Die großen Fragen der Liebe: Was kann sie tun, damit er sich nicht übernimmt?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 27/2015

Die Frage: Maria und Joachim sind bald dreißig Jahre zusammen, die beiden Söhne sind fast erwachsen, Maria ist Anwältin in einer renommierten Kanzlei, Joachim hat neben seiner Tätigkeit als höherer Beamter in einem Ministerium ein privates Forschungsinstitut gegründet und lukrative Aufträge an Land gezogen. Jetzt will er angesichts seiner bevorstehenden Pensionierung eine sanierungsbedürftige Burg zu einem Umweltzentrum umbauen. Maria findet, dass Joachim immer öfter cholerisch reagiert, wenn etwas anders läuft, als er sich das vorstellt. Er hat Bluthochdruck und Übergewicht. Wenn Maria ihm zuredet, er solle das Burg-Projekt zugunsten seiner Gesundheit aufgeben, gibt es Streit. Joachim findet, dass sie ihm schlechtreden will, woran sein Herz hängt.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Erfolgreiche Menschen tun sich schwer, die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu respektieren. Joachims Lebensgeschichte zeigt, dass ihm die Welt eines Ministerialbeamten schon immer zu klein war – und jetzt wird er bald in der noch kleineren Welt des Pensionärs leben. Er fühlt sich bedroht. Maria hat es besser; sie kann im Prinzip arbeiten, solange sie mag. Joachim möchte die drohende Leere füllen. Maria sollte aufhören, ihm ins Gewissen zu reden. Viel bekömmlicher für beide ist, wenn Maria Joachim für seinen Anteil am gelungenen Familienleben lobt und so seine Sehnsucht nach einem gemütlicheren Alltag weckt. Sie sollte sich nicht ungebeten in seine Angelegenheiten einmischen, aber auch nicht dulden, wenn Joachim die Familie vernachlässigt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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