Stilkolumne: Auf in die Wildnis

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 27/2015

Die Darstellung von Naturmotiven, seien es Blüten, Fellzeichnungen oder Raubtiere, war in der Mode schon immer verbreitet. Dabei ist die Mode selbst ein Produkt der Entfremdung des Menschen von der Natur. Nur durch Distanz zu ihr konnte der Mensch beginnen, sich die Natur anzueignen. Was wir heute vorrangig mit idyllischer Schönheit assoziieren, stand uns einst grimmig gegenüber. Die Natur war etwas, das einen ziemlich zuverlässig umbrachte, wenn man sich ihr zu unbedarft näherte. Erst einmal musste der Mensch mit der Natur fertigwerden, um sich ihrer ästhetischen Seite annehmen zu können.

So war die Natur bis Ende des 19. Jahrhunderts noch etwas, das es vor allem zu bezwingen galt. Es war die Zeit der Großwildjäger. Felle von Raubtieren, die zu Mänteln verarbeitet wurden, hatten den Stellenwert einer Trophäe. Sie wiesen auf hohen Status hin und auf männliche Potenz. Der Mann, der in den Busch ging, um ein Tier zu erlegen, galt als begehrenswert. Wer dort nur Blumen und Käfer sammelte, war ein komischer Vogel.

Nun bricht die Mode wieder in die Wildnis auf. Chanel hat Bergwelt-Motive auf Kleider gestickt, und M Missoni hat Füchse auf Jacken gedruckt. Auf einem Mantel von Max Mara blitzt ein Tiger den Betrachter an, bei Valentino flattern Schmetterlinge über eine Camouflage-Jacke, und Stella McCartney lässt allerlei Wildkatzen über die Röcke tollen. Auch Eule, Panda und Flamingo beleben die aktuellen Sommerkollektionen.

An der Darstellung von Natur in der Mode lässt sich ablesen, wie das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ist. Heute sind Tiere in der Mode nicht mehr als mögliche Beute zu sehen. Man trägt einen Tiger aus Sympathie für den Tiger – und nicht, weil man von einem Kerl träumt, der einen Tiger erschießen kann. Das ist gut für die Tiere, denn es gilt nicht mehr als Heldentat, einer Großkatze das Fell abzuziehen. Allerdings haben wir heute auch keinen direkten Bezug mehr zu der Wildnis, die wir auf unseren Kleidungsstücken abbilden. Tiere sind keine Nahrungskonkurrenten mehr und auch keine Fressfeinde. Fauna und Flora sind für uns etwas Abstraktes geworden, wir empfinden sie im besten Sinn als exotisch. Einen Tiger können wir uns nicht mal mehr als gefährliches Tier vorstellen. Es ist also vielleicht kein Zufall, dass die Mode die Natur und die Tiere so liebt.

Foto: Nicht dschungeltauglich, aber exotisch: Naturmotive auf einer Bluse von Chanel

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