme, meine Kinder zum Spielen vor die Tür zu kriegen." Da er selbst den größten Teil seiner Karriere vor dem Bildschirm verbracht habe, sei ihm der Gedanke gekommen, dass er mit Smartphone-Spielen Spaß und Bewegung zusammenbringen könnte. Damit lag er offenbar richtig.

Womit er nicht gerechnet hatte: dass das Spiel nicht nur unter Freunden gespielt wird, sondern dass sich auch neue Leute über das Spiel kennenlernen. Spieler besuchen gemeinsam die Anomalien genannten Treffen, die es auf der ganzen Welt gibt, und am Abend folgt immer eine Party.

Wenn so viele Leute von einem Spiel begeistert sind, kann man ihnen nebenbei auch etwas verkaufen. Etwa eine Versicherung. Seit vergangenem Dezember wirbt der Versicherungskonzern Axa bei Ingress . Seitdem sind nicht nur Axa-Filialen zu Spielportalen geworden, man kann ein Portal auch sinnigerweise mit einem "Axa-Shield" vor feindlichen Angriffen schützen.

Ingress ist wohl erst der Anfang der neuen Spielewelt. John Hanke ist überzeugt, dass den Reality-Games eine große Entwicklung bevorsteht. Noch in diesem Jahr wird Niantic eine Ingress-Alternative namens Endgame auf den Markt bringen. In dem Spiel soll es um mysteriöse Meteoriteneinschläge gehen. Und statt zwei Parteien wie bei Ingress wird es zwölf Fraktionen geben, die um die Macht streiten.

Außerdem möchte Niantic die eigene Software anderen Spieleentwicklern zur Verfügung stellen. Mit der Technologie des Erfolgsspiels können dann neue Handlungen entworfen werden. John Hanke kann sich sehr gut vorstellen, dass die Ingress-Plattform auch für andere Plots geeignet sei. Für Vampirstücke genauso wie für Detektivgeschichten aus den dreißiger Jahren. So soll die reale Welt mit immer neuen Spieloberflächen überzogen werden. Während die einen in einem Park noch seltsame Materie sammeln, könnten andere schon dabei sein, auf demselben Gelände virtuelle Blutsauger zur Strecke zu bringen. Dabei wird ein Gewinner schon feststehen: An den etwaigen Umsätzen der neuen Spiele will die Google-Tochter Niantic beteiligt werden, sagt Hanke.

Auf dem Gelände des ehemaligen KZs Sachsenhausen allerdings soll die Jagd nach Punkten bald beendet sein. Gedenkstättenleiter Morsch möchte ein Schild anbringen, das das Betreiben von Augmented-Reality-Spielen untersagt. Dort, wo Hans Tröbel und Tausende andere starben, sollen die Quellen für exotische Materie versiegen.

Auf Anfrage des ZEITmagazins zu den Portalen in den Gedenkstätten Dachau und Sachsenhausen teilt Google mit: "Diese speziellen Portale sind von signifikantem historischem Wert und wurden deshalb von Spielern eingereicht." Als Reaktion auf die Anfrage werde man "diese Bereiche erneut überprüfen und alle Portale, die von Spielern gemeldet worden sind, entfernen".

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